DER FREUND, Nr 8 2006, p.44-49

von Tobias Timm

LORD OF ANGST

David Lynch

David Lynch widmen wir diese, unsere letzte Ausgabe. Warum, das lesen Sie unter anderem in diesem zufällig entstandenen Interview, das völlig unvorbereitet geführt wurde.

TOBIAS TIMM: MR. LYNCH, ICH HABE GERADE ERST ERFAHREN, DASS ICH SIE INTERVIEWEN DARF. ICH HABE KEINE FRAGEN VORBEREITET.

David Lynch: Das ist in Ordnung. Das ist wunderbar so.

ÄHM...

Ja.

WIRD DER FILM INLAND EMPIRE, DEN SIE GERADE IN POLEN DREHEN, EHER STRAIGHT STORY ODER MULHOLLAND DRIVE ÄHNELN?

Er wird eher wie Mulholland Drive. Es geht um eine Frau in Schwierigkeiten.

STRAIGHT STORY WAR JA EIN SEHR SPEZIELLER FILM, DER SICH VON IHREM RESTLICHEN WERK STARK UNTERSCHEIDET.

Ich lebe mit einem Mädchen zusammen, daß Mary Sweeney heißtö. Mary und ihre Kindheitsfreundin wollten diesen Film machen. Sie haben mindestens drei Jahre an dem Drehbuch gearbeitet. Ich hörte immer wieder davon, aber ich hatte Null Interesse an dieser Geschichte über einen Mann auf einem Rasenmäher. Doch eines Tages war das Drehbuch fertig und Mary bat mich, es zu lesen. Und ich las es. Und ich hatte so ein Gefühl. Und ich fragte mich, ob man dieses Gefühl ins Kino transportieren könnte. Kein Raum, nur diese Straße. Eine chronologische Erzählung. Reisen mit diesem Gefühl. Und dann habe ich mich in das Drehbuch verliebt. So passiert das: Man verliebt sich in Dinge. Und dann legt man los.

PRAKTIZIERTEN SIE DAMALS SCHON TRANSZENDENTALE MEDITATION?

Oh ja, ich mache das seit 32 Jahren.

WIE ERKLÄREN SIE SICH DIE DISKREPANZ ZWISCHEN IHRER EIGENEN GLÜCKSELIGKEIT UND DER ANGST UND DÜSTERNIS IN IHREN FILMEN?

Meine Angst ist nicht völlig verschwunden. Aber es ist viel besser geworden. Zur Düsternis meiner Filme: Es ist so einfach. Die Geschichten... Eine Idee kommt. Und aus irgendeinem Grund... Wissen Sie, man läuft die Straße entlang und normalerweise mag man Brünette. Und genau wie ich Straight Story mag, mag ich Brünette. Aber dann laufe ich um die Ecke und sehe plötzlich eine wunderschöne Rothaarige. Brünette kümmern mich nicht mehr, ich verliebe mich in die Rothaarige. Man hat Ideen, und es gibt viele brünette Ideen, aber dann hat man eine andere und verliebt sich in sie. Und dann sie man plötzlich, wie sie im Kino funktionieren kann.

Nur weil ich ein Meditierender bin muß ich deswegen noch lange keine süßlichen, glückseligen Filme machen. Ich muß keine Botschaften verbreiten. Denn das ist der Tod fürs Kino. Wenn man süß und glückseliger wird, dann passiert das im Inneren. Die Freude, Dinge zu tun. Es gibt kein Problem. Es gibt Kontraste in der Welt, wir sehen sie, und das ist alles irgendwie in Ordnung. Das ist das, was Geschichten ausmacht. Das kommt daher. Geschichten mit Leben und Sterben und diesen Dingen, das sind die Erzählungen die uns bannen, die uns interessieren, die eine andere Welt, eine andere Stimmung schaffen.

FILME KÖNNEN ANDERE WELTEN SCHAFFEN, ABER SIE KÖNNEN DIE WELT NICHT VERÄNDERN?

Nein. Man wäre sehr optimistisch und ein wenig naiv, wenn man glaubte, die Gesellschaft mit einem Film ändern zu können. Man kann zum Nachdenken anregen. Aber wie lange das anhält? Es gibt keinen einzigen Film, der Menschen längerfristig verändert hat. Ein Film verändert vielleicht den Stil, aber auch das nur kurzfristig. All diese Dinge an der Oberfläche. Die echte Veränderung kommt für mich von der Quelle, von der Basis: reines Bewußtsein. Erfahre es! Es ist real. Es ist die nicht-relative, absolute Realität.

WARUM MACHEN SIE FILME?

Weil es so viel Spaß macht. Jeder sollte etwas machen. Am besten etwas, daß ihm Spaß macht. So viele Menschen arbeiten nur fürs Geld. Aber es ist so schön, etwas zu machen, was einem Spaß macht.

LESEN SIE DIE INTERPRETATIONEN IHRER KRITIKER UND FANS?

Nein, nur selten. Aber das ist wirklich schön. Manche Leute können gut mit Worten umgehen. Und dann sehen sie etwas und das inspiriert sie, ihr Talent zu nutzen. Aber die meisten Krititken bleiben heutzutage leider oberflächlich. Und machen sind sogar richtig gemein. Die Welt dreht sich heute sehr schnell. Man sollte Filme nur für sich selbst machen.

WIE SIEHT DIE ZUKUNFT DES FILMEMACHENS AUS? SIE HABEN SICH GERADE EINE KLEINE SONY-KAMERA GEKAUFT...

Die Zukunft verändert sich immer. Aber die Zukunft ist natürlich Digitales Video. High Definition. Hoch und immer höher auflösend. Mehr Möglichkeiten der Manipulation von Bildern und Ton. Die Großkinoerfahrung ist in Gefahr. Die meisten jungen Leute sehen Filme heute auf dem Computer. Bald werden sie die auf ihren Telefonen gucken. Aber es ist wie mit der Musik: Zuhause werden sie ihr I-Video an Projektoren oder Riesenbildschirme ranhängen.

EIN EIGENES KINO.

Große Leinwand, Ruhe, Lichter aus - ich glaube, man kann so eine sehr gute Kinoerfahrung haben.

WAS IST DER UNTERSCHIED ZUM GROSSEN KINOSAAL?

Je mehr Menschen im Raum sind, desto langsamer wird der Film. Und wenn mehr Menschen im Raum sind, führt das auch dazu, daß wir über bestimmte Dinge, die wir sehen, laut lachen müssen. Über zarte Details. Ich habe diese Erfahrung mit meinen eigenen Filmen gemacht: Weil die Zuschauer sie in der Gruppe anschauen, können sie die Filme nicht so ernst nehmen. Sie schützen sich durchs Lachen davor, sich zu schämen. Und das wird verschwinden, wenn die Menschen sich die Filme alleine anschauen. Man akzeptiert viel mehr, wenn man alleine ist, und nicht in der Masse sieht.

DER GRUND IHRES BESUCHS IN BERLIN IST JA DIE WERBUNG FÜR DIE TRANSZENDENTALE MEDITATION. SIND SIE RELIGIÖS?

Ich wurde als Presbyterianer geboren. This time around. Einmal Presbyterianer, immer Presbyterianer.

GLAUBEN SIE, DASS MAN DURCH YOGISCHES FLIEGEN DIE WELT VERÄNDERN KANN?

Machen Sie transzendentale Meditation?

NEIN.

Okay. Dann habe ich einen Vorteil, weil ich die Erfahrung kenne, wenn man das pure Bewußtsein berührt. So, und nun verbinde ich diese Erfahrung mit dem yogischen Fliegen und die Verstärkung dieser Glückseligkeit durch die Erfahrung in der Gruppe. So funktioniert das. Man benutzt die besten Maschinen, nämlich die Menschen, und die beste Technologie, de Transzendentale Meditation. Diese Technologie belebt das allerfundamentalste, alles durchdringende, ungebundene, unendliche, ewige Feld des Seins! Glückseligkeit! Bewußtsein! Totalität! Belebe das! Es produzierte einst die Vielfalt, und es läßt sie fortleben. Aber es versteckt sich immer. Da drinnen in Ihrem Aufnahmegerät, zum Beispiel sind die Moleküle, und in den Molekülen sind die Atome und je tiefer und tiefer man geht, schauen Sie, überall ist das vereinheitlichte Feld. Auch im kleinsten Ding findet man es. Überall ist es. Es versteckt sich. Wenn du es belebst, ist Einheit überall. Was heißt das? Alles wird besser verstanden. Die Behinderungen, die Probleme, die Negativität, all dies. Und das ist nicht wie ein Wunsch, oder ein kleines süßes Lied oder ein Gedicht, sondern es ist real! Und es funktioniert für das Individuum, es funktioniert aber auch für ein Land ud die ganze Welt, wenn man es in der Gruppe macht. Die Quantenphysik hat erst vor etwa dreißig Jahren das vereinheitlichte Feld entdeckt. Die Einheit von allen Partikeln und allen Kräften, die sich in einem Feld manifestiert. Eins. Einssein. Einheit. Und nun sagt die moderne Wissenschaft, daß jedes Ding, das ein Ding ist, aus diesem Feld entsteht. In einer Sequenz. Spontan und die Symmetrie erschließend. Denn das Feld ist ist perfekte Symmetrie. Wie Maharishi sagt: Es ist gleichzeitig unendliche Stille und unendliche Dynamik. So kraftvoll! Du berührst es und dann fängst du sofort an, wie ein Hund zu bellen, weil es so mächtig ist! Glückseligkeit! Macht! Energie! I want the whole enchilada!

UND DESHALB MEDITIEREN SIE.

Ja, deshalb meditiere ich. Ich will nicht nur einen Teil des Bewußtseins, wenn ich es erweitern kann. Ich will mein Gehirn nicht ab einem Alter von sechzehn Jahren schrumpfen lassen. Das Gehirn ist ein Fluß und nicht ein Felsen. Man kann das gesamte Gehirn nur beleben, indem man sich transzendiert und diesen Ozean des reinen Bewußtseins erfährt. Das ist die einzige Erfahrung, die das gesamte Gehirn in der Elektroenzephalographie-Maschine zum Leuchten bringt. Wie benutzen ja normalerweise nur fünf Prozent unseres Gehirns. Jetzt können wir schrittweise das gesamte Potential unseres Gehirns aktivieren. Diesen Ball des Bewußtseins können wir erweitern, weil wir menschliche Wesen sind, dem Abbild Gottes gleich. Wie haben unendliches, unbegrenztes Potential, wir müssen es nur entfalten. Wieso wollen nicht alle Menschen gleich morgen mit dem Meditieren anfangen, wenn sie davon hören? Es klingt vielleicht zu gut, um wahr zu sein. Aber - es ist wahr.

ZURÜCK ZU MEINER FRAGE NACH IHREM VERSTÄNDNIS VON WELTVERÄNDERUNG UND FRIEDENSPOLITIK. GEHEN SIE WÄHLEN?

Für Politik interessiere ich mich ungefähr so sehr, sehen Sie. Null. Zero. Ich liebe es, Ideen zu sammeln, an Filmen, Musik und Gemälden zu arbeiten. Was ich über Politik denke und fühle? Sie ist ein Witz. Ein schlechter Witz, der irgendwie komisch riecht. Ich sehe keine Lösungen, ich sehe Ignoranz, Fehler und falsches Verhalten, das uns in noch tiefere Dunkelheit und Konfusion stürzt. Ich sehe keine Führer in der Welt. Es ist ein leerer, hohler Alptraum.

ALSO WÄHLEN SIE NICHT?

Nein, jetzt mal im Ernst: Echte Führung kommt von jenen Seelen, die einen Wunsch oder einen Gedanken aus jener tiefsten Ebene des Bewußtseins einführen können. Dort gibt es keine Negativität. Dort ist die ultimative Macht. Und das ist alles evolutionär. Was von dieser Ebene aus betrieben wird, ist gut für alle. Jetzt mag das sonderbar klingen, aber in der nahen Zukunft wird es sich garantiert nicht mehr sonderbar anhören. Und wissen Sie warum? Weil es wissenschaftlich bewiesen ist. Sie werden sehen, wie es funktioniert. Die moderne Wissenschaft bestätigt immer mehr all das, was die vedische Wissenschaft schon lange wußte. Es wird bald kommen: Bewußtsein, Einheit, die Macht und die Technologien, die sie beleben. Es verändert Dinge. Nicht so wie ein Film nur für ein paar Stunden, oder wie ein gutes Buch für einen Monat, sondern es verändert die Dinge wirklich.

JETZT SAMMELN SIE GELD UM DIESE IDEE ZU VERBREITEN...

Ja, ich will sieben Millarden Dollar sammeln.

DA HABEN SIE SICH VIEL VORGENOMMEN.

Ja, ich weiß. Und wir haben es bei weitem noch nicht erreicht.

WIEVIEL HABEN SIE DEN SCHON?

Ich habe erst 1,6 Millionen Dollar zusammen. Aber wir haben ja auch erst vor einem halben Jahr mit dem Sammeln angefangen.

HABEN SIE AUCH IHR EIGENES GELD GESPENDET?

Natürlich! Aber ich bin leider nicht so vermögend, weswegen ich nicht so viel helfen kann. Es gibt aber wohlwollende Freunde der Menschheit. Und es wird immer Menschen geben, die diese Weltveränderung möglich machen wollen. Und zwar jetzt.

VORHIN BEI IHREM VORTRAG SAGTEN SIE, DASS SCHON 200 MEDITIERENDE AUSREICHEN, UM BERLIN UNBESIEGBAR ZU MACHEN.

Ja, das ist das Schöne daran. Wie Maharishi sagt: Es ist so leicht. Es gibt die Technologie und die vedische Wissenschaft, und es braucht nur sehr wenige Menschen, die in diesen Technologien gut trainiert sind, um riesige Bevölkerungsgruppen zu beeinflussen. Es braucht nur eine Glühlampe, um einen Raum zu beleuchten. Und wenn ein paar Glühbirnen in einer Gruppe leuchten, dann wirkt das gleich wie eine starke Halogenlampe.

ICH MUSS ABER NICHT DARAN GLAUBEN?

Genau, Sie müssen nicht daran glauben. Sie können so weitermachen wie bisher. Sie können ja auch sagen: Ich glaube nicht ans Röntgen. Und der Typ zeigt Ihnen trotzdem, daß Sie Knochen im Körper haben. Und Sie glauben dann weiter, daß es irgendwie ein Trick oder ein Witz ist. Aber Sie sollten sich trotzdem etwas genauer mit der vedischen Wissenschaft beschäftigen, dann werden Sie sehen, daß dies alles Sinn macht. Es ist kein Schwindel. Es ist das Gegenteil von einem Schwindel. Es ist die Wahrheit. Schauen Sie sich die Lage der Welt an und die Versuche von gutmeinenden Menschen, Probleme zu lösen. Wir machen keine gute Arbeit. Es gibt so viele Probleme, all die Tausende von Jahren nur Leiden und Negativität. Albträume, einer nach dem anderen.

WIESO SOLLTE MAN EIGENTLICH GERADE BERLIN RETTEN?

Wieso nicht die Welt retten? Eine Stadt, ein Land nach dem anderen. Oder sogar große Supergruppen außerhalb der Erde. Ich würde liebend gerne mit Ihnen noch über die Elektrizität sprechen. Wenn Sie mich dazu interviewen wollen, melden Sie sich bitte. Auf Wiedersehen.