Berliner Zeitung; 2.12. 1999

 

Wohin die Sehnsucht fällt

Der Regisseur David Lynch über seltene Bingo-Gefühle, das Gute – und das Böse, das sich im Leben versteckt hält

Nach düsteren, manierierten Filmen wie "Lost Highway" oder "Blue Velvet" wollte David Lynch nun "The Straight Story" ganz geradeheraus erzählen: als die Geschichte von Alvin Straight, der mit dem Rasenmäher durch Amerika fährt, um sich endlich mit seinem Bruder auszusöhnen. Birgit Glombitza sprach mit dem Regisseur.

Noch nie sah man einen so bescheidenen und friedlichen Lynch-Film wie "The Straight Story". Was ist los?

Komisch, dass jeder denkt, ich sei krank. Dabei ist das genauso wie mit Elvis Presley. Die ganze Welt dachte, "Ach Elvis, das ist doch dieser wilde Rocker". Und dann sang er plötzlich so etwas wie "Love me tender". Im Übrigen sollte man nie auf die Erwartung eines Publikums hin planen. Ich bin mein eigenes Publikum.

"The Straight Story" basiert, anders als die meisten Ihrer Filme, auf einer wahren Begebenheit. Ist die Wahrheit etwas, das man geradeheraus erzählt?

Nichts ist so seltsam und verworren wie die sogenannte Wahrheit. Nicht einmal Fiktion. Deswegen wirken wahre Begebenheiten oft kitschig, verlogen und werden von rührigen Gemütern noch einmal ins Ergreifende und Unglaubliche aufpoliert. Das Wahre kann also eine komplizierte Sache sein und muss keineswegs geradeaus und linear verlaufen. Ich stieß auf diese Geschichte von den zerstrittenen Straight-Brüdern, verliebte mich mit einem dieser seltenen Bingo-Gefühle sofort in sie und brauchte eigentlich nur noch die Ohren aufzusperren.

Warum die Ohren?

Weil die Geschichte mir selbst sagte, wie sie erzählt werden wollte. Andere Storys wollen obskur, hermetisch und surreal wiedergegeben werden. Aber diese war anders. In ihrem Kern so minimal und pur, dass man sie nur ganz behutsam, schlank und linear erzählen durfte. Da durfte es keine aufdringlichen Effekte geben, keinen Bombast und eben auch keine Sprünge. Sonst hätte man alles kaputt gemacht.

Sie haben eine recht romantische Vorstellung von kreativen Prozessen. Sehen Sie sich als ein Medium, das von einer Geschichte erwählt wird?

Ja, unbedingt. Das ist mein durch und durch romantisches Künstlerideal. Aber auch meine Erfahrung. Die Geschichte ist nicht meine. Sie durchdringt mich, wirft ihre Bilder vor das Kino meiner inneren Stirnseite. Und dieser inneren Preview muss ich möglichst treu bleiben.

Alwin Straight ist für ein Roadmovie mit seinem Rasenmäher nicht gerade beeindruckend mobil. Seine Reise führt ihn auch nicht durch feindliches Land, wie es sich für Pioniere im Western gehört, und sie bringt ihn immer weiter in den Osten. Ist "The Straight Story" so etwas wie der erste amerikanische Eastern?

Daran habe ich überhaupt nicht gedacht, aber der Gedanke, Amerikas ersten Eastern produziert zu haben, gefällt mir. Ich hatte auch keinen ironischen Genre-Kommentar zum Western im Sinn. Aber wenn Alwin auszieht, mit dieser hartnäckigen Langsamkeit, entspricht das natürlich einer Gegenthese zu diesem Teil der amerikanischen Filmgeschichte.

Der Film ist niemals schneller als sein Held. Auch eine eingeflüsterte Regie-Anweisung der Geschichte selbst?

Ja, aber auch eine Entscheidung aus ganz infantiler Besorgnis. Tatsächlich wollte ich ganz nah bei Alwin bleiben, weil ich mir Sorgen machte, es könnte ihm auf seiner Reise etwas zustoßen. Der Film passt sich ihm an, um zu begreifen, wie Alwin sich den Raum auf seine Weise, durch Langsamkeit, erschließt. Dadurch verändert sich die ganze Welt. Man kann Einzelheiten viel besser erkennen, auch der Himmel bekommt eine ganz andere Bedeutung. Er wird ein meditatives Bild, das sich ganz allmählich verändert. Diese Konzentration hat mich interessiert.

"The Straight Story" wirkt versöhnlich und idealistisch. Haben Sie nach all den Albträumen Brüderschaft und Humanität neu entdeckt?

Neu entdeckt habe ich das nicht. Meine anderen Filme kommen ja nicht komplett ohne diese Statements aus. Außerdem ist ja nicht alles in Alwins Leben wunderbar. Um seine Gesundheit steht es nicht zum Besten. Diesmal zeige ich nicht das Sinistre und Albtraumhafte, sondern die andere Seite. Schließlich hält sich das Böse meistens im Leben versteckt. In der Idylle, im Frieden. Nur diese zwei Stunden von "Straight Story" passiert nichts Schlimmes. So ist und bleibt das Böse immer da, auch wenn man es nicht sieht.

Nach welcher Utopie suchen Sie als romantischer Künstler?

Einfach nur nach dem Nächsten, in das man sich verlieben kann. Ist der Film fertig, verläuft das wie bei einer Scheidung. Man weiß, nicht wie lange es dauern wird, bis man sich wieder verliebt. Oder, wie die Frau aussehen wird. Nicht zu wissen, wohin die nächste Sehnsucht fällt, das ist eine dieser wundervollen Abstraktionen, die das Leben für uns bereithält. Und es wäre ein Fehler, sich nicht auch für Blondinen offen zu halten, wenn man bislang nur Brünette geliebt hat.