DVD Magazin, 8 / 2002 (November), p. 32-35

Twin Peaks Die Eulen sind nicht, was sie scheinen...

Eine Serie machte Anfang der 90er Jahre im  Fernsehen Furore. "Twin Peaks" fesselte ihre Zuschauer durch fein gezeichnete, surrealistische Charaktere, einen dramatischen Mordfall und die unkonventionellen Aufklärungsbemühungen des Special Agent Dale B. Cooper vom FBI. Jetzt können Sie noch einmal jeden Schritt der Ermittlungen auf DVD verfolgen.

Machen Sie sich auf eine lange Reise gefasst. Nicht nur durch das kleine amerikanische Örtchen Twin Peaks, das versteckt in den Wäldern nahe der kanadischen Grenze liegt - es gilt zudem, eine Odyssee durch die ureigensten menschlichen Gefühle zu durchstehen. David Lynch verpackte diesen Trip in eine gleichermaßen innovative wie gewagte Genre-Mischung aus Krimi, Seifenoper und Fantasy, die Abwechslung, Verwirrung, Humor sowie erdrückende Spannung bietet. Bereits in den ersten sieben Folgen wird eine so dichte Atmosphäre aufgebaut, werden die Bewohner Twin Peaks´, ihre Probleme und Verbindungen so stark herausgearbeitet, erhält der Zuschauer solch eine innige Verbindung mit Schauplätzen und Charakteren, dass er es kaum erwarten kann, an diesen mysteriösen und doch so beschaulichen Ort zurückzukehren.

Film ab!

Das Geheimnis von Twin Peaks

Der Wind weht kühl durch die Baumwipfel de Wälder rund um das kleine, verträumte Örtchen Twin Peaks. Alles scheint an diesem Morgen genauso seinen ewig gleichen Gang zu gehen wie an jedem anderen Tag. Das alte Mühlrad des Sägewerks, das der Witwe Jocelyn Packard (Joan Chen) gehört, wird durch den wilden Fluß angetrieben. Unterhalb des mächtigen Wasserfalls bilden sich Schaumkronen, die wie kleine Segelboote noch einige Meter zurücklegen, ehe sie wieder eins mit dem Wasser werden. Und die Menschen in der Stadt gehen wie gewöhnlich ihren Aufgaben nach.

Leland Palmer (Ray Wise) zum Beispiel. Er ist der Partner des reichsten Mannes in Twin Peaks, Benjamin Horne (Richard Beymer). Zusammen werben sie ausländische Investoren, um einen Freizeitpark auf dem Gelände des Sägewerks errichten zu können. Im Werk arbeitet Catherine Martell (Piper Laurie), die Schwester des toten Andrew Packard. Um die Voraussetzungen zu verbessern, versucht Horne, sie zu einer Brandstiftung zu überreden. Gäbe es kein Sägewerk mehr, würden die Kosten für die Übernahme des Stücks Land natürlich gewaltig sinken. Im "Double R"-Restaurant bereiten die Besitzerin Norma Jennings (Peggy Lipton), die ein leidenschaftliches Verhältnis mit dem von seiner Frau tyrannisierten Tankstellenbesitzer Ed Hurley (Everett McGill) hat, und ihre Angestellte, Shelly Johnson (Mädchen Amick), frischen Kaffee und Kuchen vor. Shelly ist mit dem brutalen Leo (Eric DaRe) verheiratet, der seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Drogen und anderen krummen Geschäften bestreitet. Pikanterweise schuldet ihm ausgerechnet Bobb Briggs (Dana Ashbrook), der attraktive Footballspieler, mit dem seine Frau heimlich schläft, zehntausend Dollar für Kokain. Auch Sheriff Harry S. Truman (Michael Ontkean) ahnt nocht nicht, dass dieser Tag ein ganz besonderer werden wird - ein besonders grausamer. Als er davon erfährt, dass der Fluss eine Leiche, eingewickelt in eine Plastikplane angespült hat, setzt sich Truman seinen Hut auf, beißt noch ein Stück des Schokoladen-Doughnut ab und startet seinen Jeep mit Viergangantrieb. Alles so, wie er es immer tut, wenn er zu einem harmlosen Autounfall, einer Streitigkeit in der nah gelegenen Bar oder der Beweisaufnahme bei eingeschlagenen Fensterscheiben durch randalisierende Jugendliche gerufen wird - wohl wissend, dass von nun an nichts mehr so sein wird wie zuvor. An der Fundstelle angekommen, öffnet Truman die Folie und entdeckt darunter ein wohl bekanntes Gesicht. Die Tote in der Plane ist Laura Palmer (Sheryl Lee), die 17-jährige Tochter Leland Palmers. Und es gibt noch ein Opfer. Ronnette Pulaski kehrt schwer verletzt und mißhandelt aus den Wäldern nach Twin Peaks zurück.

Da das FBI Harry Truman und seinem Team nicht zutraut, die beiden Fälle aufzuklären, wird der junge Special Agent Dale B. Cooper (Kyle MacLachlan) in das Örtchen geschickt. Die Erwartungen aller, dass nun ein arroganter Schnösel alle Ermittlungen an sich reißt, erweisen sich als falsch. Cooper ist zuvorkommend, hat immer ein offenes Ohr für die Anliegen der Mitglieder seiner neuen Crew und kann sich wie kein zweiter über Kleinigkeiten wie heißen Bohnenkaffee und frischen Pflaumenkuchen freuen.

Da entspricht der mitgereiste FBI-Mediziner Albert Rosenfield (Miguel Ferrer) schon eher dem Stereotyp. Er ist ein Zyniker, beleidigt die Einwohner Twin Peaks´ regelmäßig durch seine direkte Art und scheint keinen Respekt vor anderen Denkweisen zu haben. Dass er sich diese Wesenszüge nur als Schutzwall vor den schrecklichen Bildern und Geschichten, die er Tag für Tag erleben muss, zugelegt hat, stellt sich erst später heraus.

Rosenfield ist es, der unter dem Fingernagel der Ermordeten einen Papierschnipsel mit dem Buchstaben "R" darauf findet. Ein Indiz dafür, dass es sich bei dem Täter um den Serienkiller handeln könnte, den Cooper seit Monaten jagt. Schnell steht fest, dass der erste Teil der Botschaft, die sich im Verlauf der Serie wie  ein Puzzle zusammensetzt, aus dem pornographischen Magazin "Flesh World" ausgeschnitten wurde. Mehrere Ausgaben dieses Magazins entdeckt das FBI kurz darauf neben zehntausend Dollar im Schulschließfach der Toten. Und noch mehr mysteriöse Details kommen bald ans Tageslicht. Im Tagebuch Laura Palmers, das sie in ihrem Kinderzimmer versteckte, steht für den Tag ihres Todes der Eintrag "Ich habe Angst vor dem Treffen mit J": Zudem finden Cooper und Co. am Tatort, einem alten Eisenbahnwaggon, der mitten im Wald steht, die eine Hälfte eines Freundschaftsanhängers in Form eines goldenen Herzens. Daneben liegt ein Zettel, auf dem mit Blut geschrieben steht: "Feuer - geh mit mir!"

Im  Verlauf der Ermittlungen stellt sich immer mehr heraus, dass scheinbar jeder der so friedliebenden und moralisch einwandfreien Bürger Twin Peaks´ Dreck am Stecken hat. Da wird betrogen, was das Zeug hält, Drogen werden an der Schule verkauft, andere Menschen erpreßt und Geld mit Prostitution gemacht. Schon bald findet sich Dale B. Cooper in einem Strudel aus Lügen, Geheimnissen und mysteriösen Umständen wieder. Ein Entkommen daraus scheint nur durch die Ergreifung des Mörders möglich zu sein, der immer mehr Menschen als Vision erscheint und in Verbindung mit einer magischen Hütte im Wald und geheimnisvollen Eulen steht. Schnell stößt der Agent an die Grenzen der gängigen FBI-Methode, besinnt sich auf seine Gabe, die Dinge hinter dem Offensichtlichen zu sehen, und schreckt auch vor übersinnlichen Maßnahmen nicht zurück.

Featurette

Twin Peaks - Mehr als nur eine Krimiserie

Vom ersten Tag spricht der FBI-Agent seine neuesten Erkenntnisse, und seien sie scheinbar noch so unbedeutend, in sein Diktiergerät, wobei er immer eine gewisse "Diane" anspricht. So bekommt der Zuschauer einen ständigen Einblick in die Gedankenwelt Coopers. Er erkennt seine unglaubliche Beobachtungsgabe, seine Liebe zum Detail und seine steigende Zuneigung zu den Menschen der Stadt gegenüber. Dass er seinem Sprachrecorder einen Namen gibt - oder seine Aufzeichnungen wirklich an eine reale Person gerichtet sind -, macht ihn noch menschlicher und die entsprechenden Szenen interessanter.

Neben der feinen Charakterzeichnung sämtlicher Personen, mit ihren ureigensten Problemen und Ängsten - unabhängig vom tragischen Todesfall -, ist es vor allem die unglaubliche Kraft und Ruhe der Bilder, die den Zuschauer in ihren Bann zieht. Verbunden mit dem mal kecke Übermut, mal tiefe Trauer und Todessehnsucht ausdrückenden Soundtrack wird aus "Twin Peaks" mehr als nur eine Krimiserie: ein Gesamtkunstwerk.

Bereits Anfang 2003 soll die zweite Staffel mit den nächsten acht Folgen auf DVD erscheinen. Wie es mit den weiteren Seasons aussieht, steht zurzeit noch nicht fest. Wir können nur hoffen, dass sämtliche 29 Episoden umgesetzt werden und nicht, wie bei der Erstausstrahlung im Fernsehen, nach Teil 23 Schluss ist (siehe "Wussten Sie schon"-Kasten). Dann ist zwar der Mordfall aufgeklärt, doch noch längst nicht sämtliche Verwicklungen der Menschen in und um Twin Peaks. Zudem taucht plötzlich ein Erzfeind Dale B. Coopers auf, der den Agenten zu einer Partie eines mörderischen Schachspiels einlädt....

 

Wussten Sie schon, ...?

... dass es bei der Erstausstrahlung der Serie "Twin Peaks" Ende 1991 auf RTL eine gemeine Aktion des Konkurrenzsenders Sat.1 gab? Scheinbar aus Angst vor dem Erfolg der Serie, um die bereits im Vorfeld ein enormer Presserummel herrschte, wurde auf Sat.1 frühzeitig der Mörder Laura Palmers bekannt gegeben. Ob nun diese unfeine Attacke oder die ungewohnte Genre-Kombination die schwachen Quoten bedingten, ist nicht gewiss. Jedenfalls war auf RTL nach 20 Episoden Schluss, die restlichen drei Folgen bis zur Lösung des Mordfalls wurden auf Tele5 ausgestrahlt. Auch beim zweiten Anlauf, zwei Jahre später, zeigte RTL2 nicht alle 29 Teile der Serie. Darauf mussten die Fans bis 1995 warten. Dann endlich schafften es auch die restlichen sechs Folgen auf den Fernsehschirm - zu Beginn noch jede Woche um Mitternacht, später dann erst um circa drei Uhr morgens.

 

Twin Peaks - Season 1

Mystery / Thriller

Originaltitel: Twin Peaks - Season 1; 1990/91, USA
Regie: David Lynch, ...
Schauspieler: Kyle MacLachlan, Michael Ontkean
FSK: 16 Jahre
Laufzeit: 426 Minuten
Bilformat: 4:3 (1,33:1)
Sprache(n) / Tonformat(e): Eng, Deu, Ita, Spa, 1 + 1 (Dolby Digital)
Untertitel: Eng, Deu, Sch, Dän, Nor, Nie, Por, Spa, Tsc, Tür, Ita, Ung, Por
Weitere Ausstattung: Titelmenü; Bewegtmenü; Kapitelstruktur; Untertitelauswahl; Bio- und Filmographien der Schauspieler; Interviews
Pilotfilm (90 Minuten): Hintergrundnotizen zum Pilotfilm auf Texttafeln, Einführung von David Lynch; Interview mit Mark Frost; Sprachunterricht für den Roten Raum mit Michael J. Anderson; "17 Stück Kuchen - Dreh im Mar-T-Diner"; "Twin Peaks"-Adressbuch mit Videopostkarten; Audio-Kommentare der Regisseure; dem leitenden Kameramann, den Drehbuchautoren und dem Ausstatter; Einführung der Log-Lady; Drehbuch-Anmerkungen im Bild; Featurette "Tibet"; Episodenanalyse mit David Lynch
Anmerkung: Diese Box enthält auf vier DVDs den Pilotfilm sowie drei Staffeln. Die Redaktion testete ausschließlich den Pilotfilm, da nur dieser bis Redaktionsschluß vorlag.
Preis: ca. 54 EURO

FILM: ****** (von ******) "Twin Peaks" weicht vom Einheitsbrei ab, lässt das Publikum weinen und zwei Minuten später wieder lachen.
BILD: **** (von ******) Ein leichtes Grieseln ist nicht zu übersehen. Ansonsten wird eine gute Qualität geboten.
TON: *** (von ******) Die Sprachverständlichkeit ist in Ordnung. Effekte oder Räumlichkeit sind natürlich Fehlanzeige.
AUSSTATTUNG: ***** (von ******) Der Fan erhält hier jede Menge Informationen zu seiner Lieblingsserie.