Der Spiegel Nr. 7 / 1981

Fleischwulst mit Seele

"Der Elefantenmensch". Spielfilm von David Lynch. USA 1980; schwarzweiß; 123 Minuten.

"Meine Mißgestalt entstand durch einen meiner Mutter zugefügten Schrecken. Sie ging die Straße entlang, als ein Zug von tieren kreuzte. Ein fürchterliches Gedränge hob an, weil ein jeder sehen wollte, und dabei wurde meine Mutter vor die Füße des Elefanten gestoßen. Sie geriet in große Angst - dies, zur Zeit der Schwangerschaft, führte meine Verunstaltung herbei."

Joseph Merrick, 1862 im englischen Leicester geboren, blieb kaum eine andere Erklärung als diese für den grausamen Spaß, den sich die Natur mit ihm erlaubt hatte. Aus welchem anderen Grund sollte gerade er zum Jahrhundert-Monster ausersehen gewesen sein? Merrick hatte einen Kopf von fast einem Meter Umfang, und sein Gesicht war eine zerklüftete Berg-und-Tal-Landschaft aus wild wuchernden, blumenkohlartig sprießenden Fleischwülsten.
"Eine derartig pervertierte Version des Menschen ar mir nie zuvor entgegengetreten", schrieb der Londoner Chirurg Sir Frederick Treves über den "Elefantenmenschen" Merrick, den er 1884 aus einer Freak-Show in sein Hospital holte und den Fachkollegen im Hörsaal präsentierte.
Treves war ein sittlich hervorragender Vertreter des beginnenden Industriezeitalters, und er nahm daran Anstoß, daß das grauenhaft verwachsene Wesen, das an einer Neurofibromatose litt und sich nur mit einem Sack überm Kopf und weitem Mantel auf die Straße wagen konnte, als gruselige Attraktion zur Schau gestellt wurde.
Der distinguierte Arzt bekam hetigen Ärger mit Merricks "Besitzer", dem er die Schausteller-Existenz wegnahm, als er die Jahrmarkts-Spottgeburt in seinem Krankenhaus einlogierte. Dort konnte dann freilich die bessere Londoner Gesellschaft die seltsame Verirrung der Natur aus nächster Nähe bestaunen und brauchte noch nicht einmal Eintrittsgeld für die Vorstellung zu bezahlen.
Das Viktorianische Zeitalter ist vorüber, und die Humanitäts-Ideale des 19. Jahrhunderts sind längst Wirklichkeit geworden. Und solte es heute einen Menschen geben, den eine unheilbare Krankheit derart häßlich zurichtet - auf dem Rummel würde er nicht mehr ausgestellt werden.
Dann schon eher im Kino. Der Amerikaner David Lynch hat einen Film über Englands Supermonster gemacht, der US-Komiker Mel Brooks hat ihn finanziert. Und der Film fängt nach dem Muster des herkömmlichen Horror-Kinos an.
Nach einer dramaturgisch raffiniert auf einen Spannungs-Höhepunkt gebrachten Exposition sieht man endlich die spektakuläre Mißgestalt, eine Meisterleistung des Maskenbildners, der den Schauspieler John Hurt unter einer wulstigen Schaumgummi-Konstruktion versteckte. Markerschütternd, wie in einem Dracula-Film, stößt eine Krankenschwester, die dem amorphen Wesen zum erstenmal das Essen aufs Zimmer bringt, einen langen Entsetzensschrei aus.
Aber Lynch beutet den armen Teufel Merrick, diese Schreckenssumme aus Caliban und Quasimodo und allen Nachtgestalten aus Tod Browings legendärem "Freaks"-Film, nicht noch einmal als Horror-Schaustück aus.
Vielmehr stiftet er die Bekanntschaft des Zuschauers mit einer feinfühligen, romantischen Seele, die sich zur Überraschung des Doktors Treves hinter der verfratzten, ausdrucklosen Fassade verbarg.
Für die sentimentale, aristokratisch am Tee nippende englische Gesellschaft wurde Merrick ein beliebter Five-o-clock-Partner, beim Plausch mit dem schleppend Artigkeiten artikuliernden, mit feinem Tuch herausgeputzten Treves-Patienten konnten die Happy Few, von der eigenen wohltätigen Menschlichkeit überwältigt, das Elend der Industrie-Sklaven in den neuen Fabriken vergessen.
Auch ein gefeierter Bühnen-Star (Anne Bancroft) macht dem Monster in seinem Domizil seine Aufwartung, bringt Geschenke und drückt ihm einen Kuß auf den unförmigen Mund. Eine Träne kullert über die Verwachsungen.
Und beim Teestündchen mit Treves (Anthony Hopkins) und seiner Gattin macht Merrick fein die Kompimente und erzählt von seiner Mutter: "Sie hatte das Gesicht eines Engels. Ich muß eine große Enttäuschung für sie gewesen sein. Ich habe mich so sehr bemüht, ein guter Mensch zu sein."
Lynch hat ein Gespür für anrührende Effekte und für märchenhaft ausgemalte Kino-Klischees, aber er vermeidet Sentimentalitäten. Zwar zeigt er fast ein heiles Traumbild, in dem sich die geplagte Kreatur Merrick bis zu seinem Tod mit 27 Jahren, von Londons Upperclass geachtet, wohl fühlen konnte, so gut es ging. Aber er läßt das sensible Herz und die noblen Umgangsformen nicht vollends über die Misere draußen triumphieren.
Nachts quillt einen grölende Suff-Mannschaft aus dem nahen Pub, gegen Eintrittsgeld beim Pförtner, in Merricks aufgeräumte Hospital-Stube und delektiert sich ungehobelt am Anblick des Monsters.
Und die stimmungsvolle Schwarzweiß-Photographie des Films sorgt für Alptraum-Atmosphäre: mit trüben gassen, zerlumpten Gestalten, menschlichen Arbeitstieren an stampfenden Maschinen und düsteren Elends-Szenerien.
Die Welt ist aus den Fugen, und auch Treves, Merricks Gönner und Beschützer, zerfurchten allmählich Skrupel die Stirn.
Er hatte dem intelligenten Monster ein Leben in Würde und Geborgenheit verschaffen wollen. Aber in seinen letzten Jahren blieb Merrick die Schau-Attraktion wie früher. Diesmal aber, als Hätschelkind der Society, eine Exklusiv-Belustigung.

Arnd Schirmer