arte Magazin, 2 / 2007, p.24-25

HERR DER FINSTERNIS

David Lynch, der große Kino-Meister des Abgründigen und Geheimnisvollen, hat nicht immer Erfolg - und bleibt sich doch treu. ARTE zeigt die wichtigsten Filme des Kultregisseurs.

David Lynch

"Geboren in Missoula, Montana, Eagle Scout." Das ist alles, was zur Person David Lynch im Pressheft seines neuen Films "Inland Empire" (ab 24. April im Kino) zu lesen ist. Eine Autobiographie in fünf Worten, rätselhaft und doch verräterisch. Wie seine Filme.

Als Regisseur ist David Lynch besessen davon, seine Visionen auf die Leinwand zu bringen. Dafür nimmt er Flops, finanzielle Desaster, aber auch Kritikerschelte und Kopfschütteln des Publikums in Kauf. Filme macht Lynch seit 1967: Als Student begann er damit, Zeichnungen in Trickfilme zu verwandeln. Seither hat er elf Spielfilme und einige Episoden einer TV-Serie gedreht sowie gelegentlich Kurzfilme und Werbespots. Ein überschaubares Gesamtwerk. Aber fast jeder Film ist als echter Lynch zu erkennen - an einer speziellen Notes des Albtraumhaften und Geheimnisvollen, die über das Filmende hinaus weiterklingt.

Ein Stipendium des American Film Institute ermöglicht ihm 1971 seinen ersten langen Spielfilm "Eraserhead" (1977). Fünf Jahre arbeitet Lynch mit seinem Team von fünf Freunden an dem surrealen Kabinettstück in Schwarzweiß. Jede Szene wird minutiös geplant, jeder Trick eigenhändig gefertigt.

Der Underground-Erfolg von "Eraserhead" lockt Hollywood auf Lynchs Fährte. Mel Brooks setzt den jungen Avantgardefilmer als Regisseur für seine Produktion "Der Elefantenmensch" (1980) durch. Die Risikobereitschaft zahlt sich aus: Das düstere, gefühlvolle Drama eines Missgebildeten erhält acht Nominerungen für den Oscar und wird ein Erfolg an den Kinokassen.

Seine wichtigste Lektion als Regisseur lernt Lynch bei dem nächsten Projekt, der Verfilmung des Science-Fiction-Romans "Der Wüstenplanet" - ein filmisches und kommerzielles Desaster. Lynchs eigenwillige Visionen treffen auf ein Mega-Budget von 40 Millionen Dollar und eine gewaltige Produktionsmaschinerie. Die Arbeiten ziehen sich über quälende drei Jahre hin. Am Ende entsteht im Schneideraum auf Geheiß des Produzenten ein Kompromiss von immer noch 137 Minuten Dauer.

Die Lektion: Gib nie wieder das Recht am Final Cut ab! Seither geht Lynch großen Budgets aus dem Weg. Große Ambitionen aber hat er nach wie vor. In den folgenden Jahren entstehen die Werke, für die Lynch als Meister des Surrealen und Schöpfer filmischer Rätselwelten zwischen Wahn, Gewalt und Finsternis gefeiert wird: "Blue Velvet" (1986), "Wild at Heart" (1990), der die Goldene Palme in Cannes gewinnt, und die TV-Serie "Twin Peaks" (1989), die weltweite Triumphe auf den Fernsehschirmen feiert.

Vor allem "Blue Velvet", der schockierende Blicke hinter die Fassaden einer amerikanischen Kleinstadt, festigt Lynchs Ruf als Regisseur des Abgründigen und wird dank der Oscarnominierung für die beste Regie zum Befreiungsschlag für ihn. Hauptdarstellerin Isabella Rossellini sieht in "Blue Velvet" den Kern der Filmvisionen David Lynchs: "Viele finden den Film pervers. Doch für mich repräsentiert er immer Davids Suche nach Gut und Böse. David ist ein sehr religiöser Mensch."

Nach "Twin Peaks - Der Film" (1992) vergehen mehrere Jahre, bis Lynch seinen nächsten Film "Lost Highway" (1997) realisiert: "Man muss etwas finden, was man liebt", begründet er die lange Auszeit. Die Zeit der Suche nach dem richtigen Stoff verbringt er in einem Haus in Los Angeles, nahe des Mulholland Drive. Er geht selten aus, meidet die Stadt, sein Ego ist angeknackst. Seit der Pleite mit "Der Wüstenplanet" ist er überzeugt: "Wenn man einmal gescheitert ist, gewinnt man das Selbstvertrauen nicht mehr hundertprozentig zurück."

Anfang 1999 arbeitet Lynch für den Fernsehsender ABC an der Serie "Mulholland Drive " - die nie gesendet wird. Dafür entsteht zwei Jahre später der Kinofilm: mt einem neuen Geldgeber und um 50 Minuten erweitert.

Das vertrackte Werk, das um zwei Schauspielerinnen und einen Filmemacher kreist, festigt den Ruf seines Schöpfers als Rätselregisseur. Bizarr und verführerisch, oft unerklärlich - so wie David Lynchs Figuren sind, so hinterlässt er seine Zuschauer: in Dunkelheit und Verwirrung. "Für mich ist es jedesmal ein Kitzel, zwei Stunden abzutauchen in die Abgründe, die ich schaffe." Mit dem neuen Projekt "Inland Empire" scheint es Lynch seinen Fans noch schwerer zu machen: Der Film ist in zweieinhalb Jahren ohne festes Drehbuch entstanden und dauert drei Stunden. Worum es geht? Lynch orakelt, es sei "die Geschichte eines Geheimnisses ... um eine verliebte Frau in Schwierigkeiten." Und es ist keineswegs wahrscheinlich, dass sie aus diesen Schwierigkeiten wieder herausfinden wird.

THOMAS MEINS