Frankfurter Allgemeine Zeitung; 13.11. 1986
Schockierend oder schwarzer Humor?
Im Widerstreit der Meinungen: "Blue Velvet", ein amerikanischer Film von David Lynch

 

 

NEW YORK, im November

Lumberton, eine idyllische Kleinstadt irgendwo in Amerika. Der Himmel ist blau, die Häuser sind weiß, die Gärten sind grün - kurz: eine heile Welt. Ein Mann sprengt seinen Rasen. Plötzlich faßt er sich in den Nacken und fällt wie vom Blitz getroffen zu Boden: Gehirnschlag. Schwanzwedelnd springt der Hund des Nachbarn auf den ausgestreckt Daliegenden und schlürft gierig Wasser aus dem Schlauch, den der Gestürzte krampfhaft umklammert hält. Nächste Szene: Jeffrey, der Sohn des vom Schlag Getroffenen, besucht seinen Vater im Krankenhaus. Auf dem Rückweg bemerkt er im Gras einen Gegenstand, über den Ameisen krabbeln. Er sieht näher hin: Es ist ein abgeschnittenes menschliches Ohr.

So beginnt "Blue Velvet", ein Film von David Lynch, der auf New Yorker Cocktailparties zur Zeit das bevorzugte Thema ist (und den man auch schon bei den Hofer Filmtagen zu sehen bekam: der deutsche Start ist für Mitte Februar 1987angekündigt). Die einen nennen ihn einen geschmacklosen Schocker, die anderen ein Meisterwerk des schwarzen Humors. Manche Zuschauer fallen in Ohnmacht; andere berichten stolz, sie hätten ihn bereits ein halbes Dutzend Mal gesehen. Die strenge New Yorker Kritik hat auch schon ein (mittlerweile recht abgegriffenes) Etikett für den Zankapfel gefunden. Sie nennt ihn den "Kultfilm der achtziger Jahre".

Schon in der Vergangenheit hat Lynch - ein Vierzigjähriger mit unschuldigem Gesichtsausdruck, der sich am liebsten von Milkshakes ernährt - eine auffallende Vorliebe für abseitige Stoffe an den Tag gelegt. In seinem Erstling "Eraserhead" (1977) ging es um einen Wechselbalg und seinen nicht minder bizarren Vater, den nächtliche Albträume von Schlangen und verbrannten Gestalten heimsuchen; 1980 verfilmte Lynch den Broadway-Reißer "The Elephant Man", die Errettung einer abstoßenden Mißgeburt aus den Niederungen des Schaugeschäfts; 1984 folgte "Dune", ein Science-fiction-Melodram, in dem interplanetarische Machtkämpfe um stimulierende Gewürze und menschenfressende Riesewürmer ausgefochten werden.

Verglichen mit diesen Vorgängern kann Lynchs vierter Film geradezu als gegenwartsnah gelten. Wenn man will, kann man in ihm einen Krimi sehen oder das filmischen Gegenstück zu einem Entwicklungsroman: Jeffrey (Kyle MacLachlan) meldet den Fund des Ohres zwar der Polizei; mit Hilfe seiner Freundin Sandy (Laura Dern), der Tochter des Sheriffs, stellt er aber auch seine eigenen Nachforschungen an. Er kommt dabei nicht nur einer Rauschgiftbande auf die Spur, sondern auch der sadomasochistischen Beziehung zwischen dem gefährlichen Psychopathen Frank (Dennis Hopper) und der Nachtklubsängerin Dorothy (Isabella Rossellini). Dorothys Song "Blue Velvet", ein Schlager aus den dreißiger Jahren, ist das Leitmotiv für die fetischistischen Obsessionen, die bald auch Jeffrey beherrschen: Versteckt im Schrank der Sängerin, wird er Zeuge von Szenen, die von dem ortsüblichen Petting Lichtjahre entfernt sind. Der Amateurdetektiv findet sich plötzlich zwischen zwei Frauen wieder - der blonden Sandy, die von Rotkehlchen schwärmt, und der lebenserfahrenen Dorothy, die von ihm verprügelt werden will. Was als kriminalistisches Abenteuer begann, endet als "éducation sentimentale": Jeffrey wird zum Mann.

Freilich, wer den Film zum Nennwert nimmt, hat das Wesentlich nicht mitgekriegt. Lynchs Stärke ist sein surrealistischer Humor, der auch die schockierendendsten Horrorszenen erträglich, ja geradezu liebenswert macht. Wenn sich der sadistische Gangsterboß vor seinen Exzessen durch das Inhalieren narkotischer Substanzen in Stimmung bringt oder wenn gegen Ende des Films auch der zum Ohr gehörige Rest der Leiche auftaucht, dann schlägt der anfängliche Schreck rasch in Gelächter um. Mit Entsetzen Scherz zu treiben, darauf versteht sich Lynch virtuos. Natürlich läßt er sich auch die komischen Wirkungen nicht entgehen, die sich aus dem Kontrast zweier Welten ergeben: Indem er die Postkarten-Idylle des kleinstädtischen Alltags gegen ein nicht minder kitschiges Klischee vom verbrecherischen Untergrund ausspielt, nimmt er beide kräftig auf die Schippe.

Auch Robert Altman, John Cassavetes und Martin Scorsese haben die morbide Kehrseite von "God`s own country" immer wieder bloßgestellt. Und in "Rosemary`s Baby" entpuppen sich als Sendboten des Teufels ausgerechnet jene Nachbarn, die uns als besonders hausbackene Vertreter des "american way of life" vorkommen. Auch wenn Roman Polanski dort den Gegensatz von biedermännischer Schale und verdorbenem Kern wohl noch brillanter zur Geltung bringt - in "Blue Velvet" erweist sich David Lynch als sein gelehriger Schüler.

Jörg von Uthmann