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Der Spiegel 7 / 1987 |
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Nachtfahrt durch den amerikanischen Tagtraum
Für "Oscar"-Segen wird er zu skandalös sein, doch seine Kühnheit und Bildermacht haben ihm in den USA schon viel Aufmerksamkeit beschert: "Blue Velvet", der vierte Spielfilm des Regisseurs David Lynch, 41, setzt einem properen Kleinstadtidyll eine halluzinatorische Nachtwelt voll Angst, Gefahr und Verderbnis entgegen.
Lumberton heißt die amerikanische Kleinstadt, die mit ihren Holz- und Backsteinvillen, ihren gelben Tulpen und weißen Zäunen noch Ende der Achtziger aussieht, als sei sie mitten in den fünfziger Jahren steckengeblieben. "Holzhausen" oder
"Möblingen" könnte sie auf deutsch heißen; alles dreht sich in ihr ums Holz, und wenn im Radio die Zeit angesagt wird, heißt es:" Beim Fallen des nächsten Baumes ist es neun Uhr dreißig."
Die Stadt ist so friedlich und so von süßlicher Musik durchdrungen, der Himmel ist so blau, daß der vorbeifahrende Feuerwehrmann gar nicht anders kann, als fröhlich in die Gegend zu winken. Sogar den Kinozuschauer scheint er auf diese Weise freundlich zu grüßen. Freundlich? Oder bedrohlich? In einem hübschen Vorgarten sprengt ein netter älterer Herr zu netter Musik den Rasen. Plötzlich fällt er, vom Schlag gerührt, ins Gras, ein netter Nachbar Hund klettert kläffend auf den hügeligen Bauch des Ohnmächtigen und hechelt nach dem Wasser des wild um sich schlagenden Schlauchs. Die Kamera fährt auf den Rasen zu. Man sieht ein bedrohliches Gewimmel von Insekten zwischen Riesenhalmen.
"It`s a strange world" heißt der ironische Lieblingssatz, den Regisseur David Lynch ("Der Elefantenmensch") immer wieder zitieren
läßt. In der Norman-Rockwell-Idylle, einer wahrlich seltsamen Welt, beginnt eine Höllenfahrt.
Schon kommt der Sohn Jeffrey (Kyle MacLachlan spielt ihn mit linkischer Sympathie und mit einer schüchternen Zugeknöpftheit bis zum obersten Hemdenknopf) zurück vom College, um seinen beim Rasensprengen gestürzten Vater im Krankenhaus zu besuchen. Der eben noch so joviale Mann kann unter bedrohlichen medizinischen Geräten nur noch asthmatisch schnaufen. Und als der Sohn ihn
verläßt, über eine Wiese nach Hause geht, findet er ein abgeschnittenes Ohr, über das sich schon die Ameisen hermachen.
Er packt es brav und ordentlich in eine herumliegende Tüte und bringt es zur braven und ordentlichen Ortspolizei. Der herablassend lächelnde Inspektor wirkt so spießig und behandelt Jeffrey so freundlich, daß einem das kalte Grausen den Rücken herunterläuft. Er hat eine blonde Tochter, die noch zur Schule geht. Sie und Jeffrey sind Nachbarskinder. In Lynchs Film ist meist alles so nett und proper, daß es fast weh tut.
Von nun an ist nichts mehr, wie es scheint. Denn durch das Ohr gerät Jeffrey in eine Welt aus Erpressung und sexueller Perversion, die sich wie ein Nachtmahr über die Phantasien des Heranwachsenden legt. Er möchte helfen, er möchte imponieren, er möchte was erleben.
"Blue Velvet" ist ein Film, der seinem jugendlichem Paar eine verquere Reifeprüfung auferlegt. Zwei Kinder erleben eine Welt, wie sie den meisten Erwachsenen verschlossen bleibt.
Sie, die Polizistentochter (Laura Dern spielt sie im strahlendsten Blond und mit breitestem Mund), die bisher ihr kitschiges Jungmädchenzimmer nur verließ, um in der Schule einen Fußballspieler
kennenzulernen, wird zur Komplizin gegen ihren Vater.
Er, der brave Junge von nebenan, wird Held eines Tagtraums, in dem er als Detektiv einem grausigen Verbrechen auf die Spur kommt , an Rauschgift-Dealer, Zuhälter und Kidnapper gerät. Dabei gewinnt er die bewundernde Liebe seiner Nachbarin, die aus ihrer Schleiflack- und Plüschtierwelt schlüpft, um für ihn Schmiere zu stehen.
Und er wird Voyeur eines Nachttraums, bei dem er als Zeuge zusehen muß, wie ein sadistischer Widerling eine schöne Frau vergewaltigt, quält und demütigt, weil er offenbar ihr Kind in seiner Gewalt hat.
Oder haben die beiden gar alles unaussprechlich Entsetzliche nur geträumt, weil sie so unaussprechlich und entsetzlich glücklich sind in Lumberton, wo es beim Fallen des Baums zehn Uhr dreißig ist? Seit Robert Altmanns "Nashville" ist den USA kein Heimatfilm so nahegekommen und vor allem nahegetreten wie "Blue Velvet". |