Die Einsamkeit des Kinogängers
"Blue Velvet", ein Gruselfilm von David Lynch
Es ist kein simpler Ohrwurm, es ist schon fast ein Drachen; "She wore blue
velvet, and bluer than velvet was the sky." Bobby Vintons Schnulze aus den Fünfzigern begleitet, untermalt und kommentiert David Lynchs optische Ouvertüre: Gartenzäune, leuchtend weiß lackiert, dahinter Rosen, die noch nie so rot waren, darüber ein Himmel, so tiefblau, daß die Blicke darin versinken. Kann man
Farben steigern? Hat Schwarz einen Superlativ?
Eine Antwort gibt Lynch in der nächsten Szene: Ein Mann spritzt seinen gepflegten Rasen und wirkt dabei so friedlich wie ein Gartenzwerg. Plötzlich aber verheddert sich der Schlauch, der Mann stolpert, fällt unglücklich, bleibt leblos liegen. Dann taucht auch die Kamera hinab, übernimmt die Perspektive des Ohnmächtigen: Dort unten tummeln sich Ungeheuer, die Käfer und Kriechtiere. Wie Baumstämme so hoch wachsen giftgrüne Grashalme.
"The grass is always greener on the other side", hieß es einst in einem Film von Stanley
Donen. Die andere Seite - das ist auch das Ziel David Lynchs: die andere Seite der Farben, der Bilder, des Kinos.
Blue Velvet, David Lynchs vierter Spielfilm, handelt auch von der anderen Seite der Leinwand. "Bist du nur neugierig - oder bist du pervers?" will im Film das Mädchen Sandy von ihrem Helden wissen. Die Frage richtet sich ebensogut an uns Kinozuschauer. Noch im unschuldigsten Filmegucker steckt ein Voyeur, der sich für fremder Leute private Affären interessiert. Was wäre, wenn die Objekte der Schaulust sich zu wehren anfingen?
Der Alptraum des Kinogängers - in Blue Velvet wird er inszeniert. Jeffrey Beaumont
(Kyle Maclachlan) hat seine Nase in Dinge gesteckt, die ihn nichts angehen, hat sich im Wandschrank versteckt; durch
einen Spalt beobachtet er eine fremde Frau. Die beginnt sogleich, sich auszuziehen, worauf Jeffrey nicht spekuliert hat, was ihm aber auch nicht gerade unangenehm ist. Die Frau jedoch wittert den Voyeur, greift sich ein langes Messer, zerrt den Mann aus dem Schrank. Ob das Messer auf Jeffrey Augen oder eher auf seinen Unterleib gerichtet ist, bleibt
ungewiß. Jedenfalls weckt diese Szene die allerschlimmsten Kastrationsängste.
"Beim Fallen des nächsten Baumes ist es neun Uhr dreißig." Ein Radioansager aus
Lumberton, der Stadt der Holzfäller, spricht den ersten Satz des Films und deutet schon an, daß sich in Blue Velvet auch ein Blue Movie verbirgt.
Jeffrey Beaumont, der Sohn des verunglückten Gartenzwergs, ein junger Mann von aufreizender Biederkeit, der stets das Hemd bis zum Kragen zuknöpft und auch sonst sehr verklemmt auftritt - dieser jugendliche Langeweiler ist vom College zurückgekehrt ins kleine Städtchen
Lumberton, um den Familienbetrieb zu führen, solange der Vater im Krankenhaus liegt. Eines Tages, auf dem
Heimweg vom Hospital, findet Jeffrey im grünen Gras ein menschliches Ohr. Das Fleisch ist schon verdorben und verrottet, das Ohr beginnt längst zu faulen. Man fürchtet gleich, die
Verrottung werde übergreifen aufs Publikum, denn Lynch peinigt auch unsere Ohren, stopft sie zu mit dem Schmalz der fünfziger Jahre. Funktioniern die Augen noch, fragt sich besorgt jeder feinfühlige Zuschauer.
Jeffrey Beaumont ist nicht so sensibel. Ihn treibt, vorerst, nur die Ordnungsliebe. Er hat ein Ohr gefunden, der Besitzer ist abkömmlich, also wird er ihn suchen. Das Mädchen von
nebenan, die brave blonde Polizistentochter Sandy, weiß, wohin die Spur führt: in ein schäbiges, düsteres Mietshaus, in die
Wohnung der Nachtclubsängerin Dorothy Vallens. Jeffrey schleicht sich ein und lernt dort nicht nur eine verstörte und verstörende Frau, sondern auch beunruhigende Kontinente der eigenen Seele kennen. Isabella Rossellini, die ihrer Mutter sehr ähnlich sieht, spielt die Rolle der Sängerin als Travestie auf Ingrid Bergman und die anderen Göttinnen Hollywoods. Ein über-sinnliches Wesen, ein gefallener Engel: Erst bedroht sie Jeffrey, dann küßt sie seinen Unterleib. Erst gönnt sie dem Jungen ihre Zärtlichkeit, dann verlangt sie nach Schlägen. Ein Alptraum für den braven Jeffrey: Tagsüber klammert er sich an seine schüchterne Liebe zu der sauberen Nachbarstochter. Aber wenn es dunkel wird, zieht es ihn, hin zu Dorothy. Seine Gedanken und Gefühle ließen sich nur mit dem Superlativ von Schwarz beschreiben.
In Amerika und in Italien hat Blue Velvet öffentliches Ärgernis erregt. Es gibt brutale und beschämende Szenen. Es wimmelt von getarnten Phalli, und überall tun sich dunkle Löcher auf, aber Symbole sind selten gefährlich. David Lynch jedoch pumpt seine
Symbole mit Bedeutung auf - bis sie platzen. Die Splitter treffen direkt ins Auge des Zuschauers. Lynch bläst zum Sturm auf die gewohnten Kinozeichen und überrennt alle unsere Abwehrstellungen. Wer in Blue Velvet nur die Kritik am sauberen, prüden Durchschnitts-Amerika entdeckt, hat nichts gesehen.
Daß Isabella Rossellini ihren bleichen, nackten, geschundenen Leib zeigt, mag manchen verschrecken. Die wirkliche Beunruhigung aber rührt daher, daß Lynch uns allein läßt mit ihr, daß kein unsichtbarer Dritter uns beisteht beim Deuten und Erklären. Der Regisseur nicht als heimlicher Verbündeter, sondern als erklärter Gegner des Zuschauers. Das ist das wahrhaft verstörende an Blue Velvet: die Einsamkeit des Kinogängers.
Claudius Seidel