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Cinema Nr. 1 / 2002 (Januar), p.60-64 |
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Menschliche Abgründe haben David Lynch schon immer mehr interessiert als Logik. Der Schriftsteller Helmut Krausser über das neue Werk Mulholland Drive
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Helmut Krausser, 37, der Autor dieses Textes über David Lynch, schrieb die Vorlagen zu den Filmen "Der große Bagorzy" (Regie: Bernd Eichinger) und "Fette Welt" (Regie: Jan Schütte). Bis heute veröffentlichte er zehn Bücher (bei Rowohlt), die sich häufig mit Gewalt und Sadismus beschäftigen - zuletzt "Schmerznovelle". Krausser ist überdies amtierender Oberbayerischer Schachmeister. |
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Irgendwer hat mal gesagt, es gäbe zwei Sorten von Künstlern. Eine, die die Welt möglichst präzise abbilden will, und eine, die so unzufrieden mit ihr ist, dass sie lieber gleich eine neue erschafft. David Lynch gehört zur zweiten Kategorie. Creator Mundi. Mundorum, um genau zu sein: ein Schöpfer diverser Welten. Ein durchgeknallter Professor im Geheimlabor, der sich mit dem, was ist, nie zufrieden geben, sondern immer weiter nach dem Anderen forschen wird. Und vielleicht ist die Erde in Wahrheit nur ein Terrarium, über das sich gerade jemand wie David Lynch beugt, während im Inneren des Planeten ein Hamster radelt. "Mulholland Drive" kann als die Summe eines Schaffens betrachtet werden, und es scheint, als wären alle vorhergegangenen Filme - ob sie nun Triumphe waren oder gescheitert sind - nur Stationen gewesen, Notfalldepots, Camps in der Steilwand auf dem Weg zu diesem Film. Skizzen, Entwürfe, Teile eines großen Plans. Lynch hat das Andere überall gesucht. Er hat mit dem Abnormen gespielt, sowohl mit dem physisch ("Der Elefantenmensch") wie psychisch ("Eraserhead") Abnormen. Er hat mit der Kausalität und der Chronologie ("Lost Highway") gespielt, mit esoterischen Elementen ("Twin Peaks"), mit Unterbewussten, Surrealen ("Blue Velvet"), dem Symbolismus ("Wild at Heart"), Jenseitsbeschwörungen, Parallelwelten und sogar einmal, wieder jeder richtige Junge, mit Raumschiffen ("Der Wüstenplanet"). Und als er mit all dem durch war, hat er sich an "The Straight Story" versucht, denn zu diesem Zeitpunkt war die Filmwelt bereits so verlyncht, dass eine ruhige Geschichte, etwas sentimental, etwas langatmig, schon wieder so was von anders war, dass es okay ging. "Mulholland Drive" ist nun ein Opus Magnum. Hollywood bietet die parabolische Kulisse für bittere Selbstreflexionen. Und wie es sich für einen verdienstvollen Regisseur am Ende eines steinigen Weges gehört, zitiert Lynch sich selbst, holt Figuren, Atmosphären, Klänge aus zurückgelegten Filmen wieder und spielt damit, ein wenig ironisch, auch ein wenig stolz, so, als wolle er sagen: Hier, bitte, ich hab`s euch doch immer gesagt, unter der Erde sitzt ein Zwerg, der alles unter Kontrolle hat. David Lynch ist Provokateur und Magier, Kind und Suchender, Clown, Genie und ein bisschen wohl auch Scharlatan. Aber er ist vor allem kein Feigling. Er geht immer aufs Ganze - ob er reüssiert ("Wild at Heart") oder scheitert ("Lost Highway"), beides geschieht mit Pauken und Trompeten. Er ist ein Hochstapler im besten Sinne. Ich erinnere mich an "Twin Peaks", den Pilotfilm zur TV-Serie: In eineinhalb Stunden warf Lynch so viele Bälle in die Luft, wie er sie niemals mehr würde auffangen können. Heute betrachtet war der Pilot ein großes Versprechen, das die Serie trotz ihrer Verdienste nicht ganz gehalten hat. Bei "Mulholland Drive" werden zwei Stunden lang Bälle in die Luft geworfen, sehr bunte, sehr kleine, sehr große, auch ein paar stachlige, mehr als jeder Octopus auffangen könnte. Aber, o Wunder: die meisten fallen überhaupt nicht mehr auf die Erde zurück. Zwei Stunden lang ist man bester Hoffnung, dass sich am Schluss alles zu einer weit verzahnten Handlung zusammenfügt, die man verstehen wird, und warum auch diese oder jene Figur da reinpasst. Aber Lynch dreht uns eine Nase. Vielleicht wird man hinter einiges noch kommen, wenn man den Film mehrmals sieht. Bestimmt sogar. Aber ich glaube, das wahre Geheimnis erschließt sich auch dann nicht. Denn das Schöne an dem Geheimnis ist das Geheimnis - und jede Lösung irgendwie albern. Das Chaos ist beabsichtigt, es ist ein Gleichnis des Lebens. "Lost Highway" scheiterte, weil seine Irrationalismen ohne dramaturgischen Sinn blieben, weil das Geheimnisvolle der Geschichte unnötig wirkte, so, als hätte jemand mit Formexperimenten und Pseudometaphysik übertünchen wollen, dass er die klebrig-verwirrten Fäden nicht mehr zu einem stimmigen Plot verweben konnte. "Mulholland Drive" geht viel weiter, und plötzlich lässt man sich darauf ein. Selbst wenn einige bösartige Kritiker Recht hätten, dass Lynch längst verrückt geworden sei und aus seiner Not eine Tugend gemacht habe, dann muss man sagen: "In der Moral zählt nur die Absicht. In der Kunst nur das Ergebnis." (Henry de Montherlant) In "Mulholland Drive" ist die Logik aufgegeben, die Chronologie aufgehoben, und Kausalität - was war das noch mal? Lynch führt uns in eine Welt der Träume, des Unterbewussten, der psychischen Quantenzustände. Wenn man aufgibt, verstehen zu wollen, und sich dem Chaos überlässt, bleibt ein prächtiger Unterhaltungsfilm, mit Szenen voll bizarrer Komik, die selbst den Coen-Brüdern Neid abringen dürfte. Wann habe ich mich eigentlich zum letzten Mal im Kino gefürchtet? Muss ziemlich lange her sein. Furcht erregende Filme werden ja kaum mehr gemacht, so etwas Sanft-Mildes wie "The Sixth Sense" reklamiert schon das Wort "gruselig" für sich. Bei "Mulholland Drive" habe ich mich gefürchtet. Auch wenn bei jedem Bild ein bisschen Misstrauen mitschwingt. Warum? Weil oft auf ganz schlichte Weise Spannung erzeugt wird. Jemand erzählt, er habe geträumt, dass hinter einem bestimmten Haus etwas Böses ist. Und wir gehen mit ihm mit, gehen unter wummernden Bassfrequenzen langsam hinters Haus, biegen um zwei Ecken - das Ganze dauert zwei Minuten, schweißtreibende Minuten - und ein zotteliges Etwas schießt hervor. Das ist im Grunde Kasperletheater. Aber es funktioniert. Wie jeder große Künstler ist Lynch einer, der polarisiert, und "Mulholland Drive" wird hymnische Elogen und wütende Verrisse nach sich ziehen. Die letzte halbe Stunde im Besonderen wird noch Thema vieler Debatten sein. Kino, das sich dem Zuschauer aufstülpt, ob er will oder nicht. Und ich weiß nicht genau, was einem da geschieht. Ich weiß es nicht mal ungenau. Lynch behauptet, man müsse nur sorgfältig hinsehen, dann kämen alle Puzzleteile zusammen. Hm. Der Schlüssel ist anscheinend ein altes Ehepaar, das sich irgendeine Art Spaß erlaubt, mit irgendwem, warum weiß ich nicht, und dann gibt es einen Club, der nahe legt, dass alles schon "recorded" wurde. Vielleicht also der Traum einer Toten, in dem die Protagonisten aus Jux die Rollen getauscht haben? Und wer ist die weibliche Leiche? Was steht in dem Notizbuch, für das der Killer drei Leute umnietet? Ehrlich gesagt: keine Ahnung. Und es ist mir auch egal. Das überlasse ich dem Zwerg, der von seinem unterirdischen Bau aus die Welt kontrolliert. Chaos. Wie der Philosoph Hans Albert es mal ausdrückte: "Alles hängt irgendwie mit allem zusammen." Das tut es. Wenn am Schluss die überblendeten Bilder de beiden liebenden Frauen (Laura Elena Harring und die überwältigende Naomi Watts) über die Skyline des nächtlichen Los Angeles gelegt werden, blitz so was wie eine Ahnung auf, wie viel das Leben sein kann, wie komplex und wie fragil das meiste davon. Das war für mich ein sehr ergreifender, fast betäubender Moment, und ich weiß beim besten Willen nicht, wie er zustande kam. Jedwede Wirkung vorläufig unerklärlicher Ursache nennt man Magie.
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