Focus , 29.11. 1999
David Lynch Tod beim Zigarettenkaufen

 

 

David Lynch, Schöpfer abseitiger Kino-Albträume,

über seine Ängste und die Erfahrung,

mal einen "gesunden" Film zu drehen

 

 

FOCUS: Mr. Lynch, hätten Sie sich "Ein wahre Geschichte - The Straight Story" ausdenken können?

Lynch: (Lacht) Auf keinen Fall! Das Leben schreibt  scheinbar doch die bizarrsten Geschichten: Ein 73-jähriger Mann fährt sechs Wochen lang über 500 Kilometer auf seinem Rasenmäher quer durch zwei US-Bundesstaaten, nur um seinen Bruder zu sehen - das ist schon sehr weit hergeholt!

FOCUS: Obwohl der Lynch-Touch erkennbar ist, haben Sie sich bei der Inszenierung sehr zurückgehalten...

Lynch: ... und vielleicht liegt gerade darin etwas Gespenstisches. Nein, im Ernst: ich wollte diese Geschichte, die ja tatsächlich fast so geschehen ist, so geradlinig wie möglich erzählen.

FOCUS: Hatten Sie keine Angst, Ihr Fan-Publikum vor den Kopf zu stoßen?

Lynch: Auch wenn es arrogant klingen sollte: Wenn ich einen Film entwickle, denke ich an mein Publikum zuletzt. Und ein Künstler, der sein Schaffen nach kommerziellem Erfolg ausrichtetet, ist mir von Grund auf suspekt. Auf eine gewisse Weise ist "The Straight Story" der extremste Film, den ich je gemacht habe.

FOCUS: Er erinnert etwas an "Der Elefantenmensch"...

Lynch: ... ich bin sehr froh, dass Sie das auch so sehen. Er ist auf emotionaler Ebene dem "Elefantenmenschen" sehr ähnlich. Wissen Sie, meine Filme sind wie Mosaiksteinchen, die sich am Ende hoffentlich zu einem großen Bild zusammenfügen, das in sich geschlossen ist. Aber vielleicht habe ich auch nur einen tiefen, gesunden Lungenzug genommen, bevor ich mich wieder mit den dunklen, ungesunden Dingen des Lebens beschäftige (lacht). Aber fragen Sie mich nicht, was das genau sein wird.

FOCUS: Vielleicht Ihr verschollenes Kafka-Projekt "Metamorphosis"?

Lynch: Das wäre schön. Diese Verwandlungsgeschichte ist ein langgehegtes Lieblingsprojekt von mir. Aber leider habe ich es in den letzten Jahren völlig aus den Augen verloren.

FOCUS: Obwohl das doch purer Lynch-Stoff ist. Dieser traurige, absurde Humor...

Lynch: Ganz genau. Viele halten Kafka für dunkel und kryptisch - eine Meinung, die ich überhaupt nicht teile. Für mich ist Kafka ein genialer Komiker.

David Lynch David Lynch David Lynch

FOCUS: Wie kommt es eigentlich, dass ein so sanfter Mensch wie Sie so schauerlich-schöne Filme macht?

Lynch: Ich kann leider weder mit einem Kindheitstrauma noch mit einer Horrorgeschichte, die mir tatsächlich passiert ist, dienen. Ich interessiere mich eben sehr für den Horror, der seinen Ursprung im Verborgenen hat, im scheinbar so unschuldigen und abgesicherten Terrain.

FOCUS: Hatten Sie Leitbilder bei diesem Trip ins Ungewisse?

Lynch: Nein, für Leitbilder bin ich nicht prädestiniert. Ich bin auch alles andere als ein Film-Experte. Ich gehe erst seit kurzem mit einer gewissen Regelmäßigkeit ins Kino. Natürlich erinnere ich mich aber daran, wie mich Filme von Fellini, Bergman und natürlich Kubrick bis ins Mark erschüttert haben. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich durch diese großen Meister beeinflußt wurde. Der Maler Francis Bacon hat das zum Beispiel mit Sicherheit getan.

FOCUS: Könnten Sie sich ein Bild von Bacon in ihrem Wohnzimmer vorstellen?

Lynch: Absolut. Das wäre wunderbar. Ich weiß, dass diese Vorstellung viele verstört - aber ich würde mir einen Bacon auch ins Wohnzimmer hängen.

FOCUS: Macht Ihnen überhaupt etwas noch Angst?

Lynch: Das Unbekannte. Ich begebe mich etwa sehr ungern an Plätze, bei denen ich mir vorstellen kann, dass etwas Gefährliches passieren könnte. Allein diese Vorstellung ist es, die dann den eigentlichen Horror in mir auslöst. Dieser Horror gilt nur für mich, und ich kann ihn keinem anderen vermitteln. Ich fühle mich total isoliert und todesängstlich.

FOCUS:  Klingt fast wie ein Zentralmotiv Ihrer Filme...

Lynch: Jetzt haben Sie mich ertappt.

Focus: Gesetzt den Fall, Sie stünden vor der Wahl, entweder wahnsinnig zu werden oder querschnittsgelähmt...

Lynch:  ... ich habe den Eindruck, das wird ein interessantes Gespräch (lacht). Ich würde mich bei diesem physischen Gedankenspiel für die physische Krankheit entscheiden - wenn ich dann in irgendeiner Form noch arbeiten könnte.

FOCUS: Es kommt Ihnen also auf den Kopf an. Stichwort Bewußtseinserweiterung: Haben Sie schon einmal Drogen genommen?

Lynch: Nein, nicht einmal, als ich auf der Kunstschule war. Und obwohl damals in den 60ern fast alle um mich herum LSD und anderes Zeug schluckten.

FOCUS: Was hat Sie so resistent gemacht?

Lynch: Freunde, die an Drogen fast gestorben wären, haben mich davor sehr eindringlich gewarnt. Und irgendetwas an der Art, wie sie es sagten, hat mich davon abgehalten, Trips zu werfen. Die Versuchung war allerdings immer da.

FOCUS: Sie scheinen ein sehr analytischer Mensch zu sein ...

Lynch: Eine gewisse analytische Vorgehensweise ist mir bei meinen Versuchen, die Innen- und Außenwelten zu verbinden, sicherlich von Nutzen.

FOCUS: Oder beim Zusammenfügen von Gegensätzen: Eine grüne Sommerwiese und ein halbverrottetes Ohr in "Blue Velvet" ...

Lynch: ... so ein abgeschnittenes Ohr kann - wie Sie wissen - mitunter wahre Abgründe auftun. Aber "Blue Velvet" war Mitte der 80er-Jahre vielleicht schockierend. Gemessen an dem, was uns heutzutage in Talk-Shows serviert wird - Inzest, Pädophilie, Selbstverstümmelung, also fast jede Form menschlicher Abartigkeit - , wirkt der Film doch recht harmlos.

FOCUS: Halten Sie diese Art von Voyeurismus für gefährlich?

Lynch: Sicher. Wenn man kranke Leute zu Helden hochstilisiert oder deren Abscheulichkeiten für die flachst mögliche Unterhaltung instrumentalisiert, ist das durchaus gefährlich. Was da den Leuten in den Kopf gehämmert wird, verursacht die Probleme - nicht irgendwelche Filme, in denen Gewalt gezeigt wird.

FOCUS: Warum? Weil dieser Talk-Show-Pseudo-Realität der dramatische, der künstliche Kontext fehlt?

Lynch: Ja und weil sie abstumpfen. Diese Abscheulichkeiten wirken mit der Zeit so trivial und gewöhnlich.

FOCUS: Gibt es einen Platz auf der Welt, an dem Sie sich sicher fühlen?

Lynch: Schwer zu sagen. Es ist leider eine traurige Tatsache, dass man sich heutzutage nicht erst in Gefahr begeben muß, um darin umzukommen. Man kann auch beim Zigarettenkaufen erschossen werden.

FOCUS: Eine ganz andere Frage: Warum haben Sie denn immer Ihr Hemd bis oben hin zugeknöpft?

Lynch: Das ist ein Schutzmechanismus. Ich habe das starke Bedürfnis, mein Schlüsselbein bedeckt zu halten. Ist der oberste Knopf offen, fühle ich mich irgendwie unwohl. Ich mag es sogar, wenn der Kragen ganz eng am Hals anliegt.

FOCUS: Sind Sie eigentlich ein glücklicher Mensch?

Lynch: O ja, ein sehr glücklicher sogar (lacht). Überrascht Sie das etwa?

FOCUS: Sie haben einmal gesagt, dass Sie sehr gern tagträumen. Stehlen Sie sich so aus der Realität?

Lynch: Nein, Realitätsflucht ist nicht der Punkt. Es ist vielmehr so, dass wir doch alle ständig unterbewußt etwas denken. Der eine Gedanke führt zum nächsten, der einen weiteren auslöst - und so weiter. Plötzlich findet man sich an einem Ort wieder, an dem man nie angekommen wäre, hätte man den Gedankenfluß kontrolliert oder gesteuert. Ich liebe es, in Ideen zu leben.

FOCUS: Also doch Weltflucht.

Lynch: Nein. Verweilen im "Stream of conciousness", wenn Sie so wollen. wenn ich zum Beispiel male, versuche ich mich so lange wie möglich aus dem Bild herauszuhalten.

FOCUS: Was beim Film wohl kaum möglich sein dürfte...

Lynch: Leider. Vielleicht hätte ich auch besser Chemiker werden sollen. Man mischt eine Substanz mit der anderen und wartet ab, was passiert. Erfolgt dann eine Reaktion, kann man den Vorgang in veränderter Form wiederholen und sehen, was nun wiederum dabei herauskommt. Kreativ arbeiten ist doch nichts anderes als ein permanentes Herumexperimentieren - bis man eine Idee hat, die so stark ist, dass daraus vielleicht sogar ein ganzer Film wird.

FOCUS: Bei Ihnen kommt Film als Selbsttherapie also nicht in Frage?

Lynch: Und auch nicht als Exorzismus (lacht). Natürlich würde ein Psychologe sagen, dass man gewisse Dinge macht, weil man einen starken Bezug zu eben diesen Dingen hat. Das ist sicher richtig, aber für mich muss bei diesem Arbeitsprozeß auch immer etwas Neues entstehen, damit ich zufrieden bin. Ich bin eben ein sehr neugieriger Mensch.

FOCUS: Haben Sie als kleiner Junge Ihr Spielzeugauto kaputtgemacht, um nachzusehen, wie es darin aussieht?

Lynch: Daran kann ich mich nicht erinnern. Ich war viel mehr davon fasziniert, ein Loch in den Erdboden zu graben. Oder ich habe mir Bäume angeschaut. Oder das Gras.

FOCUS: Aber Sie haben damals kein Ohr gefunden?

Lynch: (lacht) Nein, wirklich nicht.

FOCUS: Ihre Ex-Freundin, Isabella Rossellini, erwähnt in ihrem Buch, dass Sie in Ihrem Kühlschrank neben der Butter und dem Kopfsalat gern tote Mäuse und andere halbverweste Tierkadaver lagern.

Lynch: Das ist richtig. Ich sammle gelegentlich organische Strukturen, um sie vielleicht später einmal für ein Bild gebrauchen zu können. Und wo kann man solche Dinge besser aufbewahren als im Kühlschrank?

FOCUS: Jetzt werden Sie uns doch etwas unheimlich...

Lynch: Der Verfall von organischem Material hat doch etwas ungeheuer Faszinierendes. Es ist doch erstaunlich, wie viel Stadien etwa ein saftiger Apfel durchläuft, bevor er ein verschrumpeltes Stückchen Nichts wird. Ich ziehe eben den Mikrokosmos dem Makrokosmos vor.

FOCUS: Stimmt es, dass Sie einmal eine lebendige Maus rasiert haben?

Lynch: Ja.

FOCUS: Warum?

Lynch: Weil ich wissen wollte, wie sie ohne Fell ausschaut. Und ich kann Ihnen versichern: Sie sieht nackt sehr schön aus.

 

Interview: Ulrich Lössl