taz 14.10. 1993 |
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Daumenkino Eraserhead Sie wissen
wahrscheinlich längst, daß es sich bei diesem Film um einen "Midnight
Classic" handelt, einen Kultfilm jener sinistren Gesellen, die nachts
durch die Straßen streifen, keine Ruhe finden und deshalb düstere Kinohöhlen
aufsuchen. David Lynchs vierter Film (deutsche Erstaufführung 1978) öffnet
unbescheiden, wie es sich für einen bösen Traum gebührt, im Weltall. Gleich
sehen wir das arme Gesicht des armen Henry als Überblendung über hübsch
funkelnden Sternen und einem Planeten, der ein bißchen was mit einer Bulette
zu tun hat. Während aus dem Hintergrund ein Lärm ausbricht, der einem
Eisenwerk alle Ehre machen würde, segelt die Kamera höchst graziös davon,
durchaus ebenbürtig übrigens der Kubrickschen Weltraumodysse. Unter Henry
haben es sich derweil ein wurmartiger Embryo, ein Polyp und eine Spermazelle
gemütlich gemacht - womit Lynchs Reich komplett ist: die Sterne und der
Glibber, das Erhabene und das vor sich hinmüffelnde Profane treffen sich
wie die Kotze in "Wild at Heart" mit den Gefühlen süßester Teenage
Love oder wie das abgeschnittene Ohr in "Blue Velvet" mit den Ameisen,
die froh auf ihm herumkrauchen. "Ich bin besessen von Oberflächen", hat
Lynch einst bekannt. "Wir sind von soviel Vinyl umgeben, daß ich immer
nach was anderem auf der Suche bin. Deshalb habe ich mir öfters eine Maus
besorgt, sie rasiert. Das fühlt sich toll an." Um es kurz zu machen: Henry
stolpert aus seinem düsteren Appartment hinaus ins grau-schwarze Industrie-Brachland,
ein schneidendes, sirrendes Geräusch begleitet seinen paranoiden Schulterblick.
Über kurz oder lang begegnet er dem Star dieses Fims, seinem Baby ("Mom,
they are still not sure it is a baby"). Dieses Baby, ein kalbsfötus-ähnliches,
vor sich hinsuppendes, quiekendes Ding, gehört in die Galerie der Mitternachtsikonen
neben Freddy Kruger und das "Ding aus einer anderen Welt". Niemand weiß,
wie diesem Baby zu helfen ist, und so verfault es vor sich hin und die
Welt mit ihm. Es folgt: eine Dame im Radiator, die ein hübsches Liedl
singt ("In heaven, everything is fine: you`ver got your good things and
I`ve got mine"). Kleine Würmchen fallen vom Himmel, auf die sie kichernd
tritt. Als Henry sich dazustellen will, fällt ihm allerdings der Kopf
ab, aus dem später ein Radiergummi gefertigt wird. So hat alles schließlich
noch sein Gutes. |