| tip Filmjahrbuch Nr. 3 |
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Roy Orbisons Song "Blue Velvet" hatte die Welt schon fast vergessen. Bis eines Tages der US-Regisseur David Lynch ihn von Isabella Rossellini ins Mikrofon hauchen ließ. Sein Film gleichen Titels bewegte in diesem Kinojahr so viele Gemüter wie selten ein Film zuvor. Das Publikum rannte scharenweise in den Thriller mit Tiefgang und redete sich hinterher die Köpfe heiß. Der Film wurde gar zum Politikum. Lumberton ist die US-Version des deutschen Traumes vom bescheidenen Glück im kleinen Winkel. Wie es sich gehört: noch bunter, noch schöner, noch echter. Selbst im Kino gab es das bisher nicht. Ein Himmel, so blau wie mit Leuchtfarben gemalt, das weißeste Weiß auf dem akkuraten Lattenzaun und davor: ein Tulpenbeet wie aus dem holländischen Hochglanzprospekt. Schülerlotsen, so beruhigend wie Schutzengel, und als allerliebster Garant für zivile Geborgenheit: ein knallrotes Feuerwehrauto mit winkenden Feuerwehrmännern. Lumberton, die Stadt aus Holz, dem Stoff für lauschige und wohlbehütete Plätze. Lumberton, wo noch Äxte verkauft werden und "das Geräusch fallender Bäume" zu hören ist. Lumberton, der freundliche Ort, wo alles gleich in der Nachbarschaft liegt. Lumberton ist David Lynchs großer Traum, es ist die Inkarnation seiner Kindheit, das perfekte Substrat aller Provinznester, in denen die Försterfamilie Lynch gewohnt hat. Aber Lumberton ist kein Potemkinsches Dorf, Lumberton hat die Aura des Wirklichen. David Lynch hat sich den großzügigen Studios seines Mentors Dino de Laurentiis in Wilmington, North-Carolina, der Stadt ohne Gewerkschaft, wo es nur ging, entzogen und sich seine Heimat auf dem flachen Land im gediegenen Norden gesucht. Die südliche Laxheit Wilmingtons paßte nicht zu seiner Vision. Wie ein Wanderer zwischen den Zeiten lief Lynch durch Lumberton, schnüffelte in den hintersten Ecken der Häuser und im Leben der Bewohner nach Einfällen, nach der Witterung seiner Kindheit. Er mußte nur geduldig warten, bis sich die Details seiner Geschichte von selbst einstellten, einer Geschichte aus den 80er Jahren im Dekor der 50er, einem Ambiente, das immer mehr zur Chiffre wird für eine vom Gegenwartsdruck befreite Borniertheit, für wohlige Enge und Überschaubarkeit. David Lynch ist mit einem prophetischen Gespür für
dieses ferne, eher mentale als jemals reale Refugium
geschlagen. Er stellt die Zeit der einfachen Verhältnisse
nicht nach, er findet sie vor der Haustür: in einem
verschlafenen Kaff, aber auch in Bildern, die die Türen
öffnen zu uneingestandenen, ja peinlichen aber
gleichwohl archaischen Sehnsüchten nach dem
kleinstädtischen Garten Eden, nach netter Nachbarschaft,
problemlosem Alltag, nach unverrückbaren
Grenzen und unstreitbaren Werten. Für
Lynch ist diese heimliche Heimat jedes Menschen verborgen und gut aufgehoben in eindrucksvollen
Postkartenansichten, in hellen, ansprechenden Farben, in der homogen Struktur eines weichen Stoffes: Blue
Velvet, blauer Samt. So heißt der Song von Bobby Vinton, der alles ins
Rollen brachte. Francis Ford Coppola bat diesen Sonderling von der Kunsthochschule Pennsylvania zur Audienz. Während der Meister mit geschlossenen Augen auf der Couch lag, sollte ihm der maulfaule Seher seine Leinwandgemälde erläutern. Vielleicht wäre Coppola Lynchs Mann gewesen, aber bevor sich die beiden Virtuosen näher kamen, meldeten die Zoetrope-Studios Konkurs an. Ein anderer sprang in die Bresche und hielt auch zu seinem bilderwütigen Wunderkind, als das das 45 Millionen teure Spielzeug 'Dune' mit Bravour in den Sand setzte. Dino de Laurentiis fuhr dazwischen, als die Paramount-Akquisiteure Lynchs Langzeitlieblingsprojekt "Ronnie Rocket" abblitzen ließen. (Lynch: "Ein Film über Elektrizität. Mehr kann ich nicht sagen. Wir wissen so verdammt wenig über die Elektrizität. Nur wenige Wissenschaftler haben was in ihren Büchern dazu zu sagen. Aber das ist furchtbar interessant!") Aus dem Nebenzimmer in Lynchs Hotel stürzte sich De Laurentiis in das Palaver und schnappte den plötzlich hellhörig gewordenen Executives "Blue Velvet" vor der Nase weg. Erst als die Paramountbande verärgert abgezogen war, wollte der trotzige Tycoon wissen, was er da gekauft hatte. Der Italiener ließ sich nicht lumpen, obwohl er vor jener denkwürdigen Szene oft genug abgewinkt hatte: Nachdem alle großen Verleihfirmen "Blue Velvet" verpönten, kaufte er kurzerhand für seinen Schützling eine auf. Aber auch die Geduld des Produzenten und seiner talentierten Tochter Raffaela hatte Grenzen: Nach China ließ er den Leinwand-Rockwell nicht reisen, als der dort das empfindlichste Technicolormaterial aufkaufen wollte. Lynch mußte mit einheimischen Farben Vorlieb nehmen und zog sich ins Laboratorium zurück, das er nicht eher wieder verließ, bis er einen Trick gefunden hatte, mit dem er selbst in den schematisierten Abläufen der Filmentwicklung seine Farben noch intensivieren konnte. "Ich habe die richtige Gegend gefunden, die Stimmung dort war wunderbar. Es gab herrliche Gehwege und schöne Häuser. Ich liebe die kleine Welt. Sie zwingt einen zur Aufmerksamkeit für die Details." David Lynch und Lumberton - das ist mehr als ein Regisseur und sein idealer Set, es ist ein Mensch und der Ort, zu dem er gehört, aus dem er kommt, in den er immer wieder zurück muß. Der junge Jeffrey Beaumont (!) (Kyle Maclachlan, Lynchs Lieblingsschauspieler: "Er strahlt Unschuld aus.") kommt nach Lumberton zurück. Er ist steif und liebenswürdig wie David Lynch. Sein Hemd ist zugeknöpft bis zum Kinn, er trägt mit Vorliebe unauffällige, seriöse dunkle Stoffe. Wie David Lynch. Lynch sieht aus wie ein Priester, Jeffrey wie ein Candidatus theologicus. Jeffreys Familie ist sauber und nett. Sein Vater steht mit dem Gartenschlauch im ordentlich blühenden Garten, die schrullige Tante und die liebevolle Mutter werkeln in der Küche oder vertreiben sich die Zeit mit Handarbeit. Wie jeder Junge lernt Jeffrey Mädchen kennen. Sandy paßt zu ihm (Bruce Derns Tochter Laura), sie ist nicht hübsch, sondern frisch und adrett. Sie interessiert sich für Jungen, geht abends mit dem Nachbarjungen Jeffrey spazieren, hat einen Freund auf dem College, aber sie ist rein bis zu einer sympathischen Art von Dümmlichkeit. Sandy weiß, was Liebe ist: Wenn die Luft voller Rotkehlchen ist. Und die Luft ist voller Rotkehlchen, denn David Lynch mag Jeffrey und Sandra. Er mag sie so sehr, daß er ihnen ein Happy-End gönnen will - bei strahlendem Sonnenschein, inmitten ihrer Lieben, natürlich im Garten. So ist das Leben in Lumberton.
Die alltäglichen Aufregungen in Lumberton halten sich
in den unspektakulären Grenzen der Straftatbestände in
der deutschen Märklin TV-Serie. Durch die ländliche
Lage bedingt sind sie mehr von naturphilosophischer als
von juristischer Brisanz. Aber hier wie dort sorgen die
kleinen Winke eines verborgenen Geistes dafür, daß die
Menschen sich auf die winzigen Unzulänglichkeiten der
Schöpfung besinnen, die wiederum ihren tieferen Sinn
darin zu haben scheinen, vor Langeweile zu schützen.
Geht es im deutschen Fernsehen um Eigentumsbagatelle und Vertragsstreitigkeiten, so sind es in
Lumberton Insektenstiche und Vögel, die aus Mordlust
unschuldige Käfer malträtieren. Jeffrey erlebt sein blaues Wunder, als er die Spur des abgeschnittenen Ohres bis in Dorothys Kleiderschrank verfolgt. Nicht nur, daß Dorothy ihn mit einem Küchenmesser stellt und auf ganz eigenwillige Art in Verlegenheit bringt. (Eine Szene, die Filmgeschichte machen könnte wie Hitchcocks Mord unter der Dusche.) Jeffrey lernt bei dieser Gelegenheit auch gleich Frank Booth kennen. Frank ist ein übler Bursche, er hat Dorothys gesamte Familie entführt und bedient sich nun nach Belieben seines verzweifelten Opfers. Frank ist krank, er kann nicht lieben ohne wehzutun. Das ist selbst für Dorothy zu viel, die es eigentlich mag, wenn man ihr beim Lieben ein wenig weh tut. Jeffrey Beaumont versteht die Welt nicht mehr: Er muß nicht nur erleben, daß Dorothy von ihm Schläge verlangt und von Frank vergewaltigt wird, er entdeckt auch entsetzt, daß selbst seine dunklen Seiten zum Vorschein kommen, wenn man ihn nur richtig anmacht. In Lumberton ist der Teufel los. Nach dem Reinfall mit 'Dune' wollte Lynch keinen Film mit einem Riesenbudget mehr machen."Blue Velvet" ist seine Rückkehr zu den Anfängen von "Eraserhead", aber in den Requisiten wohnen und sich das Geld jahrelang zusammenschnorren muß Lynch heute nicht mehr. Er hat eine Menge Erfahrungen mit Produzenten gemacht und gelernt, seine Möglichkeiten einzuschätzen: "Mel Brooks hätte mir den 'Elefantenmensch' einfach wegnehmen können, aber er hat mich unterstützt. Trotzdem löst die Macht des Produzenten beim Regisseur Beklemmung aus. Man nimmt das in Kauf, wenn man einen besonderen Film im Kopf hat. Bei 'Blue Velvet' hatte ich völlige künstlerische Freiheit. Dino hat mich mit dem Film ganz allein gelassen, obwohl es wegen 'Dune' zu Mißhelligkeiten gekommen war." Ein Wagnis, denn einem Kerl wie Lynch ist nicht zu trauen. Er gehört zu denen, die einen Song hören, ein paar Einstellungen im Kopf haben und daraus einen Film machen wollen: "Gewisse Einfälle, die nichts miteinander zu tun haben, wachsen zu einer Geschichte zusammen. Es ist wie bei einem Magnet: Wie von Zauberhand geführt, fügen sich die Dinge, die zusammengehören, auch zusammen. Man muß nur den richtigen Moment abwarten. Normalerweise stelle ich mir beim Schreiben nur die Oberfläche vor, sowas wie Lumberton etwa. Das Innere des Ganzen offenbart sich erst beim Drehen oder beim Besetzen, wenn ich die Schauspieler im Geist durch den Film rasen lasse." Lynch weigert sich beharrlich, über den Sinn seiner Filme, ja sogar über das Zustandekommen verwickelter Einstellungen Auskunft zu geben. Er gehört zu den Künstlern, die erleichtert sind, wenn man ihnen ein Erklärungsmuster für ihre Arbeit liefert. Egal welches. Was er tut weiß er nicht. Was seine Einfälle bedeuten, warum sie so verwirrend und schön sind, auch nicht. Frank Booth setzt sich eine Atem maske auf, wenn er Spaß haben will oder Dorothy und Jeffrey in der Mangel hat. Seine Augen weiten sich und er kommt in Stimmung. Was der Gasschnüffler Dennis Hopper da inhaliert, möchte Lynch nicht sagen.
Er weiß nicht einmal genau, was dieser Frank
Booth für einer ist und läßt durchblicken, daß er
ihn Dennis Hopper zu verdanken hat. Der Schrecken der Regisseure hat sich nämlich Lynch gegenüber
von einer ganz neuen Seite gezeigt:
"Er macht überhaupt keinen Ärger mehr, seit er keine Drogen mehr
nimmt.
Dennis mochte Frank schon beim Lesen. Er hat gesagt, ich hätte ihn dazu gepuscht. Aber das
stimmt
nicht; ich mußte nur warten, bis er Frank herausließ." Was soll man von diesem Film halten, von der wüsten Geschichte um den Hobbydetektiv Jeffrey,
der zwischen zwei ganz verschiedene Frauen und unter skrupellose Gangster gerät, die ihm übel mitspielen,
während eine fette Nutte zu einem Hit der 50er auf
dem Autodach tanzt?
Ein Film, der mehr Rätsel als Lösungen zu bieten hat, der mit atemberaubender Sicherheit mit
Symbolen jongliert, die kaum zu erklären sind und doch
keine Ruhe lassen.
"Blue Velvet" ist ein surrealistisches Meisterwerk; das
nicht anders entstehen konnte als durch die Methode des David Lynch - eine Methode, auf die auch Regisseure
wie Bunuel schwörten, weil sie die kreativste und
ehrlichste zugleich ist. "Blue Velvet" ist ein Film über
das Böse in der Idylle und das Idyllische im Bösen. Es ist ein
Film, der süßliche Träume ernst nehmen kann, weil er sich
ihrer Vieldeutigkeit stellt. "Blue Velvet" handelt von unsäglichen Peinlichkeiten,
vom unvergeßlichen Heulen der betrogenen Sandy, von
der nackten und geschundenen Dorothy . in einem
Vorgarten der gediegenen Mittelstandssiedlung, vom Segen und dem Tod des Kitsches, von romantischen Tönen
und
von den Alpträumen der
reinen Seele, die jeden
Horrorstreifen an Widerwärtigkeit übertreffen.
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