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| Es geschieht am hellichten Tag:
Jeffrey Beaumont findet ein abgeschnittenes Ohr. Die verstörende Odyssee in ein obsessives Liebeslabyrinth beginnt |
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"Es geht um das Geheimnis von Liebe und Dunkelheit. Dies ist ein Film über die Dinge im Verborgenen." Mit diesen Worten beschreibt David Lynch seinen vierten Spielfilm "Blue Velvet", der nach außen hin einer scheinbar geläufigen Krimidramaturgie folgt, sich hinter seinen fremdartig stilisierten Bildern jedoch zu einem erotischen, tabubrechenden Psychothriller zusammensetzt. Mehr noch als das: "Blue Velvet" ist ein unruhig flirrender, ganz aus der Art geschlagener Film über die Faszination des Bösen
"Nicht alle Schurken sind schwarz und nicht alle Helden weiß. Überall gibt es grau." So kommentierte Altmeister Alfred Hitchcock im Gespräch mit Francois Truffaut seinen Klassiker "Im Schatten des Zweifels". Der Beginn von Lynchs Film erinnert unwillkürlich an die ersten Minuten des Hitchcock-Oldies. Die Leinwand zeigt ein friedliches ländliches Panorama, eine von tiefblauem Himmel überspannte Postkartenidylle, die einfach zu schön ist, um nicht unter der Oberfläche bösartige Fäulnis zu bergen.
Jeffrey Beaumont, ein Junge, der bald Mann sein wird, spaziert durch dieses trügerische Vorstadtparadies, von dem wir instinktiv ahnen, daß es sich bald zur brodelnden Hölle verwandeln wird. Auf einer Wiese findet der Teenager ein abgeschnittenes Menschenohr. Ein Bunuel`scher Paukenschlag, so überraschend und unvermittelt wie die Großaufnahme des Auges, das im "Andalusischen Hund" von einem Rasiermesser durchschnitten wird. Jeffrey bringt das Ohr zur Polizeistation. In seiner jugendlichen Neugier versucht er, von Inspektor Williams eventuelle Anhaltspunkte über den Fall in Erfahrung zu bringen - schließlich findet man so ein Ohr nicht alle Tage. Aber erst Sandy, die blonde Tochter des Polizisten, kann Jeffrey weiterhelfen. Sie hat gehört, wie ihr Vater im Zusammenhang mit dem makabren Fundstück beim Abendessen den Namen einer Nachtclubsängerin erwähnte: Dorothy Vallens. Kurz darauf sitzen Jeffrey und Sandy in der Bar, in der Dorothy allabendlich auftritt.
Lynch hat seine Karten gemischt, Gut und Böse sind verteilt, das Poker um Gefühl und Härte kann beginnen. Die unheilbringende Herz-Dame in diesem Spiel ist die laszive, betörend anrüchige Dorothy Vallens. Maskenhaft geschminkt, aufreizend schulterfrei haucht sie das Lied ins Mikrophon, das dem Film den Titel gibt und gleichzeitig wie ein gespenstischer Abgesang auf nie gestillte Sehnsucht klingt: "She wore Blue Velvet..."
Isabella Rossellini beweist in ihrer exzessiv gespielten Rolle der Dorothy Mut zu physischer und psychischer Nacktheit. Sie liefert sich der Figur des tragisch-verstörten Halbweltengels mit einer Konsequenz aus, die bis zur schieren Raserei reicht. Schauspielerische Welten und couragierter Drang zum Regelbruch liegen zwischen Rossellinis US-Filmdebüt in Taylor Hackfords "White Nights - Nacht der Entscheidung" und der schockierenden Kompromißlosigkeit ihrer "Blue Velvet"-Verkörperung. Nicht weniger radikal agiert der alternde Hollywood-Freak Dennis Hopper vor der Kamera. In Gestalt des unberechenbar gewalttätigen Frank ist er die Inkarnation des Bösen.
Als Hitchcock in "Im Schatten des Zweifels" andeuten wollte, daß mit dem Killer Charlie das Böse die Stadt betreten hat, ließ er in der Bahnhofsszene das Bild von schwarzem Lokomotivqualm verdecken. Lynch verwendet hierzu ein Bild, das man wohl noch nie auf einer Leinwand gesehen hat: eine Kamerafahrt ins Innere des abgeschnittenen Ohrs. In kreiselnden Abwärtsbewegungen folgt die "fallende" Kamera den gewundenen Gehörgängen, ein suggestiver Bildtrick, der den Sog illustriert, aus dem Jeffrey Beaumont sich fortan nicht mehr befreien kann. Jeffrey ist besessen von der Schönheit Dorothys, die scheues Reh und gefährliches Raubtier zugleich sein kann. "Manchmal gibt es Gelegenheiten im Leben, Erfahrungen zu sammeln," sagt Jeffrey zur Inspektorentochter Sandy, "manchmal muß man etwas riskieren."
Jeffrey riskiert es, und er wird nie mehr derjenige sein, der er einmal war. Heimlich schleicht er sich in Dorothys Appartment. Aus einem Versteck heraus beobachtet er, wie sie sich auszieht. Der lustvoll ausgekostete Voyeurismus dieser Szenen entspricht ebenfalls einem Hitchcock-Vorbild: dem "Peeping" James Stewart aus "Fenster zum Hof". Dorothy entdeckt den Eindringling, und in alarmierender Geschwindigkeit überstürzen sich die Ereignisse. Dorothy zwingt Jeffrey, sich auszuziehen. Sie setzt ihm das Messer an den Penis. Es klopft. Dorothy versteckt den nackten Jeffrey im Wandschrank und öffnet die Tür. Herein kommt "Frank, Sir", ein perverser Maniac, dem Dorothy offensichtlich ergeben ist, und der sich mit einem Inhaliergerät sexuell stimuliert, bevor er die junge Frau vergewaltigt. "Frank, Sir" geht. Jeffrey, der fassungs- und tatenloser Augenzeuge der Gewalttat wurde, versucht Dorothy zu trösten. Sie bittet ihn, sie zu schlagen. Innerhalb weniger Stunden ist der Junge, der eben noch seine erste scheue Schülerliebe (zu Sandy) knüpfte, in einen schwindelerregenden Abgrund aus Sadomasochismus und Hörigkeit gestürzt. Viele Fragen sind noch offen: Wer ist "Frank, Sir"? Warum hat er Macht über Dorothy? Wem gehört das abgeschnittene Ohr?
David Lynch drehte den Film aus drei Gründen. Der erste ist Bobby Vintons Titelsong "Blue Velvet", der sich wie ein Leitmotiv durch den gesamten Film zieht. Außerdem fesselte ihn, schon als isoliertes Bild, die Idee des abgeschnittenen Ohrs. Als eigentlichen Motor jedoch benennt Lynch offenherzig eine pubertäre Knabenphantasie, die wohl jeder Hetero-Mann teilt: "Es war schon immer ein Traum von mir, mich im Zimmer eines Mädchens zu verstecken, ihr beim Auskleiden zuzusehen, und dann unerkannt zu verschwinden." So leicht allerdings macht er es im Film seinem Hauptdarsteller Kyle MacLachlan nicht. Ihm widerfahren gleich mehrere traumatisierende Horrorsituationen. Er wird von der Frau, die er beäugt, erwischt. Ertappt in einer peinlichen Situation, und gleich darauf ganz handfesten Kastrationsängsten ausgesetzt - die sexuelle Initiation eines junges Mannes kann kaum verschärfter ausfallen. Aber Lynch geht noch einen Schritt weiter, indem er sein Publikum auf einen Punkt hinmanipuliert, den es unter rationalen Umständen für sich nie akzeptieren würde. Denn der Betrachter identifiziert sich nicht nur mit Jeffrey Beaumont, sondern auch mit seiner subjektiven Sicht zweier Frauen, die so gegensätzlich sind wie der Teufel und das Unschuldslamm. Im scharfen Kontrast zur biederen, kreuzmonogamen Provinzpflanze Sandy schält sich der ungezügelte, fast animalische, alles verlangende Eros des Dorothy-Charakters heraus und macht sie zur begehrenswerteren Frau. Wenn David Lynch sagt, sein Film sei ein "Eindringen ins Unterbewußtsein", ein Vordringen in uneingestandene Zonen wollüstiger Erregungen, so läßt sich keine zutreffendere Beschreibung von "Blue Velvet" denken.