|
epd film 6 / 1990 |
|
Donnerstag, 10. Mai 1990, 20 Uhr: Eine derart bewegende Eröffnungsveranstaltung hat es in der Geschichte der Filmfestspiele von Cannes selten gegeben. Bevor dem versammelten Galapublikum im großen Salle Lumiere Akira Kurosawas Film TRÄUME vorgeführt wird, empfängt Jury- Präsident Bernardo Bertolucci auf der Bühne Regie-Kollegen wie Roman Polanski, Martin Scorsese, Stephen
Frears, Costa-Gavras, Sidney Lumet, Claude Lelouch, George Miller, Steven
Soderbergh, John Boorman, die Tavianis und Bille August (von denen viele in früheren Jahren die Goldene Palme erhielten), um gemeinsam mit ihnen den Altmeister aus Japan in Persona zu begrüßen. Der achtzigjährige Kurosawa, nicht nur von seiner körperlichen Statur her der Größte von allen, nimmt dankend den wogenden Applaus entgegen und erklärt
- auf japanisch - die 43. Internationalen Filmfestspiele von Cannes für eröffnet.
Zwei Tage später, vor der Vorführung von TAXI BLUES, verliest Jury-Mitglied Fanny Ardant auf den Stufen des Festival-Palastes folgende Erklärung: "Nur wenige Kilometer von hier entfernt wurde ein jüdischer Friedhof entweiht. Leichname wurden ausgegraben und malträtiert. Das Festival von Cannes kann nicht weitergehen, ohne diese schändliche Tat zu verurteilen und auf die Bedrohung, die sich dahinter verbirgt, aufmerksam zu machen. Die Welt des Films kann nicht ihre Meisterwerke und den Eintritt Osteuropas in die neunziger Jahre feiern, wenn sich in Europa zur gleichen Zeit die Widerwärtigkeiten der dreißiger Jahre wiederholen. Wir Filmschaffenden produzieren und verantworten die Träume der Welt. Aber wenn die Träume es nicht schaffen, die Alpträume zu vertreiben, was nützen dann die Träume?"
Die Neonazis, die auf dem jüdischen Friedhof in Carpentras wüteten, hatten etwas bewirkt, das in Cannes höchst selten ist: Für die eine Schweigeminute, um die Fanny Ardant die Menge der allabendlich die Palais-Treppen flankierenden Schaulustigen bat, verschwand das Lächeln von den Gesichtern der Filmprominenz. Denn auch wenn man sich im schützenden Dunkel des Kinosaals schon einmal bewegen läßt (wie etwa in
KORCZAK, Andrzej Wajdas in polnischdeutscher Koproduktion entstandener Neuverfilmung der authentischen Geschichte des jüdischen Arztes, der die ihm anvertrauten Waisenkinder aus dem Warschauer Ghetto in den KZ-Tod begleitet), gilt zwischen den Filmen in Cannes die eiserne Regel keep smiling . Und: Während in den meisten Pressekonferenzen überwiegend
dummes Zeug geredet wurde, fielen bei Fanny Ardant Sätze, die wirklich etwas zu bedeuten hatten und die - vielleicht unbeabsichtigt - die Essenz von
Kurosawas TRÄUMEN noch einmal auf den Punkt brachten.
Ein paar Tage später lief in der zum Offiziellen Programm zählenden Sektion
"Un Certain Regard" Jörg Grasers Film ABRAHAMs
GOLD, in dem ein niederbayerischer Gast
nach Auschwitz fährt und eine Kiste mit Gold
zähnen ausgräbt, die er vor 45 Jahren als KZ
Wärter dort versteckt hatte. Die Parallelen
zum Vorfall in Carpentras sind bestürzend,
und die Franzosen reagierten betroffener, als
es ohne die aktuellen Schlagzeilen der Fall
gewesen wäre. Am Ende des Festivals wurde
Jörg Grasers Film, der einzige deutsche Bei
trag im Offiziellen Programm, mit dem Gro
ßen Publikumspreis ausgezeichnet. Der
Name des Regisseurs wurde in sämtlichen
Pressemitteilungen falsch geschrieben, ja bis
zur Unkenntlichkeit verhunzt: "Grand prix
du public: Georges Grazer (ABRAHAMS
GOLD, R.F.A.)" heißt es da. Was wohl beweist, daß es den Leuten wirklich um den
Film ging.
Der Eintritt des neuen Osteuropas in die
neunziger Jahre manifestierte sich in Cannes in Form weiterer
Tresorfilme aus den verschiedensten Ländern, von denen
Ryszard Bugajskis PRZESLUCHANIE (Das Verhör) der
1989 nach siebenjährigem Verbot in Polen uraufgeführt
wurde, der mit Abstand beeindruckendste war: Krystyna Janda, für diese Rolle von der Jury verdientermaßen mit dem
Darstellerpreis ausgezeichnet, verkörpert darin eine Frau, die
1951 vom polnischen Geheimdienst vollkommen grundlos
verhaftet und einer Reihe von nicht enden wollenden
quälenden Verhören unterzogen wird. Erst nach
monatelanger Mißhandlung wird ihr klar, daß sie
weichgeklopft werden soll, um als Zeugin in einem
politischen Prozeß auszusagen. Es gab in Cannes aber auch
die allerneuesten Produktionen der Glasnost-Ära zu
besichtigen, darunter die ersten Koproduktionen zwischen der
Sowjetunion und westlichen Ländern seit der Perestroika.
Während aber Jurij Iljenko in LEBEDINOE OZERO - ZONA (Schwanensee - Die Zone) eine in der
"Quinzaine des Realisateurs" gezeigte ukrainisch-kanadische Koproduktion, mit seiner Geschichte eines Gefangenen der aus einem Lager ausbricht, erneut verhaftet wird, scheinbar stirbt, ins Leben zurückkehrt und nochmals stirbt, noch ganz jene Tradition innerhalb des sowjetischen Film verpflichtet ist, in dem verschlüsselt oder metaphorisch erzählt wird (mit dem Unterschied, daß Iljenko jetzt dazu erklären kann, er habe sich selbst, zusammen mit seiner Volk, schon immer als Gefangener in einer riesigen Zone gefühlt), muß das Regiedebüt seines Landsmanns Pavel Lungin als der wahre Beginn eines neuen Zeitalters im Filmschaffen der UdSSR betrachtet werden: TAXI BLUES, für den Lungin von der Jury als bester Regisseur ausgezeichnet wurde, entstand mit finanzieller Unterstützung des französischen Produzenten Marin
Karmitz. Dieser sorgte nicht nur dafür, daß Lungin bei seinem Drehbuch auch selbst Regie führen konnte,
sondern drängte auch darauf, daß der Film - eine technische Neuheit im sowjetischen Film - mit Direktton aufgenommen wurde (in
der UdSSR wird, wie es auch in Italien die Regel ist, die Tonspur normalerweise im Synchronstudio hinzugefügt). Direktton statt
Synchronton: Auch wenn es unbedeutend klingen mag, ist dieses Stilmittel symptomatisch für die Wirkungsweise des ganzen Films.
Vierzehn Jahre nach Martin Scorseses New Yorker TAXIDRIVER (der 1976 in Cannes die Goldene Palme gewann) lernten wir in
TAXI BLUES dessen Moskauer Vetter Slikov (Pjotr Zajcev) kennen. Aber im Gegensatz zu dem Scorsese- Film geht es hier nicht
allein um den Taxifahrer, sondern auch noch um einen Musiker, einen Saxophonspieler (in Scorseses Film war das Saxophon zwar
gleichfalls präsent, aber nur in Bernard Herrmanns Musik). In einer Silvesternacht gabelt der wortkarge Slikov den Saxophonisten
Ljosa und dessen Freunde auf, kurvt mit ihnen durch Moskau, besorgt ihnen eine Flasche Wodka und fährt, nachdem die anderen
unterwegs ausgestiegen sind, Ljosa nach Hause. Ljosa verschwindet in einem Wohnsilo, um das Fahrgeld zu holen und kommt
nicht mehr zurück. Erst im Morgengrauen gibt Slikov das Warten auf und fährt nach Hause; was indessen nicht heißt, daß er das
Geld abgeschrieben hat.
Im Probenraum des Kulturzentrums stöbert er Ljosa auf. Aber statt ihn zusammenzuschlagen, wie dieser es erwartet, konfisziert
Slikov das Sutophon. Das ist der Beginn einer Art von Haßliebe zwischen dem materialistisch denkenden Slikov und dem nur für
seine Musik lebenden Ljosa. Slikov kommt auf die Idee, Ljosa für sich arbeiten zu lassen, und Ljosa läßt es über sich ergehen wie
ein geprügelter Hund. Die phantastischste Szene dieses an denkwürdigen Momenten nicht armen Films kommt, wenn der ansonsten
durch nichts zu beeindruckende Slikov eines Nachts auf offener Straße sein Taxi
verläßt, um ungläubig auf eine riesige, haushohe
Fernsehbildprojektion zu starren: Dort sieht er Ljosa, der von einem amerikanischen Jazz-Impresario entdeckt wurde und nun nach
einer USA-Tournee als Star empfangen wird. Slikov kann es einfach nicht fassen, daß dieser Mann, der sich von ihm fast freudig
hat erniedrigen lassen, ihn nun von der Leinwand her höhnisch anzugrinsen scheint.
Was leicht zu einer platten Parabel über die Arbeiter und die Intellektuellen hätte geraten können, erweist sich als ständig neue
Wendungen nehmende Chronik einer Freundschaft wider Willen: Bei dieser Taxifahrt durch Gorbatschows Moskau gibt es nicht
eine einzige beschönigende oder falsch wirkende Szene. TAXI BLUES ist ein Film, dessen derber Realismus immer wieder
aufgebrochen wird durch unverhoffte Momente reinster Poesie - ein Plädoyer für Menschlichkeit und Toleranz als unabdingbare
Voraussetzung für eine neue Epoche. "Jetzt ist für uns die Zeit gekommen, gute Geschichten zu erzählen", sagt Pavel
Lungin. Mit
TAXI BLUES einem Film ohne Kompromisse, hat er den Anfang gemacht und sich zugleich einen Traum erfüllt.
Weshalb der Cannes-Jahrgang '90 außerdem unvergeßlich bleiben wird: Abend für Abend um halb zehn pilgerte eine Schar
hauptsächlich deutscher und österreichischer Kritiker in den American Pavillon (ein neben dem Festivalpalast errichtetes Zelt,
das als Treffpunkt der amerikanischen Filmindustrie diente), um sich dort Videoaufzeichnungen der Folgen I bis 6 der TV- Serie
TWIN PEAKS anzusehen, mit dem es Regisseur David Lynch kürzlich gelang, das amerikanische Fernsehpublikum aus dem
Dauerschlaf zu reißen. Laura Palmer, das beliebteste Mädchen des Holzfäller-Städtchens Twin
Peaks, ist auf brutalste Weise
ermordet worden, und der joviale Special Agent Dale Cooper (Kyle McLachlan) vom FBI macht sich mit dem kreuzbraven Sheriff
Truman (Michael Ontkean) auf die Suche nach dem Killer. Lynch, der die Serie - strenggenommen ein Mehrteiler, denn jede Folge
baut auf der vorangegangenen auf - gemeinsam mit Mark Frost entwickelt und produziert hat und bei dem Pilotfilm und einer der
Episoden auch Regie führte, versteht es, die Regeln gängiger TV-Ware auf verblüffende Weise zu unterwandern und für seine
Zwecke auszunutzen. Die Erklärung dafür, daß einen dieser "Krimi" (der freilich viel mehr ist als nur das) so in seinen Bann
zieht, könnte in der Art liegen, wie geschickt Lynch genuine Spannung und augenzwinkernde Ironie miteinander verknüpft, aber
auch in der Sorgfalt, mit der hier ein in sich geschlossenes Universum entworfen wird. Für die TWIN PEAKS-Fans in Cannes
endete das Ganze allerdings wie ein Koitus interruptus: Die letzte Folge der Serie, die die Amerikaner nach ihrer Rückkehr aus
Cannes zu Hause im normalen Fernsehprogramm erwartete, wurde nicht gezeigt, und so wissen wir immer noch nicht, wer Laura
Palmers Mörder ist...
Robert Fischer
|