Die Welt, 1.12. 1999

Stur, aber liebenswürdig

Vom Guten im Menschen: David Lynchs Film "The Straight Story"

Von Renee Classen

 

Als David Lynch sein Publikum den "Lost Highway" entlangjagte, glaubte man, den ersten wahrhaft postmodernen Horrorfilm gesehen zu haben. Die gleichzeitige Gültigkeit unterschiedlicher Perspektiven, die unsere Gegenwart prägt, hat Lynch derart konsequent umgesetzt, dass für die Protagonisten des Films Realität nicht länger erfahrbar ist. Wirklichkeit offenbart sich ihnen als absurdes Konstrukt; selbst die Idee des Individuums ist dem intellektuellen Zersetzungsprozeß zum Opfer gefallen. Darin liegt der Schrecken der fragmentarischen Handlung von "Lost Highway". Da Lynch die Kühnheit dieses Films kaum übertreffen konnte, vollzog er einen radikalen Richtungswechsel.

Der 73-jährige Alvin Straight (Richard Farnsworth) lebt mit seiner erwachsenen Tochter (Sissy Spacek) in einer kleinen Stadt im Norden Iowas, als er eines Tages erfährt, dass sein Bruder Lyle (Harry Dean Stanton) einen Schlaganfall erlitten hat. Beide hatten keinen Kontakt mehr, seit sie einst im Streit einander zutiefst verletzt hatten. Nun will Alvin seinen Bruder wieder sehen, um die Vergangenheit zu überwinden, bevor einer von ihnen stirbt. Aufgrund seiner schwindenden Sehkraft besitzt er jedoch weder einen Führerschein noch ein Auto, um die 350 Meilen nach Wisconsin, wo Lyle lebt, zurückzulegen. Geld für Flugticket oder Bahnreise hat er ebenso wenig. Daher fasst er den abenteuerlichen Plan, die Strecke mit seinem fahrbaren Rasenmäher zu bewältigen und macht sich unter Protest seiner Tochter auf den Weg.

Wer von Lynch einen weiteren Ausflug in bizarre Bilderwelten erwartet, wird von "The Straight Story" bitter enttäuscht werden. Den Psychopathen und Perversen, die seine Filme zuletzt bevölkerten, hat er eine Auszeit gegönnt, um die Kleinstadtidylle, die in "Blue Velvet" noch als Hort des Horrors diente, zum Gegenstand einer liebevollen Betrachtung zu machen. Er nähert sich Alvin und den Personen, die dieser im Laufe seiner Reise trifft, mit aufrichtiger Zuneigung, ohne jemals nach den Schattenseiten ihrer Existenz zu fahnden. Das bedeutet nicht, dass Lynch seine Vorliebe für sentimentale Harmonieseligkeit entdeckt hätte. Er hat lediglich auf jede Form von Zynismus verzichtet, entdeckt das Liebenswerte in den unspektakulären Gesten fremder Menschen.

Angenehmerweise ist die Herzlichkeit des Films frei von jedem Pathos, da Lynch die kleine Geschichte mit großem Ernst in karge, spröde Bilder umgesetzt hat. Der formale Minimalismus verbietet ihm jedoch nicht, die Kamera wiederholt auf die Panoramen des Mittleren Westens zu richten - nicht um den pittoresken Reiz des Films zu steigern, sondern weil Alvin tief in dieser Landschaft verwurzelt ist. Sein sturer Individualismus kennzeichnet ihn nämlich als Cowboy der Gegenwart, der seinen Stetson ebenso wie die Verantwortung für sein Schicksal mit Stolz trägt.

Insofern stellt "The Straight Story" das nötige Korrektiv zu jenen Filmen dar, die die USA regelmäßig als eine von Gewalt und sozialer Kälte zerfressene Nation porträtieren. So legitim diese Sichtweise sein mag, sie ist längst zum cineastischen Gemeinplatz mutiert. Daher freut man sich, dass ausgerechnet Lynch an die freundliche Seite des Landes erinnert. Dazu gehört, dass er die Familie als Fundament der amerikanischen Gesellschaft darstellt, ohne sie zum Disney-Ideal zu verklären. Das ihm dies auf wundervolle Weise gelingt, bedarf es weder großer Worte noch Gesten, als Alvin das Ziel seiner Reise erreicht. Ein einziger Satz von Lyle genügt: "Bist Du etwa damit bis hierher gefahren, nur um mich zu sehen?"