David Lynchs "Eine wahre Geschichte" - das langsamste aller Roadmovies
Auf dem Rasenmäher
Karl-Heinz Schäfer
Mit seinen 73 Jahren reißt Alvin Straight keine Bäume mehr aus. In der Hüfte ziept`s gewaltig, und die Augen wollen auch nicht mehr so wie früher. Trotzdem lebt er ganz zufrieden in seinem Heimatkaff Laurens, Iowa, trifft hin und wieder ein paar alte Freunde, mäht den Rasen und läßt sich von seiner sprachbehinderten Tochter Rose betüddeln. Bis eine schlimme Nachricht in sein Leben platzt: Alvin Bruder Lyle, mit dem er sich vor zehn Jahren verkracht hat, liegt nach einem schweren Schlaganfall im Krankenhaus. Alvin beschließt die Funkstille zu beenden, Lyle zu besuchen und mit ihm Frieden zu schließen. Die Frage ist nur: Wie kommt er ins 400 Meilen entfernte Mount Zion, Minnesota? Einen Führerschein hat Alvin nicht, geschweige denn ein Auto oder die finanziellen Mittel, um sich ein Flugticket zu leisten. Also klemmt sich der alte Mann hinter das Steuer seines Rasenmähers und tuckert gemütlich drauflos. Die Reise über Highways und Landstraßen wird bei zehn Stundenkilometern zum meditativen Ausflug in das Herz das amerikanischen Mittelwestens und die verwundete, aber große Seele eines alten Mannes. Diese wahre Geschichte hat Kultregisseur David Lynch ("Wild at Heart", "Blue Velvet") mit einer entspannten Langmut inszeniert, an die sich reizüberflutete, MTV-geschädigte Augen vermutlich erst gewöhnen müssen. Daß die meisten Lynch-Filme gewöhnungsbedürftig sind, ist eine Binsenwahrheit - doch dieser erfordert vom Betrachter womöglich noch mehr Bereitschaft, sich dem Geschehen auf der Leinwand widerstandslos hinzugeben, als Lynchs frühere Arbeiten. Gerade weil diese Elegie an eine prä-postmoderne Welt völlig gewaltlos ist und auch keine kryptischen Botschaften enthält. Und weil darin die Langsamkeit neu entdeckt wird. "Eine wahre Geschichte" ist in mehrfacher Hinsicht ein Film, der gegen aktuelle Strömungen schwimmt, und das macht dieses beinahe pedantisch realistische Roadmovie im Zeitalter des filmischen Hamburgers zu einer Delikatesse, die man fast schon als subversiv bezeichnen muß. Erstens ist der Held ein alter Mann, aus dessen tiefen Falten und traurigem Blick viel Schmerz, Erfahrung und Güte sprechen. Obwohl dieser rührende Alte überhaupt nicht rührselig ist, treibt es einem die Tränen in die Augen, wenn er sich während seiner Reise, die auch eine Reise in die dunklen Ecken seiner Vergangenheit ist, an seine Jugend, seine verstorbene Frau und seine Soldatenzeit im Zweiten Weltkrieg erinnert. Speziell in diesen Augenblicken legen Regisseur Lynch und sein Hauptdarsteller Richard Farnsworth, der bei den Dreharbeiten 79 Jahre alt war, eine Zurückhaltung an den Tag, die im übrigen den ganzen Film auszeichnet.
Zweitens passiert hier so gut wie nichts: Sequenzen von Bewegung und Stillstand, die ebenso unspektakulär wie wahrhaftig sind, wechseln einander ab. Immer wieder rückt die Kamera des 82jährigen Freddie Francis - legendärer Berufsveteran ("Samstagnacht bis Sonntagmorgen", "Der Elefantenmensch") - einsame Scheunen und bukolische Landschaften in ein zauberisches Licht. Der Action-Höhepunkt ist eine Sequenz, in der die Bremsen des Rasenmähers versagen und Alvin einen Hügel hinunterrast, mitten hinein in eine verschlafene Kleinstadt, deren Feuerwehr gerade eine Brandübung abhält. Fremde bieten dem halsstarrigen Landfahrer ihre Hilfe an. Ein schwangere Ausreißerin leistet ihm eine Nacht lang am Lagerfeuer Gesellschaft. Und wenn er endlich seinen Bruder trifft, passiert genau das nicht, was man sich bei jedem anderen US-Film hätte ausrechnen können: keine wortreiche Versöhnung, keine billige Sentimentalität. Nur ein paar Blicke, die alles sagen, was gesagt werden muß.
Wer seinen Herzschlag dem beschaulichen Tempo angleicht, erlebt eine wundersame Mischung aus stiller Folklore und poetischer US-Mythologie, die ein leichter Hauch von Melancholie umweht. Und zwei fabelhafte Schauspieler - Farnsworth und Oscar-Preisträgerin Sissy Spacek als Alvins behinderte Tochter - in einer zutiefst bewegenden Geschichte über Menschen, die im modernen Hollywood immer seltener werden. Weil es anständige Menschen sind.