Die Zeit; 20.2. 1981
Kino: David Lynch und "Der Elefantenmensch"

Zum Beispiel John Merrick

Die Schönheit des Häßliches / Von Hans C. Blumenberg

 

 

 

Immer noch gibt es Filme, die ganz anders sind als alles andere, was so in den Kinos angeboten wird: die in keine Richtung passen, die sich für keinen "Trend" vereinnahmen lassen, die auf seltsame Art aus der Zeit gefallen scheinen, die Widerstand leisten gegen das Gängige. Manche Filme von Werner Herzog waren so, "Fata Morgana" und, etwas später, "Auch Zwerge haben klein angefangen". Der handelte von Verwachsungen.

Immer noch gibt es Filme, die sich sperren gegen eine Vereinnahmung durch alte Wörter. Auf den zweiten Film von David Lynch könnten einige verdächtige Adjektive passen: "zärtlich", "warm", "menschlich". Oft mißbraucht, passen die auf überhaupt nichts mehr. "Der Elefantenmensch", der auch von Verwachsungen handelt, braucht sie nicht. Er ist kein Beitrag zum Jahr der Behinderten. Ihm fehlt die kritische Perspektive. Er klagt niemanden an. Er ist über alle Maßen sentimental und traurig. Er beschreibt ein Unglück, für das niemand verantwortlich gemacht werden kann, nicht einmal "die Gesellschaft".

Es dauert über eine halbe Stunde, bis man John Merrick zum erstenmal wirklich sieht, bis es der Regisseur David Lynch wagt, diesen ganz und gar deformierten Menschen ohne Maske und ohne den Schutz mildtätiger Schatten zu zeigen: einen von Geschwüren und schwammigen Gewebe übersäten Körper, auf dem ein übergroßer, beulenförmig verunstalteter Kopf sitzt, fast ohne Mund. Nichts ist normal an dieser Gestalt: Der eine Arm, ein unförmiger Stumpen, scheint auf den dreifachen Umfang angeschwollen, die Hüfte sitzt an der falschen Stelle.

Dieser Mensch, der so aussieht wie kein anderer vor ihm und keiner später, ist 21 Jahre alt, als ihn der Arzt Dr. Frederick Treves 1884 auf einem Londoner Rummelplatz findet, wo er in einer Freak Show als "The Elephant Man" ausgestellt wird. Der Chirurg und Anatomie-Dozent Treves bringt den scheinbar schwachsinnigen Fleischklumpen ins London Hospital, verbirgt ihn in der als Isolierstation ausgestatteten Dachkammer und stellt ihn kurz darauf der Pathologischen Gesellschaft vor. So bleibt der Elefantenmensch eine Sehenswürdigkeit: ein sprachloses Stück Elend, eine schreckliche Laune der Natur, vor der sich die zahlende Kundschaft auf dem Jahrmarkt ebenso mit Grausen wendet wie eine hübsche junge Krankenschwester, die dem geheimnisvollen Patienten des Dr. Treves einen Teller Haferschleim bringen soll.

Das Entsetzen vor dem entsetzlichen Merrick ergreift auch das Kino-Publikum. Ein solches Monster, wie es der Maskenbildner Christopher Tucker geschaffen hat, ist selbst dem mit Horror-Bildern übersättigten Betrachter nicht ohne weiteres erträglich. Doch der erste Schock, den David Lynch so umsichtig vorbereitet hat, dauert nicht lange. Bald merkt der Arzt, bald merken auch wir, daß dieser groteskeste aller Froschkönige in Wirklichkeit ein Prinz ist, daß diesen grausigen Geist eine vornehme Seele belebt.

Der häßlichste Mensch besitzt den größten Hunger nach Schönheit. Merricks kostbarster Besitz ist eine Photographie seiner Mutter, einer Dame von vornehmer Anmut, die, so heißt es, während der Schwangerschaft von einer Elefantenherde angegriffen und so im Innersten so erschreckt worden ist, daß sie eine Mißgeburt in die Welt brachte. Mit einer Großaufnahme ihrer Augen beginnt der Film, mit einem geheimnisvollen, halb abstrakten Bilderstrudel, der den unheimlichen Vorfall ins Unerklärliche rückt: eine unscharfe Fieberphantasie, bei der man sich erinnert an den ersten Film des erstaunlichen David Lynch. Der hieß "Eraserhead", entstand zwischen 1972 und 1976 in einer Industrielandschaft des nächtlichen Los Angeles, in verlassenen Fabriken, Röhren-Labyrinthen, Kellergewölben.

"Eraserhead", eine billige Schwarzweiß-Produktion, ist ein Film wie eine Eiterbeule, aus der sacht eine ekelhafte Flüssigkeit tropft. Einem stumpfen Kleinbürgerpaar wird ein glitschiger, schreiender Kalbsfötus geboren, aus dem Körper der Frau kriechen Würmer, hinter einem Heizungsrohr singt mit zirpendem Stimmchen eine dickliche, im Gesicht entstellte Blondine "In Heaven everything is fine".

"Eraserhead", in der Bundesrepublik vom kleinen Nürnberger "Fantasia"-Verleih in die Programmkinos gebracht, war einer der beunruhigendsten Filme der siebziger Jahre: ein Blick in die Hölle, beeinflußt vielleicht von Cocteau und Dali, gewiß von Lynchs Idol Edward Hopper, aber doch etwas Eigenes. Die abgründige Imagination des 1946 in Montana geborenen Filmemachers faszinierte einen Mitarbeiter von Mel Brooks so sehr, daß er Lynch "The Elephant Man" anbot: keine Adaption des gleichnamigen Broadway-Stücks (in dem vor zwei Jahren der Rock-Star David Bowie als Merrick auftrat), sondern die "wahre Geschichte" des Elefantenmenschen, wie sie der Arzt Frederick Treves überliefert hat.

Ein unbestimmte Sehnsucht nach Erlösung, nach einem sanften Ende der unsäglichen Qualen des Erdenlebens, bestimmte schon die sinistre Schattenwelt von "Eraserhead", einem Film, der mehr mit Ingmar Bergman von "Die Stunde des Wolfs" zu tun  hatte als die modischen Scheußlichkeiten des Horror-Genres. "In Heaven everything is fine": Diese Tröstung einer bizarren Kreatur aus "Eraserhead" könnte auch dem Elefantenmenschen zuteil werden, der sich am Ende zum Sterben legt. Er, den die feine viktorianische Gesellschaft zu ihrem Lieblingsmonster erkoren hat (selbst die Queen nimmt Anteil an seinem Schicksal), will nicht länger leiden an seinem Anderssein.

John Merrick stirbt glücklich, nach einem Besuch im Theater (seinem ersten), erfüllt vom Zauber des Märchenspiels, in dem Menschen sich als Tierde kostümiert hatten. In seiner Kammer im Krankenhaus räumt er langsam die Kissen vom Bett, auf denen er in sitzender Haltung schlafen muß, weil das Gewicht seines Schädels ihn sonst ersticken würde. Zum erstenmal in seinem Leben schläft er  wie ein Mensch. Der Tod ist ihm willkommen. Die Kamera verweilt eine Weile auf der ruhenden Gestalt, streift das von Merrick liebe- und mühevoll aus Pappe gebastelte Modell einer Kirche, erhebt sich aus dem engen Raum und fliegt, so sieht es aus, geradewegs in die Weite des Weltalls, durch Millionen von fernen Sternen.

Dieses Ende ist so provozierend wie der ganze Film. Es ist das Ende einer Passionsgeschichte. Aber gerade deren rücksichtslose Sentimentalität trifft den Zuschauer härter und grausamer als eine dokumentarische Rekonstruktion des Falles. Keine medizinischen Erklärungen, auch keine Schuldzuweisungen erleichtern den Umgang mit Merrick. Wenn man über ihn, wenn man über diesen Film reden will, bekommt man es mit sehr unzeitgemäßen, schwierigen, auch nicht unbelasteten Begriffen zu tun. Die heißen: Unschuld, Reinheit, Gnade, Erlösung. Sie kommen auch vor, wenn von Robert Besson die Rede ist, von "Mouchette" oder von "Zum Beispiel Balthasar".

Mit Mouchette und dem Esel Balthasar teilt der Elefantenmensch eine Art von Unschuld und Reinheit. Der Gedanke an Rebellion gegen ein Schicksal ist ihm fremd. Selbst wenn er gequält wird (von seinem "Besitzer", der ihn aus der Obhut des Arztes entführt und auf den Kontinent verschleppt; von einem Nachtwächter, der heimlich lüsterne Schauwillige in sein Zimmer führt), bleibt er fast reaktionslos. Seine Schwäche ist seine Stärke. An seiner Schutzlosigkeit bricht sich die Welt.

Von diesem John Merrick (dargestellt von John Hurt) geht eine schwer zu beschreibende Faszination aus. Man lernt ihn lieben; seine Zartheiten, sein Staunen, auch seine Unendliche Traurigkeit. Wenn er im Salon des Hauses von Dr. Treves versucht, anmutig Konversation zu machen, überwältigt von Rührung, behindert auch durch die Unmöglichkeit, mit seinem zerstörten Mund schön klingende Sätze zu formulieren, wird seine Hoffnungslosigkeit vollends offenbar. Der Film von David Lynch ist da von einer großen Melancholie, die auch jene ergreift, die mit Merrick umgehen. Selbst wenn er ihnen nahe ist, wenn er im Abendanzug erscheint - das Monster als Dandy - , bleibt er ihnen fremd. Ihre Herzlichkeit behält eine Spur von Verlegenheit, bis sich am Ende, im Theater, doch eine Utopie erfüllt: die Versöhnung des Allerhäßlichsten mit dem Allerschönsten. Aber das ist fast schon der Moment des Todes. So ist "The Elephant Man" auch einer der grausamsten Filme der letzten Jahre.

Für David Lynch ist Liebe eine Frage der (Kamera-)Einstellung. Die Sorgfalt mit der er und sein Kameramann Freddie Francis (ein Veteran jenes Horror-Genres, zu dem dieser Film nicht gehört) in wunderbar komponierten Schwarzweiß- und Breitwand-Bildern das London der Queen Victoria auferstehen lassen, wirkt auch unzeitgemäß, altmodisch. Es ist die Welt von Charles Dickens, in die wir geraten, romanhaft, aber naturalistisch.

Aus den engen, regennassen Gassen quellen, wie aus dem Schlund der Hölle, die Dämpfe der industriellen Revolution. Durch den hohen Saal im Krankenhaus schreiten strenggewandete Schwestern. Es ist eine Welt im Wandel: halb noch mittelalterlich (der Jahrmarkt), halb schon vom Fortschritt der Wissenschaft und Technik ergriffen. John Merrick, der Elefantenmensch paßt in keine Welt.