Frankfurter Allgemeine Zeitung; 14.2. 1981
Das Opfer als Kinoheld
David Lynchs Film "Der Elefantenmensch"

John Merrick, der Elefantenmensch, jenes Wesen von so monströser Häßlichkeit, daß es sein Haupt verhüllen zu müssen glaubte, wurde im Jahre 1862 in Leicester geboren, achtundzwanzig Jahre später starb Merrick in London. Er litt und hoffte in einem anderen Jahrhundert, jene, die ihn liebten, und jene, die ihn quälten, lebten in einer Zeit, die lange vergangen ist. Das Schicksal des Elefantenmenschen ist Geschichte. Genauso setzt es der amerikanische Regisseur David Lynch in Szene. Er zeigt Bilder aus einer gewesenen Epoche. Den viktorianischen Jahrmarkt, das ungenierte Ausstellen von Löwenmenschen, Zwergen, Riesen, Wasserköpfen und Gummimenschen, die riesigen, überbelegten Säle des Hospitals, eines düsteren Backsteingebäudes mit der merkwürdig verspielten, heiteren Ornamentik, er zeigt die Kutschen, die Pflastersteine, die Gaslaternen, das plüschüberladene Theater, die hohen, so gar nicht funktionalen Hörsäle mit den riesigen Fenstern, die Vatermörder, Häubchen und Roben, er rekonstruiert eine Epoche mit der besessenen Liebe zum Detail, aber er will keinen delikaten Augenschmaus und auch nicht der Nostalgie, jener Boutiquenausgabe von Tradition, willfährig sein; er stellt Gewesenes nach, um den ungeheuren Abstand zwischen uns und der Historie erst einmal zu betonen.
Lynch tut, was den besten Filmregisseuren, soweit sie sich geschichtlicher Sujets angenommen haben, immer eigen war: er vertraut der Macht, der Wirkung, der Erkenntnis und auch dem Unterhaltungswert, der Spannung historischer Überlieferung. Ganz anders Erkenntnis. So war es oder so könnte es immerhin gewesen sein, sagen Filme und auch: dies alles ist vorbei. Heute werden eben keine deformierten Menschen mehr auf Jahrmärkten ausgestellt. Und doch hat dieser Film, und er ist eben kein Einzelfall, seine subversive Kraft. Er drängt, nachdem man sich gerade über die Grausamkeit eines anderen Jahrhunderts entrüstet hat, mit einem Mal zu der Frage, was sich eigentlich seit hundert Jahren so fabelhaft verbessert haben soll. Wie reagieren die Menschen heute, wie reagieren wir auf Mißbildungen, auf Deformationen des Körpers und der Seele? "Der Elefantenmensch" ist kein Film in Technicolor, sondern im Schwarz-Weiß jener Fotos gehalten, die unsere Vorstellung der viktorianischen Zeit prägen. Ganz folgerichtig scheinen uns die Menschen dieses Films zu Anfang entrückt, sie sind uns fern, haben nichts gemein mit unseren Alltagserfahrungen, doch was als Historienspektakel beginnt, endet als Lehrstück über die Kontinuität von Geschichte. In seiner Autobiographie, die naturwissenschaftliche Akribie mit ratlosem Entsetzen verbindet, hat John Merrick sich so beschrieben: "Der Umfang meines Kopfes mißt 91,4 Zentimeter, eine große fleischige Substanz auf der Rückseite ist so groß wie eine Frühstückstasse, der andere Teil ist, wenn man so sagen will, wie Hügel und Täler, alles zusammengeklumpt, während das Gesicht einen Anblick bietet, den niemand beschreiben kann. Die rechte Hand ist fast so groß und sieht auch beinahe so aus wie der Vorderfuß eines Elefanten ... Meine Füße und Beine sind mit dicker, klumpiger Haut bedeckt, auch mein Körper, wie bei einem Elefanten, auch fast dieselbe Farbe. Tatsächlich würde niemand, bevor er es gesehen hätte, glauben, daß so etwas existieren könnte." Die grausamste Phantasie eines Maskenbildners hätte für einen Horrorfilm nichts Schrecklicheres ersinnen können, ein aberwitziger Fehlschlag der Natur, ein Mensch, der andere an Schuld und Sühne denken ließ, der sie ekelte, der sie befangen machte, und den sie doch für den Obulus von zwei Pence mit einer merkwürdigen Lust am Grauen in der Schaubude begafften. Mit der Jahrmarktszene beginnt Lynchs Film. Wie ein Tier wird Merrick (John Hurt) dort ausgestellt, der Selbstgerechtigkeit, der Sensationsgier, der Perversion der Betrachter Nahrung gebend und doch dabei auch seinen kargen Lebensunterhalt verdienend. Dort sieht ihn der Arzt Treves (Anthony Hopkins), er leiht ihn sich aus, führt ihn nicht ohne Selbstgefälligkeit im Hörsaal vor, nicht den Menschen, sondern die Abart zeigend. Von seinem Leid, so vermutet Treves und mit ihm der Zuschauer, wisse Merrick wohl nichts. Es ist dies die schöne Hoffnung, der Herr möge den, der so unglücklich ist, wenigstens mit der Gnade des Schwachsinns bedenken. Merrick kommt ins Hospital, lernt scheinbar mühsam einige Worte nachzusprechen, doch als der Arzt den Raum verläßt, hört er drinnen in flüssiger Rede das Glaubensbekenntnis. "Der Elefantenmensch" kann sprechen und schreiben, ein Schock für den Zuschauer, dem der Jahrmarkt gewiß widerwärtig gewesen war und dem doch die Phantasie gefehlt hatte, hinter dem mißgestalteten Objekt ein denkendes und fühlendes Subjekt zu vermuten. Merrick bleibt eine Attraktion. Für die Armen und die Reichen. Die einen besichtigen ihn, dem Nachtwächter des Hospitals Eintrittsgeld entrichtend, des Nachts quälen sie ihn, demütigen ihn, treiben grausame Scherze: die anderen sagen sich bei ihm zum Tee an, bringen erlesene Geschenke, eine Begegnung mit dem Elefantenmenschen gilt in der feinen viktorianischen Gesellschaft als schick. Merrick ist in Mode. Auch der Arzt wird seiner Motive unsicher. War es Ehrgeiz oder Mitmenschlichkeit, die ihn für Merrick sorgen ließ?
Die Menschen in David Lynchs Film sind nie nur gut oder nur schlecht, ihre Caritas ist nicht frei von Eigennutz, aber Lynch zeigt eine Epoche, die als die klassische der Ausbeutung gilt, am Ende doch mit ungewohnter Milde. Er hat, jedenfalls im Falle Merrick, die historische Wahrheit für sich. Mrs. Kendal, eine berühmte Schauspielerin, engagierte sich etwa für Merrick, und in der unnachahmlichen Diktion der gebildeten Britin sagte sie später: "Mein Mann und ich haben es immer als ein großes Privileg betrachtet, sein Leiden lindern zu dürfen." Es macht den besonderen Rang dieses Films aus, daß er die Geschichte nicht verschönert, daß er von Leid und Grausamkeit erzählt und doch den Blick freigibt auf eine Epoche, die den Wohlfahrtsstaat nicht kannte und trotzdem und vielleicht gerade deswegen faszinierende Beispiele von Großherzigkeit, Mitleid, wohl auch Liebe offenbarte. In der ergreifendsten Szene des Films verkündet Mrs. Kendal. (Anne Bancroft) im Theater, das Ensemble spiele nur für Mr. John Merrick, stehend applaudiert das Publikum, ungelenk erhebt sich der "Elefantenmensch" in der Königsloge, verbeugt sich, ein Märchen - vielleicht -, aber eines, das die unermeßliche Hoffnung ausspricht, daß die Menschen lernen können, daß sie zu begreifen vermögen, daß ein gesunder Geist nicht unbedingt; in einem gesunden Körper wohnen muß. Die Umwandelbarkeit von Merricks Gesicht, eine Meisterleistung des Maskenbildners Chris Tucker übrigens, kontrastiert mit der Menschwerdung eines Objekts. Zum Hochmut hat der Zuschauer keinen Grund. Wie die Figuren des Films, so ekelt auch ihn diese Anthologie der Mißbildungen, wenn die Menschen des Films zurückzucken, zuckt auch er erschreckt zurück, ihre Irrtümer sind die seinen, ihr Begreifen das seine, aus Abscheu wird Mitleid, aus Mitleid Sympathie, aus Sympathie etwas noch Erstaunlicheres: Identifikation. Aus einem Opfer wird ein Kinoheld. "Er ist," sagt Lynch von seinem John Merrick, "jemand, der anderen Lektionen erteilt. Er bringt den Menschen bei, menschlich zu sein - und doch ist er ein Monster..." Jedenfalls ist Lynch ein ungewöhnlicher, vorzüglicher Film gelungen, einer, der sich den Luxus der Hoffnung erlaubt in einer Zeit, die dem Pessimismus so gewogen ist. An der Veränderbarkeit der Wirklichkeit mit den Mitteln der Kunst kann man Zweifel haben. Die Realität, das ist eher das Behindertenurteil, das sind die psychiatrischen Kliniken, das sind Ängste, Befangenheiten, Verdrängungen, das ist der zwanghafte Versuch, so zu leben, als ob es die Merricks nicht gäbe. Die Sonntagsreden im Jahr der Behinderten werden daran nicht viel ändern.
MICHAEL SCHWARZE