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Filmbulletin, Kino in Augenhöhe, Nr. 5 / 2001, p. 18-19 |
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'Man muss den Ideen treu bleiben und tun, was sie einem sagen, denn man ist ja in sie verliebt' Gespräch mit David Lynch Filmbulletin: Godard hat gesagt, ein Film brauche einen Anfang, eine Mitte und einen Schluss, aber... David Lynch: .. nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. (lacht) Filmbulletin: Sie scheinen einen Schritt weiter gegangen zu sein Sie haben einen Film ohne Anfang, ohne Mitte und ohne Schluss, auch wenn er sehr unterhaltsam ist. David Lynch: (lacht) Er hat einen Anfang, eine Mitte und einen Schluss, aber er weist auch einige Abstraktionen auf. Ich glaube wirklich, dass die Leute etwas haben, was man Intuition nennt, und solche Dinge, Abstraktionen, intuitiv erfassen können. Wir wenden ja dieser Intuition in unserem Alltag an. Es ist eine innerliche Form von Wissen, und vielleicht ist dieses Ding heutzutage dabei einzuschlafen, weil wir nicht herausgefordert werden. Es gibt grossartige Filme, die unterhaltsam sind, aber sie stellen im Grunde für alle das Gleiche dar. Filmbulletin: Sie sagen also, dass Ihr Film nicht für alle Leute das Gleiche darstellen muss. David Lynch: Nein. Kein Films stellt wirklich für jeden das Gleiche dar. Kein Aspekt unseres Lebens ist für jeden genau gleich. Aber all dieses Theater von wegen "Ich verstehe das nicht..." Es gibt eine innere Form des Verstehens in den Leuten, bloss vertrauen sie nicht darauf. Sie wollen es von jemandem erklärt bekommen. Ich will doch nicht, dass Frederico Fellini sich hinsetzt und mir alles über Otto e Mezzo erzählt. Ich will da reingehen und herausholen, was ich für mich selbst herausholen kann. Entweder liebe ich es dann, oder ich liebe es nicht. Aber es ist spannend, ins Unbekannte zu gehen und Dinge zu entdecken. Filmbulletin: Meinen Sie, dass Ihre Filme sich überhaupt mit den üblichen Massstäben von Kritikern bewerten lassen? Oder sind wir auf dem Holzweg und sollten Ihr Werk ganz anders angehen? David Lynch: Ich denke, Sie könnten sich hinsetzen und niederschreiben, was es für Sie ist, und damit richtig liegen. Ich denke, es sind genügend Hinweise da, dass man sehen kann, was es ist, und beschreiben kann, was es ist. Man muss nur dieser Wissens-Maschine vertrauen. Es ist da. Ich glaube aber auch, dass es ist wie bei einem abstrakten Gemälde: Wenn zehn Leute davor treten und dazu eine Beziehung aufbauen, gibt es hinterher zehn verschiedene Besprechungen.. Wichtig ist, dass es Ihnen etwas sagt und Ihnen den Weg weist. Filmbulletin: Und dass es eine innere Logik hat. David Lynch: Es hat eine innere Logik. Es mag abstrakt sein, aber es hat eine Logik. Filmbulletin: Gibt es irgendeine mathematische Formel, mit der Sie arbeiten? Es wirkt willkürlich, wie Sie die Namen und Gesichter von Figuren wechseln. David Lynch: Willkürlich ist es nicht, aber es ist auch keine Wissenschaft im Sinne einer Formel wie "E=mc2". Das wäre etwas Schönes. Es wäre aber auch irgendwie jämmerlich, wenn etwa Maler sich für ein Werk einfach auf eine Formel verliessen. Man hat ja versucht, gewisse Aspekte zu definieren, über die man reden kann, wie Komposition oder die Repetition von Formen und Farben, die psychologische Bedeutung von Farben, Textur. Aber Malerei ist etwas ganz Innerliches. Und doch fühlt es sich richtig an, und man weiss, wann man aufhören muss. Filmbulletin: Inwiefern ist Mulholland Drive auch ein Film über die Traum-Stadt Hollywood? David Lynch: Betty steigt aus dem Flugzeug wie Hunderttausende von anderen Leuten, um - im besten Fall - die Chance zu bekommen, ihr Talent auszudrücken, Dinge zu erschaffen und vielleicht zu Ruhm und Reichtum zu kommen. Und dann gibt es da Macht und Manipulation und allerlei Spielchen, die nicht so angenehm sind. Aber es ist, wie nach Las Vegas zu gehen: Dort gewinnen genügend Leute, sodass die Massen dorthin strömen, um zu sehen, ob sie die Glücklichen sein werden. So geht es auch darum, aber wie ich auch schon gesagt habe: Kein Film erzählt die ganze Hollywood-Story, kein Film erzählt die ganze Geschichte der Politik, kein Film sagt irgendetwas vollständig. Die Figuren und Situationen führen uns auf einen Weg und berühren jene Dinge, die die Geschichte braucht. Aber der Hollywood-Traum ist ein Teil davon. Filmbulletin: Ist es möglich, in Hollywood ein normales Leben zu führen? David Lynch: Ich denke, es ist ziemlich hart. (lacht). Aber es ist ein schönes Leben. Und was ist schon normal? Alles ist relativ. Mir gefällt es wegen des Lichts und eines Gefühls der schöpferischen Freiheit. Die Leute leben doch letztlich dort, wo sie sich wohl fühlen. Ich fühle mich da wohl. Allen Problemen zum Trotz gefällt es mir dort sehr gut. Filmbulletin: Manche Szenen in Mulholland Drive deuten an, dass in David Lynch ein toller Konödien-Regisseur stecken könnte. David Lynch: Ich liebe Komödien. Aber es ist seltsam. Ich habe ein paar Komödien geschrieben, und ich weiss nicht, warum ich sie nicht gemacht habe. Ich komme manchmal auf sie zurück, und jetzt würde ich einiges daran ändern wollen. Komödien sind vielleicht das Schwierigste überhaupt. Denn das ist nun wie eine Wissenschaft: Zwei und zwei macht vier; zwei und zwei macht einen Lacher. Mir gefällt absurde Komik. In meinen Filmen hat es immer wieder komische Elemente gegeben, aber eine konsequent durchgezogene Komödie hat es noch nie gegeben. Filmbulletin: Irgendwo war mal zu lesen, Sie bräuchten keine Ruhepausen zwischen zwei Projekten. Würden Sie sich als Workaholic bezeichnen? David Lynch: Ich sehe es nicht als work an; das ist das Schöne dabei. Nein, ich bin ein playaholic. Ferien mag ich nicht; ich halte sie für Zeitverschwendung. ich bin immer gerne mit etwas beschäftigt. Dann komme ich richtig ins Feuer. Ich habe ein Malatelier, eine Schreinerwerkstatt, ein Aufnahmestudio für Musik, einen Computer und eine Einrichtung, wo ich gewisse Dinge filmen kann. Darum bleibe ich einfach bei meinen Ideen und kann damit hierhin oder dorthin gehen und Verschiedenes damit machen. Ich hätte nichts dagegen, eine riesige Studiohalle zu haben, wo man Dekors aufbauen kann. Das ist das einzige, was mir fehlt. Oder eine Möglichkeit, mich mobil zu Drehorten zu begeben; das habe ich auch nicht. Filmbulletin: Haben Sie als Kind jemals davon geträumt, dass Sie diese Freiheit haben würden, so kreativ zu sein und so zu spielen? David Lynch: Niemals. Davon habe ich nie zu träumen gewagt. Ich habe grosses Glück gehabt, dass ich diese für manche Leute seltsamen Ideen (lacht) ausdrücken kann und dass ich von einer Sache zur andern gehen kann. Es geht immer darum, Ideen auszudrücken. Und ich meine, dass die Leute auch ohne Geld Wege finden, um sich auszudrücken. Darin liegt eine grosse Glückseligkeit. Filmbulletin: Haben Sie das Gefühl, dass Sie ein Stammpublikum haben, das von Ihnen seltsame Dinge erwartet? David Lynch: Nein, nein, nein. Ich meine, dass das Publikum durchaus wechseln kann. Es hiesse für mich, das Pferd beim Schwanz aufzuzäumen, wenn ich etwas täte, um einem unbekannten Ding zu gefallen. Man muss den Ideen treu bleiben, auf diese hören und tun, was sie einem sagen, denn man ist ja in sie verliebt. Diesen Weg soll man beschreiten. Filmbulletin: Interessieren Sie sich für die Theorien, die die Leute über Ihre Filme entwickeln, wenn Sie einmal damit fertig sind? David Lynch: Vielleicht könnte ich aus diesen Theorien etwas lernen, aber dann würde das allmählich in einen bestimmten Teil meines Geistes hineinschwimmen, wo es etwas anderes stört. Darum ist das gefährlich. Ich bin einmal zu einem Psychiater gegangen, weil sich etwas ereignet hat. Als ich das erste Mal zu ihm kam, sagte ich: "Ich muss Sie Fragen, ob diese Besuche meine Kreativität beeinflussen und verändern könnten." Da sagte er: "David, ich muss Ihnen sagen, dass dem so sein könnte." Also schüttelte ich ihm die Hand und ging meiner Wege. An manchen Dingen sollte man nicht rumpfuschen. Das Gespräch mit David Lynch führte Michael Bodmer |