Cinema Dezember 1999
The Straight Story

Regie-Querulant David Lynch zeigt mit einem sehr langsamen Road-Movie, worum es im Leben wirklich geht

Immer, wenn sich das Jahr dem Ende zuneigt, beginnt in Hollywood die große Oscar-Hysterie. wer wird abräumen, welches Studio geht leer aus? Schon jetzt hoch gehandelt werden Hauptdarsteller Richard Farnsworth und Nebendarstellerin Sissy Spacek für diesen Film von David Lynch. Der hier ganz anders ist, als man ihn sonst kennt. Nach bizarren Schockern wie "Blue Velvet" und "Wild at Heart" zwingt er uns in ein Erzähltempo, das man getrost als phlegmatisch bezeichnen darf.

Die Bilder schleichen geradezu, wenn der 73-jährige Alvin Straight durch malerische Landschaften zu seinem Bruder fährt. Da ihm der Führerschein abgenommen wurde, benutzt er seinen Rasenmäher und benötigt so ganze sechs Wochen für die 700 Meilen. Unterwegs trifft er allerlei Leute, mit denen er über das Leben, die Geduld und das Glück des Alttäglichen redet. Ab und zu telefoniert er mit seiner geistig behinderten Tochter Rose. Sonst passiert - nichts.

Als Zuschauer muss man sich an dieses Schneckentempo erst einmal gewöhnen. Aber bald fühlt man sich wie dieser schrullige Rasenmähermann, genießt jede Meile und beginnt, in den Bildern die Details und in den Gesprächen die Zwischentöne zu entdecken. Gesichter, auf denen die Kamera lange verweilt, erzählen ihre eigenen Geschichten. Und schließlich begreift man, worum es Lynch geht: Würde. Darüber ließe sich noch stundenlang diskutieren.

Gernot Griksch

 

Sechs Wochen auf dem Rasenmäher:

Richard Farnsworth als Straight