Kieler Nachrichten, 2. Dezember 1999

Regisseur David Lynch & die bizarren Tagträume

Wenn die Realität langsam entgleitet

 

Angeblich bewahren Sie zuhause allerlei obskure Dinge auf, auch eine Gebärmutter im Glas....

Als Raffaella Di Laurentiis (Produzentin von "Dune, der Wüstenplanet"; Anm. d. Red.) die Gebärmutter entfernt werden mußte, hat sie sie mit zugeschickt. Raffaella wusste, dass mir dass gefallen würde....

Während Ihrer Studentenzeit in Philadelphia sollen Sie oft ins Leichenschauhaus gegangen sein.

Ich habe das Leichenschauhaus besucht, um zu recherchieren, warum auch nicht? In einem Leichenschauhaus bekommt man ein ganz anderes Bewußtsein für Menschen. Mein Interesse ist nicht krankhaft, sondern reine Neugier.

Bisher haben Sie sich hauptsächlich mit seelischen Abgründen beschäftigt. "Straight Story" ist gradlinig und rührend.

Ein Image zeigt immer nur einen kleinen Teil und ergibt kein komplettes Bild. Solche Schlagzeilen sollen bloß Interesse wecken. Ich interessiere mich für Alvin Straight, ich mochte seinen Grund, diesen beschwerlichen Weg auf sich zu nehmen, um sich mit seinem todkranken Bruder auszusöhnen und mir gefiel die Art, wie er das anstellte. Dann habe ich versucht, der Geschichte möglichst treu zu bleiben.

Der Film vermittelt grundlegende Gefühle und Anstandsformen. Sind die nicht längst verlorengegangen?

Ich glaube nicht, dass wir sie verloren haben, man versteckt sie bloß, aus Angst, sich lächerlich zu machen. Er hat sich eine Art Zynismus als Selbstschutz entwickelt. Dadurch wird es zunehmend schwieriger, für Zärtlichkeiten offen zu sein. Trotzdem gibt es diese Herzensangelegenheiten überall, man hört von ihnen nur zu selten.

In einer Szene sagt Alvin, das Schlimmste am Alter sei ...

sich daran zu erinnern, dass man mal jung war.

Wie gehen Sie mit dem Älterwerden um?

Nun, man muss es einfach akzeptieren, aber wenn man in den Spiegel sieht, kann man es doch mit der Angst zu tun bekommen.

Und was haben Sie über Rasenmäher gelernt?

Ich kann sie immer noch nicht reparieren, aber ich bin drauf gefahren. Das macht zwar viel Spaß, aber auch nur, wenn die Strecke kürzer ist als die, die Alvin zurückgelegt.

Warum suchen und wühlen Sie so gerne nach den düstern Winkeln des Unbewussten?

Jeder Regisseur hat Leidenschaften, die er erforschen und ausleben muss. Ich liebe Tagträume. Ich gleite langsam aus der Realität, bis ich in der Welt des Unterbewusstseins lande. Wenn man sich treiben lässt, tauchen überraschende und bizarre Dinge auf. Es gibt zwei Arten zu forschen: wie ein Wissenschafter ins Material eindringen oder das Unbekannte in sich selbst suchen. Und genau dort entstehen meine Filme. Das Kino hat diese Macht zu erforschen, was wir nur in unserem tiefsten Inneren tragen. Mit jedem Film betritt man eine ganz andere Welt.

 

klot/maro