Frankfurter Rundschau, 1.12. 1999

Ein Rasenmäher im Kornfeld

"The Straight Story" - ein Film, dessen Regisseur man vermutlich nie erraten würde

Going West: Richard Farnsworth auf Tour - und unten mit Tochter (Sissy Spacek)

Von Peter Körte

Nehmen wir einmal an, man hätte sich im Multiplex verirrt und wäre schließlich in irgendeinem Kinosaal gelandet. Der Film hat bereits begonnen, und weil es dunkel ist, kann man nicht einmal versuchen, vom Publikum vorsichtig auf Genre des Films zu schließen. So setzt man sich hin und schaut in einen Vorgarten. Das Haus, auf das der Blick fällt, könnte überall im ländlichen Amerika stehen. Die Farbe blättert vom Holz, alles sieht ein bisschen schäbig aus. Eine Frau, nicht mehr jung, verhärmt von Arbeit und eintönigem Leben, und ein alter Mann, der nicht mehr gut zu Fuß ist, wohnen dort. Sein Gesicht ist verwittert, und wenn wir uns noch an den alten Professor aus Havanna erinnern, erkennen wir vielleicht Richard Farnsworth wieder. Sissy Spacek, die die Tochter spielt, haben wir aus JFK immerhin noch vor Augen. Doch wer den Film gedreht hat, könnte man auch nach einer Stunde nicht sagen. Eine große Studioproduktion ist es jedenfalls nicht.

Nennen wir den Film schlicht und provisorisch The Straight Story (oder, auf deutsch: Eine wahre Geschichte, denn der alte Mann heißt Alvin Straight, und die Geschichte bewegt sich direkt und geradlinig voran - straight eben. Um seinen älteren Bruder noch einmal zu sehen, der einen Herzanfall erlitten und mit dem er seit zehn Jahren nicht mehr geredet hat, schwingt sich der 73jährige Alvin auf seinen Rasenmäher mit selbstgebautem Anhänger. Er reist 500 Kilometer von Laurens, Iowa, nach Mount Zion, Wisconsin. Über schnurgerade Straßen, durch endlose Kornmeere. Sechs Wochen dauert die Reise. Der erste Rasenmäher macht bald schlapp, der zweite, für den Alvin sein Erspartes hingelegt hat, hält durch.

Der wortkarge Alte trifft eine Tramperin, die von Zuhause ausgerissen ist, und ganz normale Provinzler. Es regnet. Der Cowboyhut fliegt ihm vom Kopf, wenn ein Lastwagen vorbeirauscht. Er verzehrt vakuumverpackte Frankfurter Würstchen und Braunschweiger Wurst, mit denen er sich reichlich eingedeckt hat. Er fährt einen Berg hinunter und kann den Rasenmäher der Marke John Deere kaum zum Stehen bringen. Hilfsbereite Anwohner kümmern sich um ihn. Er campiert in seinem Anhänger, während er auf die Reparatur wartet. Und er fährt weiter. Mit zehn Kilometern pro Stunde. Seine rührende Sturheit läßt ihn über alle Widrigkeiten triumphieren. Und der Film intoniert dazu keine Pastorale, er schwelgt nicht in bukolischen  Landschaftsansichten, noch mutet er dem Helden mehr zu, als plausibel wäre. Er bleibt straight.

So straight ist diese Story, dass sie einem mitunter schon wieder surreal erscheint. Robert Coover oder Richard Ford hätten von dieser Begebenheit in einer ihrer Short Stories erzählen können. Vielleicht. Am Ende sitzt Alvin mit seinem Bruder (Harry Dean Stanton) vor dessen schäbigen Haus auf der Veranda. Die Kamera richtet den Blick langsam in den Himmel, damit man die Tränen in den zerfurchten, stoppelbärtigen Gesichtern nicht sieht. Und das ist gut so, weil einem vor lauter Wasser in den Augen der Blick verschwimmen kann. Was sie einander zu sagen haben, ob sie schweigend in den Abend starren, den Film interessiert es mit Recht nicht. Wovon man nicht reden muss, davon soll man schweigen. Und ganz am Ende, da erfährt man noch aus dem Abspann, dass David Lynch diesen Film gedreht hat, nach einer wahren Begebenheit. Lynch, der aus den Weiten Montanas stammt und solche Landschaften sonst eher wie die trügerische Idylle von Twin Peaks aussehen läßt, meidet jede Bizarrerie, jeden sinistren Schlenker. Die Kamera fixiert zwar gelegentlich den durchbrochenen Mittelstreifen der Straße, läßt ihn flackern wie in Lost Highway und schwebt in der Anfangssequenz in den Vorgarten wie damals in Blue Velvet; doch wer ein Echo zu hören glaubt, täuscht sich. Allenfalls in manchen der Fotos und Zeichnungen von Lynch glaubt man, einen fernen Abglanz der Welt von The Straight Story zu spüren. "Schneemänner in Boise", heißt dort eine Serie von Fotografien; dort in Idaho, sieht es so aus. Doch zwingend ist das nicht gerade.

Was immer David Lynch dazu gebracht hat, diesen Stoff ins Kino zu bringen, muss man nicht erkunden. Und während man den Film in Gedanken noch einmal absucht nach Spuren und versteckten Zeichen, da begreift man, dass man selbst zur Figur aus einem Lynch-Film zu werden droht. An einen Ort zurückgekehrt, wo gestern noch Schreckliches geschah, ist nun jede Spur verwischt. Alles ist bekannt und zugleich fremd. Wie im Albtraum.

So könnte ein Lynch-Film anfangen. Doch er hat gerade aufgehört. Dass ausgerechnet Lynch diese Straight Story erzählt, das ist beunruhigender als die Bewusstseinsspaltung in Lost Highway oder das Wimmeln der Würmer im Vorgarten von Blue Velvet. Und wen das alles egal ist, der kommt einfach aus dem Kino und ist für ein paar Minuten mit der Welt im Reinen. Ohne Kitsch, ohne Appell oder Botschaft. voller Staunen, wie wenig erzwungen und sentimental diese Geschichte vom alten Mann und dem Kornmeer wirkt. Man muß wohl so weird sein wie David Lynch, um eine solche Story so straight erzählen zu können.