epd film; 12/ 1984

Der Wüstenplanet

DUNE



USA 1984. Regie und Drehbuch: David Lynch. Kamera: Freddie Francis. Schnitt: Anthony Gibbs. Musik: Toto, Marty Paich, Brian Eno. Ton: Alan Splet. Bauten: Anthony Masters. Kostüme: Bob Ringwood. Spezialeffekte: Kit West, Carlo Rambaldi, Barry Nolan. Produktion: Universal. Gesamtleitung: Raffaella de Laurentiis. Verleih: Neue Constantin. Länge: 130 Min. FSK: Ab 12, ffr. Kinostart: 14.12.1984. FBW: Liegt noch nicht vor Darsteller: Kyle MacLachlan (Paul Atreides), Jose Ferrer (Shaddam IV.), Francesca Annis (Fürstin Jessica), Jürgen Prochnow (Leto Atreides), Kenneth McMillan (Baron Harkonnen), Silvana Mangano (Mutter Ramallo), Dean Stockwell (Dr. Wellington Yueh), Max von Sydow (Dr. Kynes), Linda Hunt (Shadout Mapes), Brad Dourif (Piter De Vries).
"Eine Welt außerhalb unserer Erfahrung und jenseits unserer Vorstellungskraft," verheißt die Schlagzeile auf den Plakaten und in den Anzeigen zu dem Film "Der Wüstenplanet"; und die dazugehörige Graphik ein gigantisches schlauchartiges Gebilde, das seinen Schlund in den orangenen Himmel reckt, in der Luft umschwirrt von fremdartigen Flugkörpern in Kampfformation und auf der Erde umwimmelt von ameisenhaften Armeen scheint diese Behauptung gleichzeitig zu untermauern und zu widerlegen: So unwirklich und phantastisch dieses Werbemotiv auch wirkt, so liegt die dort abgebildete Welt naturgemäß diesseits unserer Vorstellungskraft, andernfalls sie nicht abzubilden wäre. Diese Hochstapelei findet in unterschiedlichem Maße bei jedem Film statt, und vor allem die phantastischen Genres leben davon: Die zu Bildern umgesetzten Visionen einer Gruppe von Menschen werden einem Millionenpublikum mit dem Ziel vorgeführt, daß jeder einzelne den Eindruck hat, er sei alleiniger Zeuge und Betrachter der pseudorealen oder pseudoirrealen Geschehnisse hinter dem Fenster der Leinwand. Ob dieses Seherlebnis zu Hause im stillen Kämmerlein oder in einem gefüllten Kinosaal stattfindet, ist dabei völlig unerheblich.
Der Film "Der Wüstenplanet" provoziert diese an sich grundlegenden Betrachtungen zum Phänomen der Suggestionskraft des Kinos ganz besonders, und das aus gutem Grund. Basierend auf dem ersten Band des "Dune"-Zyklus, dessen Autor, Frank Herbert, von seinen Anhängern als einer der genialsten Visionäre der Science- Fiction-Literatur und von etwas weniger beeindruckten Lesern immerhin noch als Zukunfts-Karl-May bezeichnet wird, entwirft der Film nicht nur eine neue Welt, sondern gleich ein ganzes Universum aus neuen Welten, ein galaktisches Imperium. Wo der Roman sich auf sechshundert Seiten über die Geschichte der einzelnen Herrschaftshäuser und Religionen auslassen, tiefschürfend ins soziologische, ethnologische, ökologische und geologische Detail gehen kann, da muß es im Kino genügen, wenn uns in den ersten zwei Minuten ein sprechender Mädchenkopf Struktur und Gesetz dieser "Welt außerhalb unserer Erfahrung und jenseits unserer Vorstellungskraft" in ihren Grundzügen umreißt. Namen und Begriffe werden dem hoffnungslos überforderten Zuschauer in Rekordzeit einzuimpfen versucht, als gehöre auch der Nürnberger Trichter zu den Errungenschaften jener zukünftigen Welt. "Sie müssen wissen," heißt es da, "daß wir uns im Jahr 10.191 befinden. Das bekannte Universum wird regiert von Padashiah Imperator Shaddam IV., meinem Vater. Die allerwichtigste Substanz im Universum ist die Spice-Melange. Das Spice verlängert das Leben. Das Spice erweitert das Bewußtsein. Das Spice ist lebenswichtig für die Raumfahrt. Die Raumfahrtgilde und ihre Navigatoren, die das Spice über 4.000 Jahre physisch verändert hat, benutzen das Spice-Gas, das ihnen die Fähigkeit verleiht, den Raum zu krümmen. Das heißt, in jeden Teil des Universums zu reisen nur durch Gedankenkraft. Ach ja, ich vergaß Ihnen eins zu sagen: Das Spice existiert nur auf einem einzigen Planeten des ganzen Universums, einem einsamen, trockenen Planeten mit weiten Wüsten. Versteckt in den Felsen dieser Öde lebt ein Volk, bekannt als 'Fremen'. Von alters her hat es eine Prophezeiung überliefert, daß ein Mann kommen werde, ein Messias, der sie in wirkliche Freiheit führen wird. Der Planet ist Arrakis, auch bekannt als 'Dune', der Wüstenplanet." So weit, so kompliziert. Würde man eine Reduktion der sich aus dieser Prämisse entwickelnden Handlung versuchen, so käme etwa folgendes dabei heraus: Es war einmal ein Kaiser, dem war daran gelegen, daß niemand den Abbau eines lebenswichtigen Stoffes gefährde, den es nur in einem ganz bestimmten Teil seines Reiches gab. Auf Zuraten eines bösen Barons schickt er einen guten Herzog und dessen Familie in jene Region, scheinbar, um ihn die Ernte dort überwachen zu lassen, in Wahrheit aber, um ihn in eine Falle zu locken und zu ermorden. Dem Sohn des Herzogs jedoch gelingt zusammen mit seiner Mutter die Flucht vor den Schächern, und indem er sich an die Spitze des Bauernvolkes setzt, das ihn als seinen Befreier erkennt, erringt der Held den Sieg über den bösen Baron und dessen Gefolgsleute. Er schickt den verblendeten Kaiser ins Exil und erklärt nun sich selbst zum neuen Herrscher des Reiches.

Regisseur und Drehbuchautor von "Der Wüstenplanet" ist David Lynch. Ich bin nicht gerade verrückt nach Science- Fiction und hatte, bevor ich den Film übernahm, 'Der Wüstenplanet' nie gelesen. Aber als ich jetzt damit konfrontiert wurde, hat es mich schlichtweg umgehauen. Nicht nur die Abenteuer. (...) Das ist mehr als nur oberflächlicher Reiz. Herbert hat sozusagen eine Abenteuergeschichte von großer emotionaler und physischer Substanz geschaffen. Und auf Substanz lege ich großen Wert." Die Substanz dessen, was Lynchs Kino, wie wir es aus seinen ersten beiden Filmen "Eraserhead" und "Der Elefantenmensch" kannten, ausmachte, findet sich in "Der Wüstenplanet" eher am Rande: Visionen von (Industrie- )Landschaften einer Welt, die sich überlebt hat und unfähig ist, ihre Degenerierung zu erkennen, die Sympathie für Abweichler und Freaks, der erstaunlich sichere Umgang mit abgegriffen scheinenden Symbolismen, die Zeichnung eines realistischen Alptraums ("Eraserhead") bzw. einer alptraumhaften Realität ("Der Elefantenmensch"). Vorherrschend ist in "Der Wüstenplanet" statt dessen die Präsenz altbekannter Figurenschablonen und Handlungsmuster, Wiederholung und Variation dessen, was die Leute bereits kennen, aber immer wieder sehen wollen. So wirkt der Film wie ein Konglomerat aus nahezu allen bekannten Kinogenres, wie ein barocker Science-Fiction-Film, ein futuristisches Kostümepos, ein melodramatisches Leinwandabenteuer, ein farbenprächtiger Sagen- und Monsterfilm, der "Star Wars"-Trilogie und deren christlich- religiösem Überbau ebenso verwandt wie dem Heldenpathos einer "Nibelungen"- Verfilmung. Festzuhalten bleibt: ein Eintauchen in die Welt des "Wüstenplaneten ist auch im Kino möglich und das Vergnügen, das man daraus ziehen kann, beträchtlich. Mag sich auch für manche Freunde der Bücher von Frank Herbert der Gedanke aufdrängen, es hier mit einer Reader's Digest"- Fassung ihres Lieblingsstoffes zu tun zu haben, so kann Lynchs äußerst sorgfältige und liebevolle Adaption von dem nur durch einschlägige Filme vorbelasteten Kinogänger doch ohne weiteres als ein Höhepunkt der Fantasy-Welle empfunden werden.
Robert Fischer

Back