| Ein Film als Ereignis der Humanität.
David Lynchs hochdramatisches Epos "Der Elefantenmensch" |
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| Heiliges Monstrum der Schaubudenwelt |
Hinter der transparenten Stoffwand eines Paravent erhebt sich ein grotesk verzerrter Schatten: der Kopf gewaltig groß, der Rücken verkrüppelt, die eine Hand wie eine Flosse gebildet, das rechte Bein elefantesk. Mensch oder Monster? Die gelehrten, die sich in dem Raum zu "medizinischen Anschauungszwecken" versammelt haben, prallen zurück, auf ihren Gesichtern zeichnen sich Ekel und Entsetzen ab.
Jenes wesen, das da den ehrwürdigen Londoner Wissenschaftlern mit ihren steifen Vatermördern und bauschigen Backenbärten von ihrem Kollegen Frederick Treves an einem kühlen Herbsttag 1882 vorgeführt wird, könnte dem Schreckenskabinett des Dr. Caligari entsprungen sein. Doch dies ist keine Szene aus einem Horrorstreifen, keine Variante des Themas "La belle et la bete", kein Remake von "Frankenstein", sondern stammt aus einem Film, der auf wahren Begebenheiten fußt. Was sich da hinter dem Wandschirm den
englischen Medizinern in voller, schauriger Größe präsentiert, ist ein Mensch, der als der "Elefanten-Mann" in die Annalen des viktorianischen Zeitalters eingegangen ist.
Sein kurzes tragisches Leben, das sich zwischen den Schaubuden der Jahrmärkte und in der Londoner High Society abspielte, zwischen den öden Sälen eines Londoner Krankenhauses und dem grellen Lampenlicht eines teils sensationslüsternen, teils von echtem Mitgefühl erfüllten Öffentlichkeit, diente 1977 dem Dramatiker Bernhard Pomerance als Vorlage
zu seinem Stück "Der Elefanten-Mann", das mit großem Erfolg am Broadway aufgeführt wurde. David Bowie spielte damals Joseph Merrick, den Elefantenmenschen.
Ebenfalls 1977 schrieben die Autoren Christoper de Voore und Eric Bergren das Buch zu einem Film, der im letzten Jahr unter der Regie von David Lynch gedreht wurde. Der junge Regisseur, der bislang nur den Horror-Schocker "Eraserhead" inszeniert hat, schuf mit "The Elephant Man", zu Deutsch "Der Elefantenmensch", einen erstaunlich taktvollen, zartfühlenden Film, der auf jede billige Effekthascherei und auf jede Spekulation mit der Sensationsgier seines Publikums gänzlich verzichtet. Dieser Film ist ein Ereignis der Humanität. Es ist die ergreifende Geschichte eines Menschen, der durch eine grausame Krankheit für seine Umwelt zu einem Monstrum wurde und der sich doch in seinem Innersten die Unschuld eines Kindes und die Sanftmut eines Heiligen bewahrt hat.
Lynch führt uns ganz behutsam an die Gestalt des Joseph Merrick heran, den John Hurt mit beklemmender Würde und unterdrücktem Pathos spielt. Wir gewöhnen uns allmählich an ihn, und wenn wir endlich seine ganze Gestalt erblicken, erscheint sie uns schon zu vertraut, um uns noch mit Grausen zu erfüllen. In den ersten Szenen sehen wir zunächst nur eine vermummte Figur, den Kopf unter einer Kapuze verborgen. Durch ein schwarzes Loch, einem Elefantenauge ähnlich, betrachtet Merrick seine Umwelt. Und durch diese dunkle Öffnung hindurch erleben auch wir, die Zuschauer, Merricks Welt. Wir teilen die Abgründe der Verzweiflung, in denen Merrick gefangen bleibt.
Der Arzt Treves (Anthony Hopkins scheint mit seiner eher spröden Partie nicht ganz warm geworden zu sein) sieht seinen späteren Schützling erstmals auf einem Rummelplatz. Bis die Regierung Ihrer Majestät es untersagte, gehörten die "Freaks" zu den beliebtesten Entertainern der viktorianischen Jahrmärkte. Riesen, Zwerge, Wasserköpfe - alle diese Außenseiter einer Gesellschaft, die damals wie heute gänzlich der Schönheit, der Jugend und Gesundheit huldigte und huldigt, fanden bei den Schaustellern einen, wenn auch elenden, Unterschlupf. So auch Joseph Merrick, der aus Leicester stammte, von seiner Stiefmutter wegen seiner Mißgestalt verstoßen wurde und alle anderen Freaks an "Attraktion" weit übertraf.
Frederick Treves nimmt den verwahrlosten, halb verhungerten jungen Mann zunächst aus rein wissenschaftlicher Neugierde zu sich nach Hause; Merrick ist der schlimmste nur denkbare Fall von multipler
Neurofibromatose, einer Art von Hautkrebs, die bei Merrick auch schon die Knochen befallen hat. Schon bald entdeckt der Arzt, daß Merricks Geist nicht etwa, wie er geglaubt hatte, verdüstert und verkümmert, sondern im
Gegenteli sensibel und wach ist, daß der Elefantenmensch alles mitbekommt, was um ihn geschieht, daß er leidet, sich aber auch am Leben freuen kann.
Ehe Treves sich jedoch intensiv um diesen erstaunlichen, musisch begabten Menschen kümmern kann, wird Merrick entführt. Erneut durchläuft er die Hölle, wird er auf
Jahrmärkten wie ein wildes Tier begafft und bespuckt. Wir, die Zuschauer, leiden noch einmal mit ihm. Aber was Merrick mit Trauer erfüllt, macht uns nun zornig. Wie können Menschen so grausam sein? Wie kann einem Menschen soviel Leid auferlegt werden? Merrick ist kein Märtyrer im streng christlichen Sinne, wird aber im Laufe des Films unübersehbar zur Verkörperung der gequälten Kreatur schlechthin. In jeder zarten Geste, in jedem freundlichen Worte sieht er bereits eine Kompensation für sein Unglück und schöpft neuen Lebensmut.
Es gelingt ihm schließlich zu entfliehen. Wieder nimmt Treves ihn bei sich auf. Und nun interessiert sich auch die Londoner High Society für Merrick. Die Damen umflattern ihn, die Männer klopfen ihm gönnerisch auf die Schulter. Dahinter - und das erkennt der Elefantenmann genau - verbirgt sich die gleiche Sensationslust, die er einst auf dem Jahrmarkt erdulden mußte. Und Merrick erträgt auch sie, mit der gleichen Sanftmut wie einst das Schaubuden-Gegeifere.
Doch er erlebt auch das Glück der echten Zuneigung. Die berühmte Schauspielerin Mrs. Kendal (Anne Bancroft) gibt ihm, was mehr bedeutet als alle Geschenke und Worte: Wärme und Trost. Wir aber, die Zuschauer, bleiben am Ende dieses schwarz-weiß gedrehten Filmes aufgewühlt und auch unbefriedigt zurück. Das Drama um den Elefantenmann hinterläßt in uns ein Gefühl der Hilflosigkeit und des Zornes, Zorn vor allem über die Selbsterkenntnis, daß auch wir auf den
Elefantenmenschen kaum anders reagieren würden als die meisten von Merricks Zeitgenossen. Wir sahen diesen erschütternden Beitrag zum "Jahr der Behinderten", wir hörten seine Botschaft, doch es fehlt der Glaube, daß sich dadurch je etwas ändern wird.
M. v. SCHWARTZKOPF