Der Wüstenplanet, ein 42 Millionen Dollar teures Filmspektakel nach dem Bestseller des amerikanischen Science-fiction-Autors Frank Herbert (seinen ersten Erfolg "Dune" setzte er inzwischen mit vier Fortsetzungsbänden fort, was reichlich Stoff für Fortsetzungen des Wüstenplaneten in Star-Wars-Manier androht), ist eines jener Filmwerke, das die horrenden Produktionskosten weltweit einspielen muß. Da bietet sich einerseits eine Romanvorlage an, die bereits über 13millionenmal verkauft worden ist, andererseits handelte man sich mit Herberts über 700 Seiten starkem, pseudophilosophischen, ökologisch, machtpolitisch, quasireligiös, sprachschöpferisch dumpf waberndem und wild wucherndem Elaborat einen unverdaulichen Brei als Drehbuchvorlage ein, der sich jahrelang allen Adaptionsversuchen widersetzte. Worum es in Herberts mehr mittelalterlich-feudalistischer als zukunftsweisender Phantasie-welt geht, versucht denn auch mit wenig Erfolg eine Filmfigur, die in der restlichen Handlung nicht mehr auftaucht, dem Zuschauer in den ersten Minuten in direkter Sprache nahezubringen. Das Publikum, soweit nicht ohnehin aus lauter Herbert-Kennern bestehend, tappt dennoch oft im dunkeln. Daß nämlich im Jahr 10 191 das Universum von Padishah Imperator Shaddam IV regiert wird; daß er, der Adel und die "Navigatoren" von der "Melange" abhängig sind; das der tückische Baron Wladimir Harkonnen (man beachte den russisch-slawischen Namen) eine Blutrache gegen den Baron Leto Atreides laufen hat, der vom Planeten Caladan auf Arrakis umsiedelt, um dort gemeinsam mit den Fremen, die einerseits Sklaven, andererseits ein freiheitsliebendes Bergvolk sind, das in unterirdischen Höhlen lebt, den Shai-Hulud, riesigen Sandwürmern, das Spice, auch Melange genannt... abzumelken und dort von der Intrige des bösen Wladimir ums Leben gebracht wird, das alles ist nur - sozusagen - der Prolog der Story.
Monströse Fantasy-Welten
Denn eigentlich geht es um Letos Sohn Paul, der aufgrund jahrtausendelanger Genmanipulationen des Frauenordens Bene Gesserit, der freilich eher machtpolitisch als religiös orientiert ist, zu einer Art Messias wird, der die Fremen befreit, den Imperator stürzt und sich am bösen Wladimir für den Tod seines Vaters rächt. Wer nicht jedem Detail folgen kann, soll sich nicht sorgen, denn den Regisseur David Lynch, den Produzent Dino De Laurentiis anheuerte, bevor er die Mammutproduktion seiner Tochter Raffaella überantwortete, interessiert das alles offensichtlich auch nicht so sehr. Immer mal wieder zwischendurch faßt eine Stimme auf eine Art und Weise, die selbst Loriot zu parodieren schwerfallen dürfte, die nicht gezeigte Handlung zusammen. Dazwischen agieren Spitzendarsteller von der Shakespeare-Bühne bis zur Pop-Szene (Freddie Jones und Sting von Police) neben Max von Sydow oder Jürgen Prochnow - und selten sah man eine so teure Truppe blaß spielen. Regisseur Lynch, dem mit Eraserhead ein Mitternachts-Ekel-Kultfilm gelang und mit dem Elefantenmenschen ein ungewöhnlich emotional und visuell beeindruckendes Werk, konzentriert sich bei seiner dritten großen Arbeit einzig und allein auf die Atmosphäre der Herbertschen Fantasy-Welten. Und die ist bei Lynch durchgängig düster, ekelig, monströs und elektrisch gestylt. Kongenial den Plünderzügen des Autors durch alles, was nach Mythologie riecht - von Jung-Siegfried bis Jesus, von Beowulf bis Mohammed - plündert auch Lynch begeistert mit einem Spitzentechnikerteam die Stilgeschichte der letzten zwölfhundert Jahre: Da läßt aus den Kulissen der Markusdom grüßen, Fritz Langs Metropolis, die Renaissance, Art Deco, aber auch Carlo Rambaldi, der zwischen King Kong und ETs Augen schon viel für merkwürdige Kinderphantasien getan hat. Wenn man also den Dialog im Kino sich so wegdenken könnte, wie die Bene Gesserit in der menschlichen Seele lesen können, dann könnte man sich gelungenen Traumbildern überlassen - oder lieber doch nicht, denn Lynch hat eine merkwürdige Vorliebe für Kreaturen, die mit langen spitzen Nadeln in Pestbeulen herumstochern, für fette böse Homosexuelle, die vampirartig über hübsche Knaben herfallen, und Figuren, die mit einer kleinen Presse den Lebenssaft aus Tieren herausquetschen. Auch sein Verhältnis zur Sexualität drückt sich in eher ekligen Phantasien und Symbolen aus. Die zentrale Liebesgeschichte des Films erledigt er hingegen in einem Bild. Doch der Dialog läßt sich ja leider nicht abstellen. So müssen wir auch noch hören, wie mit nebulösen Blut-und-Boden-Sprüchen Paul-Messias-Siegfried sich den Weg zum "Reich des Bösen" mit Atomwaffen freischießt und in diesem erzreaktionärem Film Masseninszenierungen a la Riefenstahl gefährlich nahe zu Reichsparteitagsgetöse abrutschen. Das hat im dickbändigen Roman zwar alle einen etwas anderen Hintergrund, doch der wird im Film Der Wüstenplanet niemandem mehr klar. Irgendwann verläßt man den Kinosaal mit der Erkenntnis, daß die Konzentration auf einzelne Dekors, die wabernde Pseusophilosophie ("die Angst tötet den Gedanken" oder umgekehrt), die mangelhafte bildliche Auflösung der Szenen, das Fehlen jeglichen filmischen Rhythmus`, die mit allem und nichts zu füllende Hohlheit des zu vermarktenden Produkts einfach unverzichtbare Bestandteile einer Strategie sind: Auf dem freien Markt, also überall, wo es nur geht, seine Dollars mehrfach erstattet zurückzubekommen. Insofern sagt Der Wüstenplanet zwar nichts über die Zukunft, aber alles über die gegenwärtige Verfassung der Filmindustrie.
Bodo Fründt