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Der Rasenmäher-Mann "Eine wahre Geschichte" ist der ungewöhnlichste Film, den David Lynch bisher gemacht hat. Ungewöhnlich, weil Regisseur diesmal ganz auf gespenstische Soundeffekte, dämonische Zwerge, gewissenlose Schulmädchen oder von Dennis Hopper gespielte Perverse verzichtet. Stattdessen erzählt der Schöpfer von "Blue Velvet", "Twin Peaks" und "Lost Highway" die wahre Geschichte eines alten Mannes, der durch die USA reist - auf einem Rasenmäher.
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Mr. Lynch, Sie interessieren sich sehr für Biologie. Wann haben Sie zum letzten Mal ein Tier seziert?
Ach, das habe ich schon seit, äh, Tagen nicht mehr gemacht (lacht).
Angeblich bewahren Sie zu Hause allerlei obskure Dinge auf, darunter auch eine Gebärmutter in einem Glas, stimmt das?
Ich sammle so etwas nicht, aber es interessiert mich. Als der Filmproduzentin Raffaella di Laurentiis die Gebärmutter entfernt werden mußte, hat sie sie mit zugeschickt. Raffaella wusste, dass mir das gefallen würde und ich war wirklich sehr dankbar dafür. Ich besitze sie tatsächlich noch.
Ihr Interesse für den menschlichen Körper ging so weit, dass Sie während Ihrer Zeit als Filmstudent in Philadelphia oft in ein Leichenschauhaus gegangen sein sollen.
Ich habe das Leichenschauhaus besucht, um zu recherchieren, warum auch nicht? Jeder angehende Arzt muss Körper auseinander nehmen und die inneren Organe studieren, niemand findet das schlimm. In einem Leichenschauhaus bekommt man ein ganz besonderes Bewusstsein für Menschen. Eine bleibende Erfahrung, dabei ist mein Interesse nicht krankhafter Natur, sondern reine Neugierde. Ich gehe auch oft in einen Coffee-Shop und beobachte dort das Verhalten der Menschen. Mich interessieren alle Formen des Daseins.
Ihr neuer Film "The Straight Story" ist auch eine wunderbare Verhaltensstudie, allerdings diesmal ganz ohne die düstere, geheimnisvolle Ebene.
Ich habe mich in die Geschichte einfach verliebt. Und immer, wenn so etwas passiert, versuche ich einen Film daraus zu machen. Ich interessiere mich für Alvin Straight, ich mochte seine Beweggründe, diesen Weg auf sich zu nehmen, und mir gefiel die Art, wie er das anstellte.
Der Film handelt von einem alten Mann, der auf seinem Rasenmäher sechs Wochen durch Amerika juckelt, um sich mit seinem todkranken Bruder zu versöhnen. Wie sind Sie darauf gestoßen?
Meine Lebensgefährtin Mary Sweeney, die das Drehbuch schrieb, hat 1994 einen Artikel in der New York Times über Alvin Straights Reise gelesen und war seitdem ganz versessen auf die Geschichte. Vier Jahre später hat sie die Filmrechte erworben und mit der Recherche begonnen. Sie traf sich mit seiner Familie und mit Leuten, die ihn gekannt haben oder ihm auf seinem Trip begegnet sind.
Haben Sie Alvin Straight persönlich kennengelernt?
Nein, als ich eingestiegen bin, war er bereits tot. Er starb 1996.
In einer Szene des Films sagt Alvin, das Schlimmste am Alter sei ...
... sich daran zu erinnern, dass man mal jung war.
Wie gehen Sie mit dem Älterwerden um?
Nun, es gibt nichts, was man dagegen tun könnte. Man muss es einfach akzeptieren. Aber wenn man in den Spiegel sieht, kann man es doch mit der Angst zutun bekommen. Dabei ist man ja eigentlich alterslos; spricht man zu sich, redet man immer noch mit derselben Person, die mal jung war. Und das gibt Hoffnung - egal, in welcher körperlichen Verfassung man sich befindet.
So wie Alvin, der kaum noch laufen und sehen kann, aber trotzdem an seinem Motto festhält: Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss!
Ja, genau. Er ist ein Rebell - wie James Dean oder einer dieser alten Cowboys. Der ganze Film ist fast wie ein Western. Mit dem Unterschied, dass Alvin nicht auf einem Pferd reitet.
Ist Älterwerden das letzte Tabu Hollywoods?
Solche Geschichten zu erzählen ist tatsächlich sehr schwierig. Besonders im Fernsehen fällt mir auf, dass es nur noch darum geht, eine junge Zielgruppe zu erreichen. Ziemlich absurd, aber deshalb werden viele Geschichten niemals gedreht. Das gilt auch für das Kino. Zum Glück gibt es aber immer wieder Ausnahmen.
Die von Ihnen geplante Fernsehserie "Mulholland Drive" wird niemand zu sehen bekommen, weil der Sender ABC schon den Pilotfilm ablehnte. Warum?
Die Verantwortlichen haben darüber mit mir nie persönlich geredet. Ich weiß nur, daß der Film beim Testpublikum durchfiel und die Leute von ABC ihn gehaßt haben - und ich ihn liebe.
Und jetzt wollen Sie nie wieder fürs Fernsehen arbeiten.
Das stimmt nicht ganz, nur für die großen Fernseh-Networks nicht. Aber ich bin ohnehin davon überzeugt, dass die in Amerika bald verschwunden sein werden - vom Internet verdrängt. Die Zukunft gehört dem Internet.
Wollen Sie im Internet dabei sein?
Auf jeden Fall. Ein Website ist ja wie ein Fernsehsender. Oder ein kleines Kino. Ein Ort, an dem man sich künstlerisch ausdrücken kann. Man wird sogar Filme machen können. Dafür ist die Qualität zwar momentan noch zu schlecht, aber nicht mehr lange. Und dann wird das Internet die Machtverhältnisse völlig umkrempeln.
Sind Sie sich da ganz sicher?
Ich weiß nicht genau, aber Plattenfirmen und Fernsehsender sind ja jetzt schon sehr besorgt. Mit dem Internet werden die Karten neu gemischt, neue Stars werden kommen, aus China, Thailand, Peru, aus der ganzen Welt.
Wann kann man die erste David-Lynch-Website sehen?
Es wäre schön, wenn ich Schlag Mitternacht Silvester 1999 an Netz gehen könnte. Mal sehen, ob ich es bis dahin schaffe.
Olaf Schneekloth