Frankfurter Rundschau; 17.2. 1981
Die Sensation
David Lynchs Film "Der Elefantenmensch"

 

 

Frankfurt a. M. Eine beliebte Attraktion auf den Rummelplätzen und Jahrmärkten früherer Zeiten waren die Freaks, grotesk mißgestaltete Menschen, an deren Anblick sich die Zuschauer ihrer eigenen Normalität versicherten - Siamesische Zwillinge, die Frau mit Vollbart, Wasserköpfe, Zwerge und Riesen.

In ganz besonderem Maße entstellt, so sehr, daß er kaum noch menschlich wirkte, war John Merrick, genannt "Der Elefantenmensch".  Er litt an multipler Neurofibromatose, einer auch heute noch unheilbaren Krankheit, die sein Skelett verformte, überall knochige Gewächse entstehen ließ und seine Haut mit blumenkohlartigen Tumoren überzog, mit Massen verkarsteten Fleisches, das in großen Lappen an ihm herunterhing. Er wurde in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in einem englischen Wanderzirkus zur Schau gestellt, wo ihn der Chirurg und Anatomie-Dozent Dr. Frederick Treves entdeckte.

Mit dieser Szene beginnt der Film des jungen amerikanischen Regisseurs David Lynch (dem mit dem unabhängig produzierten "Eraserhead" schon einmal ein höchst bemerkenswerter, ein Kultfilm fast gelungen ist). Noch ist der "Elefantenmensch" nicht zu sehen, auch in den folgenden Sequenzen nicht, raffiniert treibt Lynch die Spannung auf die Spitze, weckt zugleich aber ein Mitgefühl für Merrick beim Zuschauer, so daß, wenn Merrick endlich zu sehen ist, es nicht zu  dem wohlig-gruseligen Schock kommt, mit dem Horrorfilme gewöhnlich operieren, sondern man vielmehr fast Erschütterung empfindet angesichts dieser monströsen Verwachsungen (ein Meisterwerk des Maskenbildners Chris Tuckers übrigens).

Dr. Treves (Anthony Hopkins) nimmt John Merrick (John Hurt) ins Krankenhaus auf, sein Interesse an ihm ist zunächst rein medizinischer Natur, doch bald stellt sich heraus, daß Merrick keineswegs schwachsinnig ist, wie vermutet, im Gegenteil, er kann sprechen und lesen, besitzt eine gewisse Bildung und ist überaus feinfühlig, romantisch gar veranlagt. Lieben und geliebt zu werden ist ihm ein ebensolches Bedürfnis wie jedem anderen Menschen auch, doch wer möchte schon etwas zu tu haben mit solch einem Monster?

Für eine feine Gesellschaft des viktorianischen London wird die gepflegte Konversation mit dem jetzt gediegen lebenden und gekleideten Merrick bald zur neuen Mode - im Grunde wird er hier nicht minder unverschämt begafft und zur Sensation gemacht wie vormals im Wanderzirkus, wenn auch auf ungleich distiguiertere Weise, umgeben von den Utensilien gepflegter Bürgerlichkeit, mit der Teetasse in der Hand. Doch Merrick paßt sich an, ihn macht es glücklich, im Mittelpunkt dieser neuen Welt zu stehen, Freunde zu haben, akzeptiert zu werden. Daß dieses Interesse der freundlichen Leute an ihm nur sehr oberflächlich ist, daß es befördert wird von wie etwa der fürs Theater, macht er sich kaum bewußt.

Um so härter trifft ihn der Einbruch der früheren, der plebejischen und brutalen Welt in sein neues Dasein. Nachts kommt eine Horde Betrunkener aus einem Pub und treibt ihr grausames Spiel mit ihm, dann entführt ihn sein früherer "Besitzer", geht mit ihm auf den Kontinent und stellt ihn dort aufs neue zur Schau. Merrick kann fliehen, kehrt auf mysteriöse Weise nach London zurück, verbringt noch einige Jahre in seinem alten Zimmer im Krankenhaus uns stirbt im Jahr 1890.

Mit etwas Zynismus könnte man den "Elefantenmenschen"  durchaus als den rechten Film fürs "Jahr der Behinderten" bezeichnen. Seine Grundhaltung ist zutiefst human, hat teilweise sogar religiöse Züge, und auch Sozialkritik fehlt nicht, etwa, wenn in der blitzlichtartigen Schilderung der unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen des Proletariats durchaus dessen Verrohung erklärbar wird; phantastisch übrigens, wie genau die In- und Exterieurs des beginnenden Industriezeitalters, die Fabriken, Straßen und Salons hier rekonstruiert worden sind. John Merrick ist der gute Mensch an sich, an ihm, dem Wehrlosen, erweist sich unsere Menschlichkeit - es ist, ganz unverkennbar, eine christliche Botschaft, die der Film verkündet. (Olympia).

Gunar Hochheiden