Frankfurter Rundschau; 12.2. 1987

Horror mit Niveau: D. Lynchs Film "Blue Velvet"
Blutiger blauer Samt

Monster gab es schon immer in der Welt des David Lynch. Ein Baby mit Schafskopf tappte durch den ersten Film "Eraserhead", der "Elefantenmann" hat den Ruhm des heute vierzigjährigen Amerikaners begründet. All diesen Ungeheuern war gemeinsam, daß sie nur äußerlich stark demoliert waren, innerlich aber vor Herzensgüte und Unschuld geradezu strahlten. In Lynchs neuem Film "Blue Velvet" ist das nun einmal umgekehrt. Hinter einem menschlichen Gesicht verbirgt sich ein grauenhaftes Seelenmonster.
Der Film führt in eine amerikanische Kleinstadt von heute, wo Rosen und Tulpen sich an weißen Gartenzäunen hochranken, der Feuerwehrmann gemütlich in seinem roten Auto spazierenfährt - den Foxterrier auf dem Trittbrett - und biedere Bürger ihre Vorgärten pflegen. Der Himmel ist tiefblau, die Häuser liegen wie kleine Juwelen in der Sonne, und die grünen Rasenflächen leuchten wie Smaragde. Die Kamera streichelt zärtlich diese Idylle zu den Klängen von Bobby Vintons Titelsong.
Plötzlich fällt ein Mann in seinem Garten wie vom Schlag getroffen um. Der Gartenschlauch in seiner Hand verheddert sich. Der Mann wird ins Krankenhaus gebracht. Sein Sohn Jeffrey (Kyle MacLachlan), der sofort nach dem Unfall das College verläßt und nach Hause kommt, findet wenig später auf einem Spaziergang ein menschliches Ohr im Gras, das die Ameisen zerfressen. Schluß mit der Idylle.
Jeffrey, ein wohlerzogener junger Mann mit offenem, freien Blick und einem herzerweichenden Lächeln - er hat übrigens manche Ähnlichkeit mit Martin Scorseses New Yorker Mitternachts-Yuppie ("Die Zeit nach Mitternacht") - , gibt das Ohr zwar ordnungsgemäß beim Polizeiinspektor ab, macht sich dann aber auf eigene Faust an die Aufklärung des Falles. Seine Freundin Sandy, die blonde Tochter des Inspektors, in die er verliebt ist, kann ihm mit wichtigen Hinweisen dienen.
Alle Spuren führen zu der Wohnung der attraktiven, aber hochneurotischen Nachtclub-Sängerin Dorothy, der Ingrid Bergmanns Tochter Isabella Rossellini ein unvergeßliches Gesicht gibt und die allnächtlich von einem Mädchen singt, das Blue Velvet, blauen Samt trug in einer tiefblauen Nacht und das ein junger Mann nicht mehr vergessen kann. Versteckt im Kleiderschrank ihres Schlafzimmers, in das er sich eingeschlichen hat, stolpert Jeffrey förmlich hinein in Laster, Gewalt und aggressive Erotik, in ein unheimliches Ambiente aus Samtblau, milchigem Grün und Rubinrot. Er wird Zeuge einer Vergewaltigung und sexueller Abartigkeiten. Ekel und Faszination steigen gleichzeitig in ihm hoch.
Jeffrey findet heraus, daß Dorothy von einem Wüstling mit perversen Neigungen erpreßt wird, der ihren Mann (dem, wie sich zeigt, das abgeschnittene Ohr gehört) und ihren kleinen Sohn als Geisel genommen hat und sie zwingt, ihm zu Willen zu sein. Dennis Hopper spielt diesen Sadisten Frank Booth, der sich mit Drogen aufgeilt und dessen eiskalter Blick förmlich das Blut in den Adern gerinnen läßt. Er verbreitet Angst - und er genießt diese Angst.
In ihm hat David Lynch sein bislang fürchterlichstes Monster geschaffen. Jeff folgt diesem Mann, fotografiert ihn und kehrt immer wieder zu Dorothy zurück, in deren Bann er unweigerlich gerät. Als ihm sein grauenvolles Abenteuer über den Kopf wächst, kann er nicht mehr aussteigen. Er muß um sein Leben kämpfen.
Genau wie Jeff, der hier eine Art Initiation durchmacht, wird auch der Zuschauer in Atem gehalten. Die Spannung läßt keinen Augenblick nach. Weniger hartgesottenen Zeitgenossen wird ein eiskalter Schauer nach dem anderen über den Rücken laufen - bis Lynch am Ende den Abgrund aus Perversion und Gewalt wieder zudeckt: mit Sonnenstrahlen, die auf die Kleinstadt scheinen und wie ein großes Aufatmen sind.
Wer den Nervenkitzel und kühne, hochästhetische Kaneraeinstellungen liebt, der kommt hier voll auf seine Kosten, Nicht zufällig ist der Film für den besten Regie-Oscar nominiert. Dennoch: Die Story rundet sich nicht zum Gleichnis. Etwas fehlt zum Meisterwerk. Doch ist "Blue Velvet" zweifellos ein "must" für jeden Kinogänger.
Doris Blum

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