Die Zeit; 21.12. 1984

Kino: "Der Wüstenplanet" von David Lynch                  

Galaktische Scharlatane

Ein Kaiser beherrscht das Universum, auf den Planeten regieren Herzöge und Barone: die Milchstraße ein Feudalsystem. Von der Politik und Ökonomie in dieser Gesellschaft handelt David Lynchs Film "Der Wüstenplanet": vom interplanetaren Rohstoff- und Rauschgifthandel, vom interstellaren Kolonialismus und - vor allem - vom intergalaktischen Aberglauben. So mächtig sind die kosmischen Heilslehren, daß ganze Völkerschaften von obskuren Propheten gelenkt werden können, Herrscher über Sternenreiche ihre Entscheidungen von okkulten Schnickschnack abhängigmachen. Am interessantesten waren schon immer die Science-fiction-Filme, die düstere Zukunftsvisionen entwarfen. Aber all die Filme vom Leben nach dem großen Knall, vom Kampf gegen außerirdische Invasoren suggerierten doch stets, daß die Entwicklung, wenn nur die großen Katastrophen verhindert werden könnten, ganz zwangsläufig zur interplanetaren Demokratie amerikanischen Musters führen würde, zu den Vereinigten Staaten der Milchstraße. Dieser Optimismus ist der Science-fiction inzwischen abhanden gekommen. "Der Wüstenplanet" spielt im Jahr 10 191. Die präzise Zeitangabe ist wichtig, nicht nur weil der Film sich damit deutlich absetzt von George Lucas` "Es war einmal in ferner Zukunft", dem vagen Motto der "Star Wars"-Trilogie. Entscheidend ist, daß mehr als 8000 Jahre vergangen sind. In dieser Zeit haben sich die Strukturen so verfestigt, so viele Regeln und Rituale angesammelt, daß freies Handeln, selbständige Entscheidungen nicht mehr möglich sind, auch nicht für Herrscher. Man muß als Zuschauer sich immer wieder an das Datum erinnern, vor allem in der zweiten Hälfte des Films, wenn es den Anschein hat, als sei auch Lynch, der Regisseur, selber dem galaktischen Aberglauben aufgesessen: Da wird der Hauptfigur, dem jungen Adeligen Paul Atreides, von allerhand Sektierern und Scharlatanen eingeredet, er sei der langersehnte Messias, der Befreier des Wüstenplaneten. Der Macht der Legenden und Überlieferungen hat der junge Mann nichts entgegenzusetzen. Zunächst zögernd, dann immer bereitwilliger nimmt er die Rolle an. Am Schluß hält auch er selber sich für den Erlöser. 

Dieser Erstarrung entspricht auch David Lynchs Umgang mit Kinomitteln: Er mischt Elemente des Westerns, des Kriegsfilms, des Melodrams, er benutzt Off-Kommentare und bombastische Musik, um die Effekte zu verstärken. Und dennoch spüren wir: Sich einfach zu bedienen, ungeniert über Kinogeschichte zu verfügen, gelingt ihm nicht. Überall stößt Lynch auf Vorgegebenes, das er nicht ignorieren kann. Frank Herberts Bestseller "Dune", 1963 erstmals erschienen und inzwischen 60millionenmal verkauft, diente dem Film als Vorlage. Die 700 Seiten des Romans auf Drehbuchformat zurechtzustutzen, daran scheiterte zuerst Alexandro Jodorowski, später auch Ridley Scott. Lynch, den der Produzent Dino de Laurentiis mit Drehbuch und Regie beauftragte, löste das Problem durch Respektlosigkeit: Er verzichtete darauf, alle Zusammenhänge zu erklären (was übrigens auch Frank Herbert nicht gelang; allein der Anhang, der die nachzuholen versucht, umfaßt fast 100 Seiten), Lynch ließ vieles offen, er scherte sich nicht um Logik und Folgerichtigkeit. Wichtiger als der Zusammenhang der Story ist Lynch, dem gelernten Maler und Regisseur des "Elephant Man", die Bildersprache. Als Vorlagen ebenso wichtig wie Herberts Roman sind die Comics von Enki Bilal und Jean Girauds "Moebius". Fast alle Dekors erinnern an "Metal Hurlant". Neu ist die dritte Dimension: Man kann sich umsehen auf den phantastischen Schauplätzen. Die Faszination des Films rührt von den Objekten her, der Akribie und Detailbesessenheit der Ausstattung, den Feinheiten am Rande, mit deren Hilfe Lynch es schafft, uns in eine fremde Welt zu versetzen. Das Universum des George Lucas wirkt daneben wie ein gigantischer Spielzeugladen. Die Zukunft, wie Lynch sie uns vorführt, ist kein Gleichnis für die Gegenwart, kein Modell unserer Gesellschaft. Sie besteht auf ihrem Eigenleben. Simple Analogieschlüsse sind nicht gestattet. Beunruhigung stellt sich erst hinterher ein, wenn man das Kino verlassen hat und feststellt, daß es plötzlich nicht mehr so einfach ist, sich zurechtzufinden im 20. Jahrhundert.


Claudius Seidel