SPEX September 1990
David Lynch: Wild At Heart
Gewalt in Drag
Blue Velvet" wurde noch von einem surrealistischen "Geheimnis dunkler unbewußter Zustände" umgetrieben, das staunend einer "fremden, seltsamen Welt" in die Schuhe geschoben wurde. In "Wild at Heart" sagt Laura Dern zwar ein- oder zweimal: "The whole world`s wild at heart and weird on top", aber diese Welt ist durch eine Transzendenzstufe
gegangen und zum Film geworden, der jetzt ganz weird oder krank ist.
Wo der filmische Raum nur noch sich selbst verantwortlich ist, kann das Resultat ein dichtes Gewebe und auch schierer Bombast sein. Was darauf abzielt, das Nervensystem der Massen mit visuellen Eindrücken und Tönen zu schocken und zu überwältigen: Bässe (THX), aggressiver Sex, Rock, zermanschte Körper, Breitwand und Dauer (127 Min.).
Lynch ist nicht der einzige, der aus der Akzeptanz von Gewaltverherrlichung und Pornografie den Schluß zieht, daß man jetzt sehr weit gehen kann und muß, um die Möglichkeiten des Films bis zur Schmerzgrenze auszureizen. Aber Lynch ist der einzige, der über reine Drastik hinaus die Sinn-Frage stellt und beantwortet: Bedeutung muß gemacht werden, es ist egal, was für eine Bedeutung das ist.
Für den US-Film ist Bedeutung oder die Herstellung von Bedeutung meistens kein Problem. Bewegung, Licht, Farbe, Räume und Töne dienen immer nur ein- und demselben Zweck: freizeitindustrielle Kontraktionen, und zwar auf immer reduzierterer Basis. Die bedeutungsgenerrierende Maschine Film kann die Bindungen (Genre, Realismus) aber nicht
einfach anerkennen, sondern muß sie abstreifen, um als solche zu funktionieren und vor allem erkennbar sein.
Die Gewalt ist in "Wild at Heart" so verschachtelt und parodistisch (und niemand braucht nun herzugehen und die Gewaltfrage im Film anhand von Lynch zu stellen), daß es nicht mehr wichtig ist, ob Köpfe und Hände abgeschossen werden, sondern wie diese gewalttätige, offensichtliche Künstlichkeit zu Populismus wird.
Drastik ist eine Form des Populismus und unterstützt so die Herstellung von Bedeutung. Weil, wo der Filmische Raum nur noch sich selbst verantwortlich ist, muß es auch Stellen geben, wo die Künstlichkeit aus sich heraustreten und kämpferisch sein kann. Gewalt kann das Wabrige des zu Künstlichen vermeiden helfen und zusammen mit der Intrige, so minimal sie auch immer ist, eine Spannung erzeugen, die einem nichts abverlangt als dazusitzen und zuzuschauen.
Aber das muß natürlich von gewissen Feinheiten und Sensibilitäten unterstützt werden wie grandiosen Haupt- und Nebendarstellern (Stanton, Glover, Dafoe und Rossellini) - einer Laura Dern, die zu einem kreischigen, elastischen Vehikel für Lynchs Verformungen wird, oder von Nicolas Cage, der seine goofy Begabungen wiederentwickelt.
"Wild at Heart" ist ein schwüles, gelbrotes brutales Road Movie über zwei junge Leute auf der Flucht durch Texas nach New Orleans. Sailor Ripley und Lula Pace wollen Lulas ins Monströse gesteigerter Mutter entkommen, die Sailor nicht mag und ihm sowohl einen Detektiv als auch den Killer Bobby Peru hinterherschickt. Konspiration und Flucht bilden das Klima und sind der Motor der Geschichte, die eigentlich ein Witz ist und auch vor extremen Kitsch nicht zurückschreckt, wie dem Auftauchen der aus "Wizard of Oz" bekannten Hexe des Westens, die Nicolas Cage den Rat gibt, sich von der Liebe nicht abzuwenden.
Verfall, Verschmiertheit, Krankheit, Schäbigkeit, Kakerlaken in der Unterhose sind die Bestandteile von Lynchs Manierismus immer gewesen. Dahinein mischten sich Mitte der 80er Jahre Kapitelle und Draperien, die nicht nur Lynch als zentrales Repertoire des Postmodernen vorgekommen waren, siehe "Dune". Jetzt reißt er sich eher Jugendkultur-Mythen unter den Nagel, so daß z.B. Rock, sonst immer der kleinste Nenner des Mainstream im US-Film, zum ersten Mal, da in Drag-Form benutzt, großartig wirkt und einer zerbrochenen Welt zuarbeitet, die ansonsten aus Verrat, Niedertracht, rothändlehaften Aufnahmen von Zigarettenglut und Flammen und willkürlichen Einschüben von Erinnerungssequenzen und abgretrennten Körperteilen besteht und so von einer zwangsläufigen Untrennbarkeit von Struktur und Element spricht.
Je weiter diese Ausstellung, also Verwertung von Unmenschlichkeit, Monstrosität fortschreitet - und das tut sie ja: Lynchs ästhetisch oppositioneller Apparat führt zu sich von Film zu Film verschärfenden Ungeheuerlichkeiten, umso mehr entwickelt sich ein Bild für die an sich eher stumme Gewalt, zu der der Kapitalismus fähig und bereit ist.
Aber da ist es schon verrückt, daß diese totale ästhetische Anarchie, die man auch Durchgeknalltheit oder Dekonstruktivismus nennt, aus einem Amerika der Rezession stammt, während Europa, und da vor allem Deutschland, sein Anarchie-Potential nach Osten richtet und nicht auf so etwas Symbolisches wie den Film. Was unter anderem dazu führt, daß nicht die DDR und Polen, sondern Texas zu einem Modell vollständig überhitzter Unvernunft wird.
"Wild at Heart" stellt eine Aussicht her, die weder besonders gut noch geradezu herzerfrischend ist, sondern schon eher bis ins Mark hinein Ende des Jahrhunderts ist. Aber immerhin gibt es in diesem Film eine Aussicht, was schon mehr ist als man von den meisten Euro-Projekten sagen kann: Schönheit, die aus Parodie, Wahnsinn, Drastik herauswächst und am Rand von Selbstauflösung und Panik steht.
Manfred Hermes
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