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Neu im Kino
Monster mit Herz
David Lynchs "Elefantenmensch" Von Eckhard Schmidt
Seit ungefähr zwei Jahren beschäftigt das Thema Elefantenmensch die Medien. Letztes Jahr feierte Rock-Idol David Bowie in einer Bühnenversion des Stoffs mit dieser Rolle am Broadway Triumphe. Derzeit entwickelt sich der Elefantenmensch-Film in den USA und in England zu einem Kassenschlager. Kein Zufall, daß
Bühne und Film in einer Dekade innerer und äußerer Deformationen nach einer Geschichte greifen, die am authentischen Beispiel von inneren und äußeren Deformationen handelt, von Deformationen des Körpers des
Bewußtseins.
Den Elefantenmenschen gab es wirklich. Er hieß Joseph Merrick, wurde 1860 in Leicester geboren und landete nach einem Leidensweg in Schule und Beruf als Monstrosität auf dem Jahrmarkt. Merricks Kopf und Gestalt waren von
Geburt an grotesk mißgebildet - er litt an multipler Neurofibromatose, angeblich ausgelöst durch die Attacke
eines Circus-Elefanten auf seine schwangere Mutter. Monströse Tumoren auf der Stirn, furchige Elefantenhaut, die sein
Gesicht verunstaltete, ein monströs wuchernder Hinterkopf, den schüttere Haare etwas verdecken, ein
mißgestalteter, flossenhafter Arm und eine Rückgratmißbildung machten Merrick zum Schreckgespenst, an dem sich
viktorianische Neugier entzünden und entladen konnte.
David Lynch, seit seinem international gefeierten Underground-Film "Eraserhead" eine Kult-Figur der Filmszene, hält sich weitgehend an die
historischen Fakten. Er filmt, wie der Londoner Arzt Dr. Treves (Anthony Hopkins), später Chronist des
Merrick-Lebens, das menschliche Monster (John Hurt) aus seinem Rummelplatz-Dasein erlöst, in ihm einen intelligenten und sensiblen Menschen entdeckt, den Kampf gegen wissenschaftliche und gesellschaftliche Vorurteile gewinnt - und dann Merrick zur fragwürdigen
Gesellschafts-Attraktion der besseren Adels- und Theaterkreise macht.
Die Spuren des frühen Industrie-Zeitalters durchziehen den Lynch-Film, rauchende Fabrikschlote, Maschinen, die den Arbeitern Wunden reißen, industrielle Konstruktionen und Strukturen. Merrick wird für die von Maschinen stigmatisierte und um ihre Identität gebrachte Gesellschaft zum
voyeuristischen Symbol ihres eigenen Zustandes. Er ist der Zerrspiegel. Merricks Besucher und
Begaffer, sie sind innerlich gezeichnet, Merrick ist es äußerlich. Die Gesellschaft, die lärmend in Merricks Welt einbricht, ist äußerlich intakt, Merrick selbst ist es innerlich.
Am Ende glaubt Merrick, daß ihn die Welt so akzeptiert, wie er ist. In der genialsten Szene des Films läßt Lynch den Elefantenmenschen in seiner Theaterloge aufstehen, damit er sich für den Beifall bedanken kann, der ihm aus einem vollen Theater entgegenbrandet. Auch auf dem Jahrmarkt mußte sich Merrick erheben, um sich in seiner ganzen Mißgestalt den neugierigen vorzuführen - Kulissen,
Gesichter, Rituale haben sich vielleicht geändert, das Bewußtsein ist das gleiche geblieben.
Glücklich, sich auf dem Höhepunkt seines Lebens wähnend, entschließt sich
Merrick, sein Leben zu beenden, bevor die Ernüchterung zurückkehren kann: Er ignoriert seinen Zustand, legt sich ins Bett, und weiß, daß er wegen seiner Deformation ersticken wird...
Lynch hat die faszinierend makabren Visionen seines "Eraserhead" in "Der Elefantenmensch" nur momenthaft wieder aufgegriffen, so wenn er Merricks embryonale Vergangenheit, ausgelöst durch das Bild seiner Mutter, heraufbeschwört. Ansonsten ist "Der Elefantenmensch" ein genau gebauter, alle
Nuancen des Merrick-Schicksals eher konventionell effektvoll umsetzender Film. Faszinierend dabei, wie Lynch den Ton als Musik einsetzt (die Parallelen zu
"Raging Bull" sind da evident) und wie er den Betrachter zunächst in die Voyeur-Perspektive versetzt, um ihn dann die Innenwelt Merricks erleben zu lassen.
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