Eine wahre Geschichte. Der Engländer John Merrick (1862 bis 1890) entwickelte schon als Kind infolge einer Geschwulstkrankheit ein derart mißgestaltetes Äußeres, daß er zwar noch die Schule besuchen kann, doch dann, von der Stiefmutter aus dem Haus getrieben, bei einem Schausteller Unterschlupf sucht, der ihn einem zahlenden Publikum als "Elefantenmensch" vorstellt. Der viktorianische Staat, hinter dessen Fabrikmauern sich immerhin einige der größten Grausamkeiten in der Menschheitsgeschichte abspielten, nahm Anstoß am öffentlichen Vorzeigen des Elends, verbot es. Mit dem drohenden finanziellen Abstieg des Schaustellers beginnt neues Leid für Merrick. Erst als ein Arzt den Fall publik macht, entdeckt die bessere
Gesellschaft ihr Herz für den Freak, und Merrick kann, nachdem er sein gebildetes Wesen offenbart hat, noch einige Jahre als monströser Schoßhund adliger Fürsorge sein
Leben genießen.
Ein phantastisches Thema für das Theater, für den Film. Und beide haben zugegriffen. Das Theaterstück kenn wir noch nicht, der Streifen ("Der Elefantenmensch") des Regisseurs David Lynch - von der britischen Film- und Fernsehakademie als bester Film des Jahres 1980 ausgezeichnet - ist bestens dazu angetan, den Zuschauern die Träne ins Auge zu treiben. Für den Hauptdarsteller John Hurt hat Maskenbildner Christopher Tucker eine grauenvoll echte Maske entwickelt, Anthony Hopkins und Sir John Gielgud als Ärzte triefen vor Mitleid, und Ann Bancroft setzt ewig weibliche Akzente. Sein fragwürdiges Fazit "Seid nett zu den Behinderten" überdeckt Lynch mit einer Flut bombastischer Bildsymbolik und mit gekonnt angewandten Tricks aus dem Hollywood-Fundus. Aus steilem Winkel beäugt die
Kamera qualmende Schornsteine, an Maschinen robotende Arbeiterkörper und den grausamen Voyeurismus distinguierter High Society. Oder darf man seine eigene Schlußfolgerung ziehen, aß Almosen das Kapitalistenherz stets zum Leuchten bringen, während die ausgestreckte Hand der im Schatten Stehenden leicht zu übersehen ist? Letztlich bleibt der Film im Rahmen eines wohlbekannten Ideals: vom Tellerwäscher zum Millionär, vom Totalkrüppel zum umjubelten Partygast. Kleider machen Menschen. Die echten "Freaks", die Tod Browning 1932 für seinen berühmten Film aufbot, waren weit weniger sanft und angepaßt, aber im Rückblick erscheinen sie menschlicher als dieser synthetische Elefantenmann anno 1980. Wie hieß es neulich auf einem Spruchband zum Jahr der Behinderten? "Wir wollen keine milden Gaben, wir wollen unser Leben selbst bestimmen."
Christine Wischmann