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film illustrierte, 2/ 1987, p. 22-23 |
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Es ist eine seltsame Welt
Eine Reise unter die Oberfläche der amerikanischen Provinz Zu den Klängen von Bobby Vintons Titelsong "Blue Velvet" gleitet die Kamera in der Eröffnungssequenz über eine amerikanische Kleinstadtidylle. Aus tiefblauem Himmel über einen strahlend-weißen Gartenzaun mit blutroten Blumen davor zu einem Mann, der in seinem Vorgarten plötzlich wie von Schlag getroffen zu Boden fällt, um schließlich auf einem Gewimmel von Insekten zu enden, die unter dem makellosen Rasen sich böse summend ineinander verkrallt haben. Eine einfache Geschichte. Einfach wie ein Alptraum. In der Kleinstadt Lumberton - einer Bastion des American way of life - findet ein junger Mann (Kyle MacLachlan) ein abgetrenntes Ohr und beschließt, das Geheimnis um dieses Ohr zu lüften. Er trifft dabei auf eine Bilderbuch-Blondine (Laura Dern, das typische "nette Mädchen von nebenan"), gerät in die Abhängigkeit von einer masochistischen und neurotischen Nightclub-Sängerin (Isabella Rossellini), in die Fänge eines kranken, gefährlichen Verrückten (Dennis Hopper) und stürzt in einen Abgrund aus Perversion und Gewalt. Das alles hört sich nach einem typischen "film noir" an. Irrtum. Lynch benützt nur die äußere Form eines Krimis oder Mystery Thrillers, um in eine grauenhafte Unterwelt hinabzusteigen, die Rätsel von Licht und Dunkel, Tag und Nacht, Voyeurismus und Grausamkeit, Liebe und sexueller Besessenheit zu lösen. Blue Velvet ist der gewagteste, radikalste und originellste Film der letzten Zeit. In einem Jahr, in dem Filme wie "Stand By Me" (Das Geheimnis eines Sommers) und "Ferris macht blau" Pseudo-Weisheiten über pubertäre Schwierigkeiten verkaufen, verwandelt Lynch das Entwicklungsstadium eines jungen Mannes in eine Allegorie, die die Bettlaken zurückwirft, mit allen Tabus bricht und Exzesse zeigt, wie sie nie zuvor auf der Leinwand zu sehen waren. Wenn Ronald Reagan und Cougar Mellencamp gefühlvoll die Provinz Amerika besingen, führt Blue Velvet uns in eine kleine Provinzstadt und entdeckt hinter ihren lächelnden Gesichtern die dunkelsten Alpträume des geliebten und gelobten Landes. Der Film mag widersprüchlich sein und manchmal auch gefährlich, trotzdem ist Blue Velvet eines der wenigen großen Kinoereignisse der 80er Jahre mit der aufregendsten Handlung und den faszinierendsten Bildern seit "Der letzte Tango in Paris".
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