Die Zeit; 13. Februar 1987

"Das Kino ist der letzte Geisterhauch..."
                                               Im Labyrinth des Ohrs
                                                                 David Lynchs Film "Blue Velvet" / Von Norbert Grob

Wirklich im Kino ist nur, was man sieht. Aber dann diese Momente der Verstörung und der Irritation: Wo man sieht, was man nicht sieht. Wo man Angst vorm Sehen kriegt und zurückgeworfen wird auf alte Ängste. Wo man eingebunden ist - über Bilder besonders, die auf den ersten Blick so eindeutig scheinen; und dann doch rätselhafter werden, je mehr sie sich sperren gegen die Verbindung mit anderen Bildern, gegen den Zusammenhang. Ein Ohr beispielsweise, leinwandgroß, in das die Kamera hineinfährt, seine Wände abtastet und nach Spuren sucht. So wird ein Körperteil zum Labyrinth - und dann dunkler und dunkler. Oder ein Mann und eine Frau auf der Couch. Er liegt unter ihr, nackt. Sie sitzt auf ihm , bekleidet mit einem langen Morgenmantel aus blauem Samt; in der rechten Hand hält sie ein breites Fleischmesser. "Faß` mich nicht an! Oder ich bring` dich um!" Der rasanten Bewegung der Gefühle stehen die ruhigen Bewegungen der Körper und der Kamera entgegen. Als dann alles zur Pose erstarrt, ist ein beunruhigendes Gemälde beendet, Das Endliche bekommt einen unendlichen Schein.
David Lynch ist ein Propagandist des Mysteriösen, ein Visionär des Unfaßbaren im Vertrauten. Er filmt nicht bloß, was er vor sich sieht, sondern auch und vor allem, was er in sich sieht. Seine Bilder sind nicht bloß erfunden, sondern empfunden. In "Blue Velvet" kann man entdecken, was schon ein deutscher Dichter der Romantik am Kino so schätzte: "Das Kino ist das letzte Geisterhauch, das feinste Element, aus dem die verborgendsten Seelenträume wie aus einem unsichtbaren Bach ihre Nahrung ziehen; es spielt um den Menschen, will nichts und alles... der Geist kann es nicht mehr als Mittel, als Organ brauchen, sondern es ist die Sache selbst, darum lebt es und schwingt sich in seinen eigenen Zauberkreisen."
Am Anfang stehen bunte Bilder zum Einlullen: Rote Blumen unterm blauen Himmel, die später gelb werden. Brave Kinder, die, von einer Lehrerin geleitet, ordentlich über die Straße gehen. Ein Uniformierter lacht und winkt, während er in slow motion auf einem roten Feuerwehrauto vorbeifährt. Der Kitsch, deutlich als Kitsch ausgestellt, wirkt bizarr. Zugleich klärt er, unterstützt von Bobby Vintons süßlichem Titelsong, den Modus der kommenden Ereignisse. Alles nicht gegeben, nur vorgestellt, nur gedacht, irreal. "It`s a strange world, isn`t it."
Dem Vorspruch folgt, nun noch rätselhafter, das Vorspiel. Ein älterer Mann sprengt genüßlich seinen Rasen: L `arroseur arrose. Plötzlich zuckt er zusammen, greift zum Hals und fällt hin. Ein Baby kommt staunend hinzu. Ein kleiner Hund spielt mit dem herumspritzenden Wasser. Überraschend bricht der Zusammenhang. Die Kamera verläßt die Szenerie und fährt statt dessen weit nach unten ins Gras. Sie photografiert das vertraute Grün wie eine Dschungellandschaft. Kleine Halme werden zu gefährlichen Schlingpflanzen. Und mitten in dieser Wildnis, leinwandgroß: zahllose schwarze Käfer, die unentwegt surren und ganz aggressiv zappeln. Im Allergewöhnlichsten schlummert das Ungewöhnliche, im Allernächsten brodelt das Fremde, das Bedrohliche.
Aufreizend dabei, daß das Bild der Käfer im gesamten Film nicht in einem anderen, entsprechenden Bild wieder aufgenommen und weiter geführt wird. Es bleibt ganz für sich. So wirkt es wie eine in sich eigenständige Assoziation; wie ein beiläufiger Hinweis auf die Lebendigkeit der Natur. "Jedes Blatt und jeder Grashalm wimmelt von Leben, die Erde lebt und regt sich, alles tönt in einem Akkord zusammen, es ist kein Unten und kein Oben mehr, keine Zeit, kein Anfang und kein Ende."

Die eigentliche Geschichte beginnt dann eher konventionell: mit dem Blick auf eine Reklametafel, die alle Besucher in Lumberton willkommen heißt; und mit einem Schwenk über die Skyline der kleinen Stadt. Nach dem Ort der junge Held - wie in einem Genrefilm aus den Vierzigern. Jeffrey (Kyle MacLachlan) besucht im Krankenhaus seinen Vater, den Rasensprenger. Auf dem Rückweg findet er auf einer abgelegenen Wiese ein menschliches Ohr. Die Geheimnisse und Rätsel um den Fund lassen ihn nicht mehr zur Ruhe kommen. "Manchmal gibt es Gelegenheiten im Leben, Wissen und Erfahrungen zu sammeln", erklärt er seiner blonden Freundin einmal. "Manchmal muß man etwas riskieren."

Der junge Mann sieht plötzlich die Gelegenheit, seine Umwelt näher zu ergründen, fällt dabei aber unversehens in einen Abgrund. Wo er nur daran dachte, etwas genauer hinzusehen, stößt er unerwartet auf einen sumpf aus Gewalt und Perversität, Verbrechen und Korruption, Wollust und Wahnsinn. Zunächst lernt er die Blondine kennen, die ihm zur Seite steht und, falls nötig, die Leviten liest; die also, die er zur Frau nehmen wird. Dann aber lernt er die dunkle kennen, die ihn bedroht und verführt, lockt und zurückstößt, die ihn packt und erwartet, genauso gepackt und - für ihn unvorstellbar - auch geschlagen zu werden: die also, der er verfallen wird. Die Blonde (Laura Dern) ist die Tochter des Polizisten; von ihr erfährt er, was außen, also um die Geheimnisse herum vorgeht. Die Dunkle (Isabella Rossellini) ist die Frau des Opfers; von ihr erfährt er, was im Inneren, also im Zentrum der Geheimnisse vorgeht. Als er die Blonde erstmals sieht, kommt sie aus der Dunkelheit. Er hört den Ruf ihrer Stimme schon, bevor seine Augen ihr Gesicht und ihren Körper richtig erfassen können. Wie Hitchcock in "Vertigo" Kim Noval aus dem Grün, aus dem Reich der Toten ins Leben treten läßt, so läßt Lynch Laura Dern aus dem Schwarz, aus dem Reich der Nacht ins Licht treten. Selbstverständlich hat er Novalis gelesen. "Trägt nicht alles, was uns begeistert, die Farbe der Nacht?" Die Dunkle sieht der junge Mann erstmals richtig, als sie im Licht ihrer Lampe steht und sich auszieht. Wie ein Voyeur beobachtet er sie. Alles hat er vor seinen Augen, und doch bleibt alles im Verborgenen. Er schaut und ist doch blind. Über die Dunkle gerät Jeffrey in Konflikt mit der Blonden. Er ist längst den körperlichen Reizen verfallen, während er noch den bürgerlichen Regeln zu entsprechen sucht. Lynch fügt hier das Gegensätzliche zusammen: daß man lieben und zugleich begehren kann - und daß die Geliebte und Begehrte oft zwei unterschiedliche Frauen sind. Über die Dunkle gerät Jeffrey auch an den Dreh- und Angelpunkt des Konflikts: an den Gangster Frank (Dennis Hopper), in dessen Händen alles zusammenläuft. Der entführt und erpreßt, schlägt und vergewaltigt, dealt und tötet. Doch diese äußerliche Geschichte ist, wie in allen wirklich guten Filmen, bloß der rote Faden, der zusammenhält, was ansonsten auseinanderfiele. Über das Abenteuer mit den Gangstern wird nur das Abenteuer mit dem Verpönten, mit dem Verbotenen tiefer charakterisiert. Man muß nur sehen, wie die Blonde später den Mund verzieht, als sie beobachten muß, mit welch körperlichem Genuß und mit welch direkter Behaglichkeit die Dunkle sich an ihren Freund schmiegt. David Lynch ist eben nicht in erster Linie an der Geschichte interessiert; eher schon an den Details, die ihre Ränder schmücken, die das Abgründige verstärken, damit das Offensichtliche seinen Hintersinn offenbart. Einerseits die Lippen von Laura Dern, die sich biegen vor Schrecken. Andererseits die Lippen von Isabella Rossellini, die sich leicht öfffen vor Lust, als sie den Jungen endlich so weit hat, daß er sie schlägt. Von diesen Lippen und von diesem Schlag träumt er dann, bis ihm Hören und Sehen vergeht; bis er sich zufrieden gibt mit der Blonden - mit dem Schrecken der Idylle.
David Lynch macht ein Kino jenseits von Lumiere und Melies: Es ist nicht nur Spiegel und nicht nur Hokuspokus, nicht nur Dokument und nicht nur Illusion. Aber doch auch Beobachtung; und Vision. Es zielt auf Entdeckung und Unterhaltung zugleich. Lynch verbindet das fotografische Sehen mit dem imaginativen Erzählen, indem er seine Welt romantisiert. Bei ihm hat das Einfache einen hohen Sinn, das Gewöhnliche ein geheimnisvolles Ansehen, das Vertraute die Würde des Unbekannten. Lynch macht ein Kino, das "Geheimnisse erschafft und Träume evoziert durch die Verwendung der banalsten Dinge des täglichen Lebens."
Interessant dabei ist, wie er immer wieder wichtige Erzählregeln verletzt; und wie sein Film dies ohne Schwierigkeit aushält. Oft schneidet er Einstellungen ein, die eine subjektive Sicht suggerieren. Eine Fahrt durchs Gras, die wie der Blick eines Insektenmonsters funktioniert. Oder Bilder von Bäumen, Fabriken und Straßen, die - als Blick des Helden ausgewiesen - um Nuancen verzerrt sind, so daß sie das Gefühl des Unbehagens und der Irritation verstärken. Das mag manchmal manieriert erscheinen. Die Bilder aber - von den Geräuschen gar nicht zu reden, die als Kontrastelemente unentwegt eine düster, unheimliche Atmosphäre verbreiten - machen den innovativen Schwung deutlich, den dieser Film im Übermaß besitzt, seinen Erfindungsreichtum, seine visuellen Ideen. Die Verletzung der Regeln bricht dem Neuen Bahn - und schafft damit andere Regeln. Das Ende ist pures Delirium, märchenhaft, bis an die Grenzen des Möglichen irreal. Überall liegen, sitzen und stehen Leichen herum. Und die Polizei knallt weiterhin mit großkalibrigen Gewehren durch die Nacht. Sie will Ordnung schaffen - und schafft nur Chaos. Aus diesem Alptraum erlöst den jungen Helden ein Kuß seiner schönen Blonden. Danach löst sich das Bild vom Rand her auf, es versinkt ins Weiß. Jeffrey erwacht schließlich, alles ist hell und klar, die Bäume blühen, das Gras leuchtet Grün, und ein Rotkehlchen kommt herangeflogen. Als dann Julee Cruise zu singen beginnt: "Mysteries of Love Come Real", sind auch die roten Blumen vom Anfang wieder da und der winkende Feuerwehrmann. Der Film endet mit einem kleinen Jungen, der in slow motion seiner Mutter in die Arme fällt, der dunklen Schönen aus dem nächtlichen Alptraum. Und die Kamera schwenkt in den nächtlichen Himmel. "Wenn man einen Menschen umarmt, berührt man den Himmel."


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