Cinema 12 / 1984

Eraserhead


David Lynchs erster Spielfilm ist ein skurriles Horrormärchen, dessen überbordende Phantasie die Grauen aus "Alien" und "Zombie" vorausnimmt. Das Monthly Film Bulletin nannte "Eraserhead" einen "Film, der mehr erlebt als erklärt werden sollte"

Durch eine finster Slumgegend mit U-Bahnschächten, abgewrackten Fabriken, Röhrensystemen und Abwasserkanälen schleicht ein ebenso finsterer junger Mann. Er ist zu einem Abendessen bei den Eltern seiner Freundin eingeladen. Dort werden sich seltsame Dinge ereignen. Daß die Eltern ihn zur Heirat mit ihrer Tochter drängen , ist noch das Normalste, denn das Mädchen von Henry Spencer, so heißt der Sonderling, hat ein "Baby" bekommen. Eine Frühgeburt. Und diese Frühgeburt lebt. Und entwickelt ein Eigenleben, das nicht nur die junge Mutter bald aus dem Haus treibt, sondern auch dem Helden und den Zuschauern die Haare zu Berge stehen läßt.
Der Papa entwickelt allerdings eine wenn auch bizarre, so doch innige Beziehung zu dem Wesen in den Windeln, das eher einem Kalbsfötus als einem Ableger der Spezies Mensch gleicht. Aber auch diese Verhältnis zwischen Paps und Embryo ist nur der Anfang. Was danach folgt, ist nicht zu beschreiben. Oder man sagt es mit den Worten des Regisseurs David K. Lynch: "Ein Traum von dunklen und beunruhigenden Dingen..."
Und das ist nicht übertrieben. Denn: Ein Gehirn fliegt bald darauf durch die Luft. Gestalten brechen durch Wände. Würmer werden lebendiger, als uns lieb ist. Vor einem zerbrochenen Fenster hockt ein von ekligem Aussaat übersäter Mann im Dunkeln und bedient geheimnisvolle Hebel. Der Kopf des Helden fällt ab. Eine blonde Hexe aus der Nachbarschaft macht sich über Henry her. Die Nacht spuckt ihre Mutanten und Ungeheuer aus.
Daß die bloße Inhaltsbeschreibung diesen Film dennoch nicht annähernd wiedergibt, liegt daran, daß nicht nur entscheidend ist, was passiert, sondern wie es passiert. Es liegt an der verstörenden Atmosphäre, in die dieses Horror-Meisterstück getaucht ist.
Die Bilder dieses schaurigen Lichtspiels sind vieldeutig, der Ton entnervend, die Beleuchtung grauenerregend, die Schauplätze zum Davonlaufen, die Personen erschreckend.
Aber alle Einzelheiten sind realistisch: der Slum, die Wohnungen, die Eigenarten der Handelnden, das müllübersäte Fabrikdekor, der Lärm der Maschinen. Das andere bleibt jedoch im wahrsten Sinne des Wortes im Dunkeln. Wo es auch hingehört. Ein großer Teil der Filmsequenzen ist nicht ausgeleuchtet, die Bilder besitzen immer eine "schwarze" Zone. Zonen, aus denen früher oder später das Unvorstellbare hervorbricht. So verschmilzt David K. Lynch Form und Inhalt.
Dieses faszinierende Machwerk entstand, in drei Jahren Drehzeit, ausschließlich in Los Angeles und größtenteils nachts in selbstgebauten Sets auf dem Dachboden eines Hauses in Beverly Hills. "Wir", sagt der Regisseur, "also die fünf oder sechs Leute in dem kleinen Team, haben über ein Jahr lang jede Nacht gearbeitet."
Auch die Entstehungslegende trug zum Kult bei, der sich mittlerweile um den abendfüllenden Erstling des Amerikaners rankt. Denn ein Kultfilm für eine mitternächtliche Kinogemeinde ist "Eraserhead" längst geworden.
Dafür legte der 1946 in Missoula/Montana geborene Lynch aber auch selbst Stück für Stück Hand an. Ein handwerklicher Tüftler war er schon, als er noch die Corcoran School of Art, die Boston Museum School und später die Pennsylvania Academy of Fine Arts besuchte. Er machte Fingerübungen mit Trickfilmen und drehte schließlich - mit einer Prämie des "American Film Institute" - "The Grandmother", einen 34-miütigen Film, der ihm etliche internationale Preise eintrug. Dann begann die Knochenarbeit an "Eraserhead". "Die Riesenmengen an Werkzeugen und Eisenwaren, die angeschafft wurden", meinte David Lynch, nicht ohne gebührenden Stolz, "würden einen normalen Eisenwarenladen dagegen mickrig aussehen lassen."
Das nötige Kleingeld für die Herstellungskosten besorgten wiederum das "American Film Institute" - und die Schauspielerin Sissy Spacek, deren Hang zu Mysterien sie mit David Lynch zusammenbrachte.
Auch den grauenvollen Embryo hat Lynch selbst gebastelt. Es übertrifft bei weitem die abgehäuteten Karnickel in der Handtasche von Catherine Deneuve aus Polanskis Filmschocker "Ekel".
Eine Mißgeburt noch größeren Ausmaßes hievte David Lynch mittlerweile in seinem zweiten Spielfilm auf die Leinwand: den "Elefantenmenschen". Was fasziniert ihn an menschlichen Monstern? Antwort: "Nicht das Äußere, sondern die optischen und akustischen Stimmungen und Schwingungen, die ein solcher Mensch auslöst."
Und diese Stimmungen kommen besonders dann zum Schwingen, wenn man sich Lynchs Film-Faustschlägen Nachts aussetzt.
Kino der Nacht: Wenn Licht und Schatten sich verändern und die Welt ein ganz anderes Aussehen bekommt, dann sehen auch Filme anders aus. Man sieht sie einfach anders als bei Tageslicht. Mit dieser Tatsache spielt "Eraserhead" virtuos. Der Film macht die nächtliche Wahrnehmung und den Schlaf der Vernunft zu einem ästhetischen Prinzip. Er ordnet sein Material nach den Zufällen von freier Assoziation, surrealer Wirklichkeit und Ängsten aller Art.
Deshalb ist der Film für Psychofreaks ein gefundenes Fressen. Die dunklen Gefilde der Seele kehren sich hier nach außen. Das Unterbewußte übernimmt Schnitt, Licht, Ton und Regie.
"Eraserhead" ist darüber hinaus:
  • Ein Science-fiction-Film. Seine Reise geht in die unbekannte Zukunftswelt des Inneren - und der Innereien. Und in eine Landschaft, deren industrielle Öde an einen ausgestorbenen Planeten irgendwo im All denken läßt.
  • Ein Punk-Film, der die Punk-Ästhetik 1977 erst so richtig ankurbelte. Der das Abstoßende, Schockierende, Unappetitliche, Provozierende zum Prinzip erhebt.
  • Und ein Horror-Film, der klarmacht, woher Horror kommt. Nämlich einmal daher, daß die tiefsten und persönlichsten menschlichen Gefühle ständig von einer unmenschlichen und immer feindlicheren äußeren Realität bedrängt werden. Und zum anderen daher, daß es im modernen Massen-Alltag mit seinen unaufhörlich tönenden Medien, seinen Kontrollen, Kämpfen und Einflußnahmen keine Rückzugsmöglichkeiten mehr gibt. Die Winkel und Verstecke der Vergangenheit - auch der Kindheit - sind abgerissen. Die eigenen vier Wände sind nach allen Seiten hin geöffnet und durchlässig. Schon hinter dem Heizkörper beginnt die Welt der anderen. Und der Krach von draußen zerstört die Privatsphäre.
    So wird Henry Spencer, der Held von "Eraserhead", von allen Seiten bedroht. Und steht schließlich mit dem Rücken zur Wand, greifen auch dahinter schon Hände nach ihm.
    Bernd Schultz
    Back to Interviews and Articles