Die Woche, 2. Dezember 1999

The Straight Story

"Straight" bedeutet gerade, direkt, verlässlich - für David Lynchs Filme eher ungewöhnliche Zuschreibungen. Doch der Meister der doppeldeutigen Geschichten kann auch anders: "The Straight Story" ist die Geschichte des 74-jährigen Alvin Straight.

Ein Schlaganfall, denn sein Bruder Lyle erleidet, spornt den kauzigen Witwer aus einer Kleinstadt in Iowa zu einem letzten Abenteuer an. Seit zehn Jahren haben Alvin (Richard Farnsworth) und Lyle (Harry Dean Stanton) kein Wort miteinander gewechselt. Der Tod, der sich auch Alvin ankündigt, lässt ihn dem Bruder näherkommen, aber noch liegen Hunderte von Meilen zwischen den einsamen Streithähnen.

Halbblind, gehbehindert, ohne Geld und besessen davon, es alleine schaffen zu wollen, macht sich Alvin an die Arbeit. Ein Rasenmäher, der einen selbstgebauten Anhänger mit Vorräten zieht, wird ihn nach Wisconsin bringen. Sechs Wochen dauert die Reise, und sie wird keinen unverändert lassen: nicht Alvin, nicht die Menschen, die ihm unterwegs begegnen.

Am Ende werden über den Brüdern die Sterne leuchten, so göttlich schön, dass Hollywoods Star-Rummel in Vergessenheit geraten könnte. Dass sie wahr ist, diese Geschichte, die abweichend von Amerikas Schnellstraßen und dem Speed der Mainstream-Filme gemächlich ins Herz des Landes und des Betrachters vordringt, würde noch nichts bedeuten ohne Lynchs Fähigkeit, ihr poetisches Potential wahrzunehmen. Der Regisseur der Rasanz hat mit der Langsamkeit das menschliche Maß aller Dinge wieder entdeckt. Und das ist schlicht bewegend.

HEIKE KÜHN