Frankfurter Rundschau; 12.2. 1987

Blauer als Samt war die Nacht
David Lynchs subtil-perfide Gewaltphantasie "Blue Velvet": ein amerikanischer Alptraum

FRANKFURT A.M. Es ist ein strahlend schöner Sommertag, an dem Mr. Beaumont der Schlag trifft. Eben noch hat die Kamera statuarisch-steif zu den Klängen von Bobby Vintons Titelsong "Blue Velvet" eine perfekte Vorstadtidylle vorgeführt, rote und gelbe Tulpen in Reih und Glied vor einem blendend weißen Staketenzaun, einem fröhlich winkenden Feuerwehrmann, die hilfsbereite Nachbarin, da geht sie plötzlich mit dem aus heiterem Himmel getroffenen zu Boden. Doch nicht dem röchelnden Gärtner - sichtlich Opfer aller zivilisatorischen Todsünden - gilt ihr Interesse, sondern dem Grund, auf dem sich das Unglück ereignet. Unter dem Einheitsrasen, im Unterholz gestutzer Bäumchen, brummt und krabbelt es widerwärtig: Lumbertons heile Welt, eine Vorzeigeprovinz jedes Präsidenten, scheint auf dem Misthaufen gewachsen zu sein. An den Wurzeln der amerikanischen Gemeinschaft nagt schwarzes Ungeziefer, prall und fett von den guten Insektiziden, die es vermutlich als Appetizer nimmt. So schön symbolisch wimmelt`s nur in einem Film, der seinerseits von Filmzitaten wimmelt und sich genüßlich Ursprünge und Blüten des Horror- und Detektivgenres einverleibt. Unter der Oberfläche einer reißerischen Kriminalgeschichte über perverse Lüste und wahre Liebe (Käferfraß und Käfertod) verbirgt sich in David Lynchs Film "Blue Velvet" eine buchstäblich beißende Aufnahme des "typisch" Amerikanischen. Der Unfall des beleibten Familienvaters dient lediglich dem Auftritt der Jugend. Sein Sohn Jeffrey (Kyle MacLachlan) muß schleunigst aus dem Colleg anreisen, um sich im Leben - sprich Familienbetrieb - zu bewähren. Statt Gefallen am Verkauf von Schlachtermessern und Hackebeilen findet der umtriebige Teenager allerdings ein abgeschnittenes Ohr. Im Fernseher, vor dem er seine Mutter sitzenläßt, spielt uns Lynch derweil die Vor-Bilder des Kommenden zu. Im schwarz-weißen Guckkasten blitzt ein Revolverlauf, Beine hasten über eine düster verschattet Wendeltreppe; the medium is the message. Zwar liefert Jeffrey seinen Fund ordentlich auf der Polizeistation ab, sein Geheimnis aber läßt ihn nicht los. Wie die Momentaufnahmen im Fernseher, die der Originalität süffisant den Weg zum vorfabrizierten Genre weisen, ist auch das Ohr ein Versatzstück der Filmgeschichte. Aus der Draufsicht spiralenförmig gewunden bis zum Dunkel des Eingangs, imitiert es im Kleinen eine Struktur des Horrors, die Lynch immer wieder zitiert: Die Wendeltreppe, die Hitchcock in "Vertigo" als schwindelerregenden Gang durch`s Unterbewußte, als Flugbahn des Todes ausgeleuchtet hat. In der Nahaufnahme, die wie in Trance auf die Öffnung zuhält, von ihr aufgesogen wird, als sei sie kein Hör-, sondern ein "schwarzes" loch, erweist sich das Ohr als Ab-Zeichen des Chaos: eine Pforte zum Unbewußten, die Frederick Elmes Kamera mitreißend überschreitet. Das Auge dieser Kamera sondiert die Tiefe der Dinge, über die der Betrachter auf der Schnitzeljagd nach Film- und Tatmotiven nur stolpert (wie Jeffrey über`s Ohr); es zeigt, was den erwartet, der einmal Gesehenem nachgeht. Ein Labyrinth oder der Geburtskanal einer neuen Wahrnehmung. Jeffrey betritt diese heikle Terrain wie einer, der eine Fahrradtour durch Transsylvanien macht - mit der instrumentellen Vernunft und der Furchtlosigkeit des noch Gesichtslosen.
"Manchmal gibt es Gelegenheiten im Leben, Wissen und Erfahrung zu sammeln", doziert er Sandy, der Tochter des Kommissars, die ihrem Schwarm verrät, aß eine Nachtclubsängerin in "seinen" Fall verwickelt ist, und meint damit schlicht, daß er bei dieser Dorothy Vallens einbrechen wird. Sandy (Laura Dern), die blonde Reinkarnation aller unschuldig-reinen Leinwandengel, die Lynch perfiderweise wie ein Gespenst aus dem "Nebel des Grauens" vorm Reihenhäuschen ihrer Eltern auftauchen läßt, spricht daraufhin gelassen aus, was selbst Jeffrey noch Kopfschmerzen bereiten wird: "Manchmal frage ich mich, ob du ein Detektiv bist oder ein Perverser." Wer das leichthin zu beantworten weiß, ist für "Blue Velvets" Sophismen verloren. In Dorothy Vallens Appartment verschwimmt die Grenze zwischen Normalität und Abartigkeit. Im Schrank versteckt, wird Jeffrey Zeuge einer Vergewaltigung. Die schöne Sängerin (Isabella Rossellini) einer geschönten Liebes-Weise aus den sechziger Jahren ("she wore blue Velvet, bluer than velvet was the night") wird von Frank Booth, einem rauschgiftsüchtigen Perversling, erpreßt, der ihren Mann (einohrig mittlerweile) und ihr Kind entführt hat. Einzig Gewalt und das Inhalieren narkotischer Substanzen befriedigen diesen furchtbaren Psychopathen, der Dorothy für seine Mutter nimmt und am blauen Samt ihres Kleides, das ihren Körper wie eine Tierhaut umschließt, wie an einem Schnuller nuckelt. Eine wahnwitzige Bedrohung geht von diesem Nervenbündel aus, aber auch die sabbernde Hilflosigkeit eines vergreisten Kindes. Zwanghaft wiederholt der Sadist, dem Dennis Hopper mit alptraumhafter Genauigkeit und in unberechenbarem Wechsel die Physiognomie eines Peinigers und eines Gepeinigten abgewinnt, die kitschigen Glücksverprechen seiner Kindheit: Die Schlager einer restriktiven, bigotten Gesellschaft, in deren Berührung mit der Wirklichkeit ausgespart wird. "In dreams I walk with you / in dreams I talk to you / in dreams you are mine." Was sich zunächst nur sentimental anhört, verdichtet sich als musikalischer Hintergrund für Frank Booths brutale Miß-Handlungen zur romantisch-verbrämten, zutiefst menschenverächtlichen Erziehung eines ganzen Volkes. Körperliches ist so unaussprechlich und profan wie das Leben im Wachzustand; erst in pubertären Träumen, in denen der Sandmann als heiliger Geist umgeht, wird die Menschheit erträglich. Und umgänglich: Im Traum ist die Isolation, die Prüderie und Heuchelei Amerikas "Easy Ridern" auferlegt, durchbrochen. "In Träumen rede ich zu dir." Der Kitsch sublimiert unterdrückte Wünsche. Wo er aber aus dem Kontext melodiöser Einfalt und zarter Seufzer gebracht wird, gesteht seine Les-Art nackte Gewalt: "In Träumen gehörst du mir." Frank ist kein Monstrum, er hat lediglich gelernt, da Liedgut seines Vaterlandes ernst zu nehmen. Zusätzlich aber hat Lynch das bitterböse Charakterbild seines Perversen, der eigentlich ein Über-Normaler ist, mit einem Zug signiert, der "Blue Velvet" über den Rang eines formal perfekten, sarkastisch-intellektualisierten Vexierspiegels aller Ver- und Vorstellungskünste erhebt. Frank, der Jeffrey bei Dorothy entdeckt, nachdem sich dieser von ihr nicht nur zum Beischlaf, sondern auch zum Zuschlagen hat verführen lassen, erkennt den Jungen als einen, den nach dem ersten erotischen Schlag ähnliche Gewaltphantasien verfolgen. "You are like me", lautet Franks Urteil, bevor er Jeffrey küßt und ihn dann Helfershelfern verprügeln läßt: Aus Abscheu vorm eigenen Spiegelbild.
Franks Wesen konzentriert sich in einem Aufschrei, der Lynchs Filme thematisch in die Nähe von Michael Powells "Peeping Tom" rückt - "don`t you fucking look at me". Der Voyeur repetiert ihn als Verbot einer aggressiven Kultur, die den Menschen aus seinem Menschenbild hinausgeworfen hat: Der Ursprung der Perversion liegt im Sehen - und der Angst gesehen zu werden. Booth ist ein künstlerisch sprachloser "Peeping Tom", der sein Opfer nicht mehr in Todesangst fotografiert (und dabei tötet), sondern penetriert. Statt der Kamera hält er sich die Inhalationsmaske vor: Sehen allein berauscht nicht mehr. Das Finale, in dem Jeffrey in schönster, verballhornter Vorstadt-Westerner-Manier gegen Dorothys Erpresser und eine korrupte Polizeibehörde kämpft, verzeichnet "schwarze" Todesarten am laufenden Band. Die Blicke sind tödlich, Schußwaffen nur ihre Verlängerung ins Materielle. Jeffreys letzter Augenaufschlag trifft den modernen Vampyr, der sich von den Angstgefühlen anderer ein eigenes Blutbild macht: Ein Zuschauer erledigt, was er nicht sehen will. Übrig bleibt, was sich sehen lassen kann: Das Bilderbuchpaar Jeffrey und Sandy; ein (ausgestopfter) Vogel, der einem der garstigsten Schädlinge aus Amerikas Garten Eden den Garaus gemacht hat. Hämisch versiegelt die Idylle wieder den Abgrund über fremden und eigenen kruden Lüsten. Es ist ein strahlend schöner Sommertag, an dem Mr. Beaumont vom Schlag getroffen werden könnte.
Heike Kühn

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