John Merrick, der Elefantenmensch, jenes Wesen von so monströser Häßlichkeit,
daß es sein Haupt verhüllen zu müssen glaubte, wurde im Jahre 1862 in Leicester geboren, achtundzwanzig Jahre später starb Merrick in London. Er litt und hoffte in einem anderen Jahrhundert, jene, die ihn liebten, und jene, die ihn quälten, lebten in einer Zeit, die
lange vergangen ist. Das Schicksal des Elefantenmenschen ist Geschichte. Genauso setzt es der amerikanische Regisseur David Lynch in Szene. Er zeigt
Bilder aus einer gewesenen Epoche.
Den viktorianischen Jahrmarkt, das
ungenierte Ausstellen von Löwenmenschen, Zwergen, Riesen, Wasserköpfen
und Gummimenschen, die riesigen,
überbelegten Säle des Hospitals, eines
düsteren Backsteingebäudes mit der
merkwürdig verspielten, heiteren Ornamentik, er zeigt die Kutschen, die Pflastersteine, die Gaslaternen, das plüschüberladene Theater, die hohen, so gar
nicht funktionalen Hörsäle mit den riesigen Fenstern, die Vatermörder, Häubchen und Roben, er rekonstruiert eine
Epoche mit der besessenen Liebe zum
Detail, aber er will keinen delikaten
Augenschmaus und auch nicht der
Nostalgie, jener Boutiquenausgabe von
Tradition, willfährig sein; er stellt Gewesenes nach, um den ungeheuren Abstand zwischen uns und der Historie
erst einmal zu betonen.
Lynch tut, was den besten Filmregisseuren, soweit sie sich geschichtlicher
Sujets angenommen haben, immer eigen war: er vertraut der Macht, der
Wirkung, der Erkenntnis und auch
dem Unterhaltungswert, der Spannung
historischer Überlieferung. Ganz anders Erkenntnis. So war es oder so könnte es
immerhin gewesen sein, sagen Filme
und auch: dies alles ist vorbei. Heute
werden eben keine deformierten Menschen mehr auf Jahrmärkten ausgestellt. Und doch hat dieser Film, und er
ist eben kein Einzelfall, seine subversive Kraft. Er drängt, nachdem man sich
gerade über die Grausamkeit eines anderen Jahrhunderts entrüstet hat, mit
einem Mal zu der Frage, was sich eigentlich seit hundert Jahren so fabelhaft verbessert haben soll. Wie reagieren die Menschen heute, wie reagieren
wir auf Mißbildungen, auf Deformationen des Körpers und der Seele?
"Der Elefantenmensch" ist kein Film in
Technicolor, sondern im Schwarz-Weiß
jener Fotos gehalten, die unsere Vorstellung der viktorianischen Zeit prägen. Ganz folgerichtig scheinen uns die
Menschen dieses Films zu Anfang entrückt, sie sind uns fern, haben nichts
gemein mit unseren Alltagserfahrungen, doch was als Historienspektakel
beginnt, endet als Lehrstück über die
Kontinuität von Geschichte. In seiner Autobiographie, die naturwissenschaftliche Akribie mit ratlosem Entsetzen
verbindet, hat John Merrick sich so beschrieben: "Der Umfang meines Kopfes
mißt 91,4 Zentimeter, eine große fleischige Substanz auf der Rückseite ist so
groß wie eine Frühstückstasse, der andere Teil ist, wenn man so sagen will,
wie Hügel und Täler, alles zusammengeklumpt, während das Gesicht einen
Anblick bietet, den niemand beschreiben kann. Die rechte Hand ist fast so
groß und sieht auch beinahe so aus wie
der Vorderfuß eines Elefanten ... Meine Füße und Beine sind mit dicker,
klumpiger Haut bedeckt, auch mein
Körper, wie bei einem Elefanten, auch
fast dieselbe Farbe. Tatsächlich würde
niemand, bevor er es gesehen hätte,
glauben, daß so etwas existieren könnte." Die grausamste Phantasie eines
Maskenbildners hätte für einen Horrorfilm nichts Schrecklicheres ersinnen
können, ein aberwitziger Fehlschlag der
Natur, ein Mensch, der andere an
Schuld und Sühne denken ließ, der sie
ekelte, der sie befangen machte, und
den sie doch für den Obulus von zwei
Pence mit einer merkwürdigen Lust am
Grauen in der Schaubude begafften.
Mit der Jahrmarktszene beginnt
Lynchs Film. Wie ein Tier wird Merrick (John Hurt) dort ausgestellt, der
Selbstgerechtigkeit, der Sensationsgier,
der Perversion der Betrachter Nahrung
gebend und doch dabei auch seinen
kargen Lebensunterhalt verdienend.
Dort sieht ihn der Arzt Treves (Anthony Hopkins), er leiht ihn sich aus, führt
ihn nicht ohne Selbstgefälligkeit im
Hörsaal vor, nicht den Menschen, sondern die Abart zeigend. Von seinem
Leid, so vermutet Treves und mit ihm
der Zuschauer, wisse Merrick wohl
nichts. Es ist dies die schöne Hoffnung,
der Herr möge den, der so unglücklich
ist, wenigstens mit der Gnade des
Schwachsinns bedenken. Merrick kommt
ins Hospital, lernt scheinbar mühsam
einige Worte nachzusprechen, doch als
der Arzt den Raum verläßt, hört er
drinnen in flüssiger Rede das Glaubensbekenntnis. "Der Elefantenmensch"
kann sprechen und schreiben, ein
Schock für den Zuschauer, dem der
Jahrmarkt gewiß widerwärtig gewesen
war und dem doch die Phantasie gefehlt hatte, hinter dem mißgestalteten
Objekt ein denkendes und fühlendes
Subjekt zu vermuten.
Merrick bleibt eine Attraktion. Für
die Armen und die Reichen. Die einen
besichtigen ihn, dem Nachtwächter des
Hospitals Eintrittsgeld entrichtend, des
Nachts quälen sie ihn, demütigen ihn,
treiben grausame Scherze: die anderen
sagen sich bei ihm zum Tee an, bringen
erlesene Geschenke, eine Begegnung
mit dem Elefantenmenschen gilt in der
feinen viktorianischen Gesellschaft als
schick. Merrick ist in Mode. Auch
der Arzt wird seiner Motive unsicher.
War es Ehrgeiz oder Mitmenschlichkeit,
die ihn für Merrick sorgen ließ?
Die Menschen in David Lynchs Film
sind nie nur gut oder nur schlecht, ihre
Caritas ist nicht frei von Eigennutz,
aber Lynch zeigt eine Epoche, die als
die klassische der Ausbeutung gilt, am
Ende doch mit ungewohnter Milde. Er
hat, jedenfalls im Falle Merrick, die historische Wahrheit für sich. Mrs. Kendal, eine berühmte Schauspielerin, engagierte sich etwa für Merrick, und in der
unnachahmlichen Diktion der gebildeten Britin sagte sie später: "Mein Mann
und ich haben es immer als ein großes
Privileg betrachtet, sein Leiden lindern
zu dürfen."
Es macht den besonderen Rang dieses
Films aus, daß er die Geschichte nicht
verschönert, daß er von Leid und Grausamkeit erzählt und doch den Blick
freigibt auf eine Epoche, die den Wohlfahrtsstaat nicht kannte und trotzdem
und vielleicht gerade deswegen faszinierende Beispiele von Großherzigkeit,
Mitleid, wohl auch Liebe offenbarte. In
der ergreifendsten Szene des Films verkündet Mrs. Kendal. (Anne Bancroft) im
Theater, das Ensemble spiele nur für
Mr. John Merrick, stehend applaudiert
das Publikum, ungelenk erhebt sich der
"Elefantenmensch" in der Königsloge,
verbeugt sich, ein Märchen - vielleicht
-, aber eines, das die unermeßliche
Hoffnung ausspricht, daß die Menschen
lernen können, daß sie zu begreifen
vermögen, daß ein gesunder Geist nicht
unbedingt; in einem gesunden Körper
wohnen muß. Die Umwandelbarkeit von
Merricks Gesicht, eine Meisterleistung
des Maskenbildners Chris Tucker übrigens, kontrastiert mit der Menschwerdung eines Objekts.
Zum Hochmut hat der Zuschauer keinen Grund. Wie die Figuren des Films,
so ekelt auch ihn diese Anthologie der
Mißbildungen, wenn die Menschen des
Films zurückzucken, zuckt auch er erschreckt zurück, ihre Irrtümer sind die
seinen, ihr Begreifen das seine, aus
Abscheu wird Mitleid, aus Mitleid Sympathie, aus Sympathie etwas noch
Erstaunlicheres: Identifikation. Aus einem Opfer wird ein Kinoheld. "Er ist,"
sagt Lynch von seinem John Merrick,
"jemand, der anderen Lektionen erteilt.
Er bringt den Menschen bei, menschlich
zu sein - und doch ist er ein Monster..."
Jedenfalls ist Lynch ein ungewöhnlicher, vorzüglicher Film gelungen, einer,
der sich den Luxus der Hoffnung erlaubt in einer Zeit, die dem Pessimismus so gewogen ist. An der Veränderbarkeit der Wirklichkeit mit den Mitteln der Kunst kann man Zweifel haben. Die Realität, das ist eher das Behindertenurteil, das sind die psychiatrischen Kliniken, das sind
Ängste, Befangenheiten, Verdrängungen, das ist der
zwanghafte Versuch, so zu leben, als ob
es die Merricks nicht gäbe. Die Sonntagsreden im Jahr der Behinderten
werden daran nicht viel ändern.
MICHAEL SCHWARZE