epd film 2 / 1987
BLUE VELVET
USA 1986. R und B: David Lynch. K: Frederick Elmes. Sch Duwayne Dunham. M: Angelo Badalamenti. T: Ann Kroeber. Ba: Donne Daniels. A: Patricia Norris. Ko: Henry Earl Lewis. Sp: Greg Hull. Pg: De Laurentiis Entertainment Group. Gl: Richard Roth. P: Fred Caruso. V: Concorde. L: 120 Min. St: 12.2.1987.D:Kyle Maclachlan (Jeffrey Beaumont), Isabella Rossellini (Dorothy Vallens), Dennis Hopper (Frank Booth), Laura Dem (Sandy Williams), Dean Stockwel] (Ben), George Dickerson (Detective Williams), Priscilla Pointer (Mrs. Beaumont), Frances Bay (Tante Barbara), Jack Harvey (Mr. Beaumont), Ken Stovitz (Mike).
Nur wenige Filme der letzten Zeit haben es geschafft, die Zuschauer so sehr zu beunruhigen und ihre Gefühle so stark aufzuwühlen wie BLUE VELVET. Die Wirkung - freilich in weniger großem Ausmaß- läßt sich durchaus mit der von Grace Metalious' 50er-Jahre-Bestseller "Peyton Place" vergleichen, der das bürgerliche Amerika mit seinem unverhüllten Blick hinter die Schlafzimmertüren eines nach außen hin braven New-England- Kleinstädtchens schockierte (1957 verfilmte übrigens Mark Robson den Roman mit Lana Turner und Hope Lange, Hope Lange ist auch in BLUE VELVET mit einer kleineren Rolle dabei).
Autor/Regisseur David Lynch interessiert sich weniger für Liebesgeplänkel im Schlafzimmer als für den Widerstreit zwischen Gut und Böse in den Seelen seiner Protagonisten. Und auch für deren unbezähmbare, leichtsinnige Neugierde, die sie dazu verführt, alles, was sie bisher für recht und billig gehalten haben, in Frage zu stellen und tastend einen Schritt ins Reich des Verbotenen zu wagen. Diese Entdeckungsreise nimmt die Form eines Märchens an, eines tückischen, bösartigen Märchens für Erwachsene. Der pulsierende, fast organisch wirkende blaue Samtvorhang aus der ersten Sequenz, der in Bobby Vintons Evergreen "Blue Velvet" und später im blauen Samtkleid der Nachtclubsängerin Dorothy Vallens sein Echo findet, ist zugleich ein Theatervorhang, der sich auf ein verkitschtes, heiles
Bilderbuch-Amerika öffnet: blauer Himmel, weiße Zaunpfähle, rote Rosen - die Farben der amerikanischen Flagge-, ein Feuerwehrauto, Kinder am Straßenübergang, ein Mann, der seinen Rasen sprengt.
Jäh reißt uns Lynch auf die Kehrseite dieser Idylle: Der Mann -später erfahren wir, daß es sich um den Vater des Protagonisten Jeffrey Beaumont handelt- erleidet plötzlich einen Schlaganfall, ein lustiger kleiner Hund spielt mit dem Wasser, das aus dem vom Vater krampfhaft umklammerten Schlauch in die Höhe schießt: Die Kamera schwenkt herunter und zoomt auf den wunderschönen grünen Rasen zu, unter dessen Oberfläche man einen blauschwarzen Schwarm von Mistkäfern
ausmacht. Im Laufe des Films wiederholt Lynch mehrmals dieses Wechselspiel von Anheizen und Abkühlen, variiert aber Szenerie und Identifikationsobjekt so sehr, daß der Zuschauer bald nicht mehr weiß, wie seine Gefühle aussehen. Jeffrey Beaumont, vom College nach Hause zurückgekehrt, um im Eisenwarengeschäft seines Vaters auszuhelfen, findet auf einem Feldweg ein abgeschnittenes menschliches Ohr. Dieses gibt er bei Polizeioberinspektor Williams ab, der ihm als Vater der hübschen, blonden
High-School-Schülerin Sandy bekannt ist. In Lynchs Märchen vertritt Sandy das Gute, Unschuldige, das reine Herz. Pikanterweise ist es ausgerechnet Sandy, die Jeffrey neugierig macht und in das Abenteuer verwickelt. Sie lenkt nämlich seine Aufmerksamkeit auf die mysteriöse Sängerin Dorothy, deren Name
- Sandy hat Gespräche ihres Vaters belauscht- im Zusammenhang mit einem angeblichen Mordfall genannt wurde. Die schwarzhaarige Dorothy ist die Kehrseite von Sandys Unschuld, repräsentiert jedoch nicht das Böse, sondern ist Opfer des Bösen. Im Lynchschen Weltbild scheint allerdings etwas vom Bösen am Opfer hängenzubleiben, was auch Jeffrey bald erfahren wird.
Das Böse im Menschen wird hier von dem sadistischen Killer Frank Booth verkörpert, der zunächst die wehrlose Dorothy überfallt und sich später über Jeffrey hermacht. Dennis Hopper spielt diesen Psychopathen so schrecklich glaubhaft, daß man Angst vor ihm bekommt. Durch die Figur des neugierigen Jeffrey, der eine Art Initiationsritus ins Erwachsensein durchmacht, spielt Lynch ständig mit dem Voyeur im Zuschauer, dreht plötzlich die Rollen um, läßt den Zuschauer sich ertappen, entblößen, läßt ihn in sich gehen und seine innersten Gefühle erproben. Welches Potential an Bösem steckt in uns? Wie weit können wir uns bewußt und freiwillig von unseren moralischen Werten
entfernen? Lassen wir uns dazu verführen? Bei Lynch ist das Böse eine Macht, die wie
die
Büchse der Pandora nicht ungestraft geöffnet werden kann, die nichtsdestoweniger eine ungeheure Anziehungskraft auf uns ausübt. Immer wieder flammt diese Macht unter Geheul auf, und der Zuschauer schreckt jedesmal zusammen, unsicher, ob er sich für seine Gefühle schämen oder sie genießen soll.
Die komplizierte Handlung des Films, die hier nur angedeutet werden kann, ist nicht ohne Risse und Unebenheiten, oft bewußt, wie es scheint, als wollte der Regisseur der Glätte einen Kratzer zufügen. Lynchs Erzählweise ist immer persönlich, immer Ausdruck seiner differenzierten Sicht, die Licht im Dunkeln, Schatten im Licht entdeckt.
Etwas von seinem schonungslosen Engagement hat sich offenbar auf die Darsteller übertragen. Kyle MacLachlan als Lynchs
Alter ego Jeffrey ist forsch und schüchtern, keusch und lüstern zugleich (Sandy zu ihm: "I don't know if you're a detective or a pervert"), Laura Derns hübsches Gesicht verzerrt sich zur maskenhaften Fratze, Isabella Rossellini läßt sich in unvorteilhafter Weise vor der Kamera bloßstellen, Dean Stockwell mimt eine brutale Schwuchtel, Dennis Hopper wirkt wirklich wie ein Besessener. Ohne diese Verrücktheiten würde der Film seine Wirkung verfehlen. Im Märchen siegt immer das Gute, und es ist nicht ohne Aufatmen, daß wir zum Schluß die Rosen, die freundlich winkende Feuerlöschmannschaft, die Kinder und den weißen Zaun wiedererkennen. Mit den gleichen Augen wie am Anfang werden wir sie aber nie wieder wahrnehmen können, dafür hat David Lynch gesorgt.
Stephen Locke
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