Kieler Nachrichten, 6.2. 1987

Filmkritik: "Blue Velvet" von David Lynch
Alptraum-Reise

Für manchen Kritiker das Meisterwerk des Jahres: David Lynchs Blue Velvet entführt in die alptraumhafte Welt der amerikanische Provinz und unserer geheimen Phantasien. Blitzblau ist der Himmel über Lumberton / USA. Der Blick der Kamera senkt sich langsam auf einen glänzend weißen Gartenzaun und dunkelrote Rosen. Freundlich winkende Feuerwehrmänner, fröhliche Kinder: Hier, so scheint es, ist die Welt noch in Ordnung. Doch dann fällt ein Mann beim Rasensprengen einfach um, und die Kamera senkt ihren Blick weiter, unter die Oberfläche: Ins Bild rückt das gräßliche Gewühl unzähliger schwarzer Insekten. So signalisiert David Lynch gleich in den ersten Szenen seines Films "Blue Velvet", daß es ihm um die Welt jenseits des schönen Scheins geht: um das Verborgene, Verschwiegene. Blue Velvet: Der Titel klingt so verführerisch weich und traumhaft melodisch wie der Song von Bobby Vinton. Lynchs Kleinstadtkrimi spielt in einer Welt von Gewalt und Perversionen, die jegliche Idyllvorstellungen Lügen straft - und er erzählt doch eigentlich nur die Geschichte eines Erwachsen-Werdens, eines Reifungsprozesses. Dabei wird der Film zum Trip ins Unterbewußte, zur Reise ins Land verdeckter Phantasien. Jeffrey heißt der nette Junge von nebenan, der zum Mann werden soll. Wo zunächst in Lumberton doch alles an seinem rechten Platze schien, da findet Jeffrey plötzlich ein abgeschnittenes Ohr im Gras. Neugierig verstrickt er sich zusammen mit der jungen Sandy immer tiefer inm die Suche nach Antworten, bis ihn sein jungenhaftes Detektivspiel in ein blutiges Komplott hineinträgt. Gleichermaßen angewidert wie fasziniert von der seltsamen Welt aus Sex, Gewalt und Drogen, die er entdeckt, fasziniert von der Nachtclub-Sängerin Dorothy Vallens wird Jeffrey zum Voyeur, der sich nur anfangs für sicher hält. Später wird er zum handeln gezwungen. Aber Blue Velvet erzählt seine Geschichte nicht so sehr durch einen wendungsreichen Plot, als vielmehr über seine morbide Stimmung. Seltsam bedrohlich und zeitlos wirkt dieser Film. Wenn Lynch die "heile" Welt der Kleinstadt porträtiert, dann glaubt man sich in einem Film der 50er Jahre. Doch die Brutalität und Gewalttätigkeit unter der Oberfläche wird dem Zuschauer mit der ganzen schmerzhaften Direktheit der 80er vor Augen geführt. Der Abgrund aus Gewalt sprengt als Stilbruch die beschauliche Harmonie der ersten Bilder: ein verstörender, aber logischer Gegensatz. Virtuos klimpert Lynch auf der Skala der Gefühle, scheucht die Zuschauer in emotionale Wechselbäder und offeriert ihnen ein Personen-Panoptikum, das in seiner eindringlichen Skurrilität selten ist. Bilder brennen sich ins Gedächtnis, alte Sehnsüchte nach alten Filmen weckend, werden von Lynch - der früher selbst malte, als traumhafte Tableaus oder Schreckensvisionen entworfen: Sandy tritt aus dem Dunkel auf Jeffrey zu, ein heller Punkt, der sich aus dem alles umklammernden Schwarz löst, dann eine grauenhafte Vergewaltigung, gesehen zunächst durch die Lamellentür eines Schranks. Die exzessiven Gewaltdarstellungen sind dabei ebenso verstörend wie die Heilsphantasien, die am Ende des Films stehen und vom Sieg des "Guten" über das "Bösen" künden. Dennoch bleibt: "Blue Velvet" ist ein beunruhigender Film, eine Reise in eine andere Welt von verstörender Intensität, die an seltene, fast vergessene Dimensionen des Kinos erinnert. Ein umstrittener Film - ein Film, über den man sich streiten kann.
Danielle Krüger

Back