Die Samtausgabe
BLUE VELVET
"I don`t know if you `re a detective or a pervert", sagt das blonde, leicht häßliche College-Girl Sandy (Laura Dern) zu ihrem Freund, der sich gerade in "Unterwelt", Sex and Crime und Begegnungen mit ausgewählten Weirdos hineinmanövriert, dabei natürlich seine Unschuld verliert... und überhaupt steht über diesem vierten Film von David Lynch: "Achtung: Sexuelle Phantasie!" Dieses Thema wird so dick und farbenprächtig und künstlerisch wertvoll aufgetragen, das Geheimnis im Normalen der amerikanischen Kleinstadt, ins Surrealistische hineingesteigert (Tote, die im Raum stehen bleiben, Fetischessender Maniac, Lady in distress als abgeschrabbelte Femme fatale), daß man gleich weiß, was Sandy nicht weiß, nämlich daß Jeffrey Beaumont (Kyle MacLachlan) natürlich "detective und pervert" ist, weil er ja gerade erst in diesem Film angefangen hat, diesen aufregenden Betätigungen nachzugehen.
Zu Beginn des Films findet er das Ohr eines Mannes und fängt an - Gräßlichstes vermutend - nachzuforschen, findet die Frau des Mannes ohne Ohr, und genauso wir er von dem klebrigen Ohr fasziniert war, ist er es von der lädierten, ausländischen, hilflosen und zugleich gewalttätigen Nachtclubsängerin Dorothy Vallens (Isabella Rossellini), die nicht nur "Blue Velvet" (das Lied) ins Mikrofon haucht, sondern auch zu Hause in einem blauen Samtmorgenrock herumläuft.
So lebt der Manierismus! Jeffrey bricht bei ihr ein, wird entdeckt, mit einem Messer von ihr bedroht, fast von ihr vergewaltigt, dann aber in den Wandschrank zurückgesteckt, weil der böse Frank (Dennis Hopper) auftaucht, der Gangster, der Mann ohne Ohr, der das Kind der verstörten Mutter in seiner Gewalt hat und dieselbe rituell vergewaltigt., "Mommy" schreiend und in den blauen Samt beißend. Außerdem braucht Frank ständig ein Inhaliergerät, um sich aufzuputschen (was darin ist, wird nicht näher erklärt), und schreit circa 1000 Mal "fuck" während des Films. Dennis Hopper, alt, grauhaarig, gemein und in Hochform.
Das einzige, was sich Dorothy nach dieser Szene, nachdem sie den Jungen aus dem Schrank geholt hat, wünscht, ist Sex. (Alle Gudrun Langrebes dieser Welt hätten ihr Herz aufgegessen, um diese Rolle zu bekommen! Oder nicht...?) Spätestens bei Franks Auftritt wird klar, daß es sich bei Blue Velvet um eine Komödie handelt, allerspätestens aber, als Jeffrey, von all dem Gräßlichen erst recht neugierig gemacht, am nächsten Tag zu ihr zurückkommt und sie ihn mit den Worten empfängt: "I looked for you in the closet tonight."
Der Rest des Films ist das Sich-hin-und-her-Bewegen des Helden zwischen der hellen klaren College-Girl-Welt (seine Freundin Sandy, deren Vater, der Polizeichef, Sonnenlicht, Sich-um-Aufklärung-des-Falls-Bemühen) und den zwielichtigen Verhältnissen, in den seine gerade neu entdeckte Geliebte steckt (Gangstergesichter, Autos, Nacht, Bars, das Etablissement mit einem pantomimisch zu Roy Orbisons "The Dream" spreizenden Zuhälter (Dean Stockwell), eben Dunkelheit und blauer Samt. Der blaue Samt ist aber kein schwerer ernstgemeinter, sondern so, als wäre er von Woolworth, das macht den Film erträglich, hilft über die leichte Enttäuschung hinweg, daß diese mit Lust und Sadomasoliebe gespickte Komödie eigentlich nur aus diesen exquisit gespickten und ausgeleuchteten und inszenierten Teilchen besteht und der Plot dabei verlorengeht. Der Film könnte ewig so weitergehen. Man wartet ab der Mitte etwa nicht mehr darauf, daß Jeffrey endlich mal einer Lösung der Angelegenheit näherkommt, oder daß der Mann ohne Ohr auftaucht, oder überhaupt klar würde, was die Gangster tun etc.; man kann sich auch nicht (wie Lynch) unbedingt an die Stelle des leicht irritierten Langweilers Jeffrey setzen, obwohl das wohl die Absicht des Erfinders war. Nach einer Weile wird das allerdings etwas öde, und nach Suspense lechzend, wartet man auf einen neuen Hysterieausbruch des inhalierenden Frank. So ist es völlig logisch, daß das wirkliche Ende des Films nicht des Sieg des Guten, die Zusammenführung von Mutter und Kind, Sandy und Jeffrey nebst Müttern und Tanten im Eigenheim, sondern der Exitus von Frank ist.
Im Epilog des Films, einem in strahlendem Licht halluzinierten Superhappyend (populärer Surrealismus), sieht man dann das händchenhaltende, junge Paar, vor dem Fenster ein niedliches Rotkehlchen, das ein fieses dickes Insekt im Schnabel trägt, das wohl den reinkarnierten Frank symbolisieren soll.
"Blue Velvet" unterscheidet sich vom Thema, vom Schauplatz, von der Handlung her sehr von Lynchs anderen Filmen (Eraserhead, Elephant Man, Dune), doch über seine alte Liebe zum perfekt eingebauten Schwulst stolpert er trotz offensiv-komischen Einsatz derselben auch in "Blue Velvet" wieder.
Jutta Koether