Lynchland ist abgebrannt
"The Straight Story" ist der Film eines glücklichen Menschen. Leider
Von Nils Minkmar
Wenn in Entenhausen die Lage brenzlig wird, schlägt die Stunde von Tick, Trick und Track. Denn Donalds Neffen sind Pfadfinder vom Fähnlein Fieselschweif, und deren Handbuch ist immer noch die sicherste und - abgesehen von Daniel Düsentrieb - auch die einzige intellektuelle Ressource zur Lösung der Probleme, die Donald und Dagobert so mühevoll bereitet haben.
Außerhalb Entenhausens verhalten sich die Dinge anders. Dort gilt das Wissen der Pfadfinder als seltsame Mischung aus Bastelei und Erster Hilfe. Pfadfinder vermögen zwar aus alten Büroklammern einen Wasserfilter zu bauen, aus ein paar Zweigen, Farnen und Moosen ein hochseetaugliches Floß herzustellen und mit einem Taschenmesser eine Blinddarmoperation vorzunehmen - aber wann braucht man das in Zeiten von Hubschraubern und Handys? Daher wirken die tugendsamen Burschen und Mädel in kurzen Hosen fern von Entenhausen stets etwas fehl am Platz und auch ein bisschen ängstlich, weil sie mit einem Auge immer auf das Schlimme, das ganz andere schielen, für das sie "allzeit bereit" sein sollen.
David Lynch ist Pfadfinder. Auch er ist außerhalb von Entenhausen fehl am Platz und schaut mit beiden Augen auf das Unsagbare, das gerade in der Idylle seiner Heimat, des Mittelwestens, immer und überall zutage tritt. In seiner knappen, aber exakten Autobiografie - sie lautet vollständig: Eagle Scout, Missoula, Montana - bekennt er sich zu dieser pfadfinderhaft existenzialistischen Wahrnehmung der Welt. Eagle Scout ist kein einfacher Grad. Es braucht Jahre, bis man ihn sich erarbeitet. Und Montana ist zwar das schöne, weite Marlboro-Land, aber mehr noch die Heimat der Rechtsanarchisten, der irren Sekten und des "Unabombers", auch er wie Lynch ein vom Material Holz besessener Tüftler. Fähnlein Fieselschweif bei einer rechtsanarchistischen Untergangssekte ...
Die Bricolage der Pfadfinder, ihr Improvisieren mit Fundsachen, spontan optimierten Rohstoffen und clever recyceltem Hausmüll, dient immer Höherem.. Lynchs erste Frau erzählt, wie er als junger Kunststudent eines Tages zum Patentamt ging, um eine Erfindung registrieren zu lassen. Er habe, erläuterte er ruhig, nämlich in seiner Garage das Perpetuum Mobile gebaut. Freundlich hätten ihm die Angestellten dargelegt, warum das nicht sein könne und wo sein Fehler lag, dann seien alle Kaffee trinken gegangen.
Anschließend begann Lynch, an seinen Träumen zu basteln. Am Beginn seiner Karriere stand der fünfjährige, immens aufwändige Versuch, einen Albtraum zu inszenieren: Eraserhead, ein Film, der vollständig nachts gedreht wurde und für den Lynch noch in den frühen Morgenstunden die Mülltonnen der Nachbarschaft nach einem Duschkopf, speziellen Schrauben und vor allem Holz durchsuchte. Kino als Methode des Pfadfinders, mit Obsessionen und quälenden Visionen umzugehen - das war der Ausgangspunkt eines einzigartigen cineastischen Werks.
Von diesem Debüt zu Lynchs letztem Film, Lost Highway, gibt es eine direkte Verbindung. Der unverwechselbare Kern dieses Schaffens ist die Inszenierung des Staunens über das Fiese in der Idylle, wenn der Stamm des Kirschbaums im friedlichen Garten der Eltern plötzlich eine klebrige Masse ausschwitzt, auf der es von winzigen roten und schwarzen Ameisen wimmelt. Oder im Vorgarten ein Ohr liegt. Es passt gut ins Bild, dass Lynch für seine Erkundungen ins Existenzielle solche Dinge zu Drogen machte, die bei Pfadfindern zur Grundausstattung gehören: Zucker und Kaffee. Wenn man beides nur in ausreichend großen Mengen zu sich nimmt und auf sonstige Nahrungsmittel verzichtet, kann die Wahrnehmung einer harmlosen Ameisenstraße in der Küche zu einer sehr schwarzen und inspirierenden Vision werden.
Die Straßenverkehrsordnung als philosophische Metapher
Mit solchen rätselhaften Bildern und Geschichten wurde Lynch berühmt. Zu Beginn der neunziger Jahre, nach den Erfolgen von Blue Velvet, Wild at Heart und Twin Peaks, hatte er das Spektrum des Möglichen in Hollywood bereits wesentlich erweitert. Regisseure wie Tim Burton, Gus van Sant und sogar Quentin Tarantino sollten davon profitieren. Cineasten prägten bald für den Gesamtkorpus des Werks, der neben Filmen auch Fernsehserien, Bilder und Installationen - wie die berühmten Vitrinen mit einem in seine Einzelteile zerlegten Hühnchen zum Selberbauen - umfasst, den Begriff Lynchland und zogen damit eine tragische Parallele zu Walt Disney, dessen genialische frühe Phase Lynch bewundert, die aber spätestens mit der Eröffnung von Disneyland beendet war. Nach Lost Highway stöhnten Kritiker, sie hätten für ihr Leben genug trügerische Idyllen und genug kahle Zwerge in Träumen auftauchen sehen. Immer häufiger hatte Lynch, der es liebt, in Metaphern von Verkehrsregeln zu sprechen, seine Rotphasen, in denen er warten musste, bis die Ampel der Kreativität wieder auf Grün stand.
Nun hat David Lynch etwas sehr Kluges gemacht: Er hat die Blickrichtung geändert. In Straight Story gibt es keine Visionen, keinen irren Sex, keine Blutspritzer und keine Ameisen. Es gibt bloß Alvin Straight, einen sturen alten Veteranen, komplizierte Familienbande und viel flache Landschaft. Das Ganze ist eine Pfadfindergeschichte: Der alte Alvin Straight will noch einmal seinen kranken Bruder besuchen, mit dem er sich vor Jahrzehnten zerstritten hat. Da er kein Geld hat und keine Hilfe will, macht er sich mit seinem alten Rasenmäher und einem Anhänger auf den weiten Weg. Das fällt ihm, der nur auf Stöcken gehen kann, erkennbar schwer. Straight ist kein weiser alter Senior à la Lorne Greene, sondern einer, der sich plagt, der immer wieder überlegen und Lösungen improvisieren muss. Die schleichende Fahrt durch den Mittelwesten gibt Lynch die Gelegenheit, seine Heimat ausgiebig in Szene zu setzen. Manchmal weht noch ein Hauch aus dem düsteren Lynchland herüber: Wir begegnen immer wieder typisch Lynchschen Bildelementen, den weißen Gartenzäunen und folgen dem gelben Mittelstreifen der Landstraße, aber es kippt nie ins Eklige, es bleibt a walk on the straight side. Das Tragische, der Horror und die Gewalt werden dabei nicht einfach ausgeblendet, sondern historisch aufgehoben, in der Erinnerung an Schlachten und gefallene Freunde, die die Weltkriegsveteranen bisweilen heimsucht. So ist dieser Film eine Hommage an die Helden der alten Zeiten, als Maschinen noch zischten, qualmten und eigenhändig repariert werden konnten, als Geschwindigkeit nicht Raserei bedeutete und man auf Reisen noch Leute kennen lernte. Die Fahrt selbst ist die wichtigste Botschaft des Films: vorsichtig fahren, nach den Verkehrsregeln, aber im eigenen Tempo und ohne sich übermäßig anzupassen - eine Fahrt auf dem Rasenmäher als Lektion in Stoizismus. Gewissermaßen mit dem Rücken zur Welt des Horrors beschwört Lynch den Wert zusammenhaltender Familien, der individuellen Freiheit und der Nachbarschaftshilfe, wobei all dies nicht einfach genossen werden kann, sondern immer das Resultat von beharrlicher Arbeit und Improvisation ist.
Jetzt gibt es ein letztes Problem: die Zuschauer. Denn wer die letzten Jahrzehnte nicht in Lynchland verbracht hat, der weiß das alles schon. Und für den ähnelt der Film einem langen Jack-Daniels-Spot über das beschauliche und geruhsame Leben in Lynchburg (sic!) Tennessee, während der gute Whiskey in alten Eichenfässern reift.
Fellini, den Lynch bewundert, hat sich immer gewünscht, eine ganz bekannte Geschichte, etwa den Grafen von Monte Cristo oder die Drei Musketiere, im Auftrag eines großzügigen Produzenten verfilmen zu dürfen. Sich ganz auf die Umsetzung eines vorgegebenen Stoffs konzentrieren zu können, das hätte für ihn völliges Regieglück bedeutet. In dieser Lage war Lynch jetzt: Er konnte die wahre Geschichte des Alvin Straight, angereichert um ein paar lokale Anekdoten, aufzeichnen und verfilmen.
Es ist der Film eines glücklichen Menschen. Als Kinozuschauer wünscht man sich aber, der Regie führende Pfadfinder würde sich wieder an Kaffee und Zucker berauschen und sich wieder der Erkundung dessen widmen, was unter dem Straßenbelag wimmelt.
© beim Autor/DIE ZEIT 1999 Nr. 49
All rights reserved.