| Kieler Nachrichten; 2. 12. 1999
The Straight Story
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Der Titel des neuen Films von David Lynch erscheint zunächst wie der ironische Ausdruck einer überraschenden Neuorientierung. Als hätte Lynch nach dem labyrinthischen Verwirrspiel von "Lost Highway" das Bedürfnis nach einer geradlinigen Geschichte gehabt. Und tatsächlich ist "The Straight Story" ein Film von einzigartiger Klarheit. Obwohl die albtraumhaften, bizarren und gewalttätigen Elemente fehlen, sieht er doch von den ersten Bildern an wie ein Lynch-Film aus. Hinter der idyllischen Fassade der amerikanischen Provinz tun sich keine Abgründe auf; stattdessen zeigt Lynch die schlichte Schönheit der Landschaft und wirft einen liebevollen Blick auf Menschen, die seltsam und alltäglich zugleich wirken. Der 73-jährige Alvin Straight ist ein eigensinniger Mann, der wenig Worte macht und doch etwas Freundliches ausstrahlt. Die Beziehung zu seiner Tochter Rose ist geprägt von Respekt und Liebe. Richard Farnsworth verkörpert Alvin authentisch und unprätentiös, und sein von Wind und Wetter gezeichnetes Gesicht erzählt eine ganz eigene stumme Geschichte. Sissy Spacek gibt das anrührende Porträt einer leidgeprüften Frau, die durch einen Sprachfehler gehandicapt ist. In jedem Moment spürt man die Verbundenheit und die harten Zeiten, die hinter ihnen liegen. Ein Anruf in einer Gewitternacht verändert Alvins Leben. Sein Bruder, mit dem er nach einem Streit zehn Jahre nicht mehr gesprochen hat, liegt nach einem Herzinfarkt im Krankenhaus. Die Nachricht läßt einen Entschluß in Alvin reifen, der ihn schon lange beschäftigt haben muß: Sich auf die 500 Meilen nach Wisconsin und mit den unausgesprochenen Dingen seines Lebens ins Reine zu kommen. So entwickelt sich die wahre Geschichte von Alvin Straight zum ungewöhnlichen Road-Movie.
Weil er kein Auto fahren darf und nicht auf die Hilfe anderer zurückgreifen will, macht er sich mit einem Sitz-Rasenmäher auf einen langen, beschwerlichen Weg. Es ist eine Mischung aus Trotz und der Überzeugung, dass die Reise nur dann Sinn macht, wenn er allein damit fertig wird. Abgesehen von einem dramatischen Zwischenfall, bei dem Alvin die Kontrolle über sein Gefährt verliert, passiert nichts Spektakuläres, und doch hat jede Szene, jeder Augenblick etwas Einzigartiges. Die Kamera fliegt zu Angelo Badalamentis wehmütiger Musik über weite Felder, um zu dem alten Mann zurückzukehren, der unbeirrt seine Bahn zieht. Und es gibt Begegnungen mit freundlichen, traurigen und skurrilen Menschen, die Alvins selbstgewählte Einsamkeit unterbrechen. Die Wiederentdeckung der Langsamkeit in "The Straight Story" hat einen makellosen Rhythmus und poetische Kraft. Es ist ein Film voller Menschlichkeit und sanften Humors, der realistisch und symbolisch zugleich von der letzten Reise eines alten Mannes und dem Versuch erzählt, Frieden zu schließen mit sich, den schmerzlichen Erinnerungen und Schuldgefühlen. Ein Film, der trotz aller Qualitäten ohne den auf bescheidene Weise grandiosen Farnsworth schwer vorstellbar wäre.
MANFRED SANCK