Der Tagesspiegel;
14.10. 1993 |
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Ein penetrantes Knirschen Henry Spencer (Jack Nance), ein sympathisch-unbeholfener junger Mann,
wird von den Eltern seiner Freundin zum Essen eingeladen und erfährt bei
der Gelegenheit, daß die Freundin ein Kind zur Welt gebracht hat. Das
Paar zieht zusammen, aber das Kind, eine Frühgeburt, schreit unentwegt;
mit den Nerven am Ende, geht die junge Frau zu ihren Eltern zurück, während
Henry sich allein um das Kind kümmert, das schließlich unter seinen hilflosen
Händen stirbt. Diese knappe Inhaltsangabe läßt nicht unbedingt an einen
bizarren Horrorfilm denken, eher an einen Problem über alleinerziehende
Väter. Aber David Lynch ist kein regieführender Drehbuchautor, wie es
sie hierzulande im Überfluß gibt - Regisseure, die nur noch das illustrieren,
was ohnehin schon im Drehbuch steht. Seine Faszination verdankt der Film
den beklemmenden Bildern - enge Korridore, kalte, nackte Räume ohne natürliche
Lichtquellen und ein abgetrennter Kopf, der von einem kleinen Jungen aufgehoben,
in eine Fabrik getragen und dort zu Radiergummiköpfen verarbeitet wird.
Beim Familienessen sticht Henry in ein Brathähnchen hinein, aus dem sogleich
eine schwarze Flüssigkeit herausquillt, und was dem "Kind" im Laufe des
Films zustößt, sollte ohnehin jeder Zuschauer für sich behalten. Als Schleim-Orgie,
die an das Unbehagen der Zuschauer angesichts von Körperflüssigkeiten
appelliert, ist "Eraserhead" mittlerweile von den drei "Alien"-Filmen
übertroffen worden; seinen bleibenden Reiz verdankt er der Sympathie,
mit der Lynch das Häßliche und Kranke behandelt. Das Neugeborene ist ebenso
ekel- wie mitleiderregend, und Henry wird trotz seiner grotseken Hochfrisur
und seines schlecht sitzenden Anzugs nicht der Lächerlichkeit preisgegeben;
er erscheint sogar würdevoll in seiner stillen Verzweiflung. Wann und
wo der Film spielt, bleibt unklar; einiges deutet auf die Zeit nach einem
atomarem Holocaust. Alles ist möglich und nichts ist sicher: "Eraserhead"
regt das Hirn an, ohne es zu belasten. Als wären die Bilder nicht irritierend
genug, verfremdet Lynch und sein Sound-Designer Alan Splet sie noch zusätzlich
durch die Tonspur. Das penetrante Knirschen, das Henrys Schuhsohle verursacht,
das Zischen aus dem Heizkörper, der jeden Moment zu explodiern scheint,
die Schreie des "Kindes" - all das zeigt, wie einfallslos und lediglich
funktional normalerweise mit dem Ton umgegangen wird. Lynch hat sich Zeit
gelassen - von 1972 bis 1977 -, weswegen "Eraserhead" das seltene Beispiel
eines sorgfältigen Underground-Films darstellt. Es ist ein Low-Budget-Film
ohne technische Mängel; nie entsteht der Eindruck, ein paar Dollar mehr
hätten der Produktion gutgetan. Da ein weiterer Geniestreich des Meisters
vorerst nicht zu erwarten ist, funktioniert die Wiederaufführung von "Eraserhead"
auch als Trost für frustrierte Lynchianer.
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