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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.05.2001 |
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Die Tage eines Nachtfalters Postfreudianischer Traum und Meisterwerk: David Lynchs Film "Mulholland Drive" in Cannes Cannes, 17.Mai Es beginnt wie in einem Hollywood-Krimi: Auf dem endlos langen Mulholland Drive, weit draußen vor Los Angeles, bremst plötzlich ein Auto, eine attraktive junge Frau wird mit der Pistole bedroht und auf die Straße gestoßen, und fast im selben Augenblick rast aus der Dunkelheit ein anderes Fahrzeug heran und fährt mit voller Wucht auf den parkenden Wagen. Dann herrscht gespenstische Stille. Der einzige Mensch, der sich noch bewegt, ist die junge Frau, die wie ein Nachtfalter aus dem Bild torkelt, angelockt vom ferne glitzernden Los Angeles. Am nächsten Tag kommt eine Schauspielschülerin aus der Provinz in Los Angeles an, einen Vorstellungstermin schon in der Tasche. Als sie ihre neue Wohnung betritt, merkt sie, daß dort offenbar schon jemand wohnt. Es ist die Frau, die den Unfall überlebte. Sie kann sich an nichts mehr erinnern und hat sich nachts in der leeren Wohnung verkrochen. Das blonde Mädchen aus der Provinz hat ein gutes Herz und viel Courage, also hilft sie der dunklen Schönheit, ihre Identität wiederzufinden. Mit Telefon und Taxi erforschen sie die Vergangenheit der Dunklen, alles möglichst heimlich, denn die Unterwelt scheint der Ärmsten dicht auf den Fersen, ohne daß sie sich erinnern könnte, warum. Die beiden werden zu verschworenen Freundinnen, es kommt schließlich sogar zu einer leidenschaftlichen Liebesbeziehung mit tragischem Ausgang. So etwa könnte man versuchen, den Inhalt von David Lynchs "Mulholland Drive" wiederzugeben, aber jede derartige Nacherzählung ist im Grunde falsch. David Lynch weiß das selbst am besten, und er hat den Inhalt seines Films zu einem einzigen Satz kondensiert: "Eine Liebesgeschichte in der Stadt der Träume". Das sagt alles, weil es über die vermeintliche Handlung fast gar nichts sagt. Wiewohl der Film schon in der ersten halben Stunde von einem Rätsel zum nächsten führt, bleibt dem Zuschauer doch das Gefühl, die Wirklichkeit zu erkennen. Nach und nach tauchen in dem Film aber immer mehr Personen auf, die wir zuvor schon gesehen haben, nur daß sie anfangs dämonische Auftritte hatten wie in einem Gangsterfilm, während sie jetzt ganz harmlos wirken und banalen Tätigkeiten nachgehen. Auch die Blondine hat sich unmerklich verändert. Aus dem adretten Mädchen mit dem geglückten ersten Karriereschritt ist plötzlich ein Taugenichts geworden, der Erfolge nur aus maßlosen Tagträumereien kennt. Offenbar sind wir in die Vorgeschichte des großen Liebesdramas geraten, dessen Voyeure wir zuvor sein durften. Statt dessen erleben wir nun die Wirklichkeit der Blonden, die sich aus den harmlosen Menschen ihres Alltags das Personal einer Liebestragödie zusammenphantasiert hat und dabei für sich selbst die Hauptrolle des properen, anständigen und begabten Mädchens reservierte. Deshalb also begegnen wir den Figuren zweimal. Zuerst wurden sie zu Kinohelden vergrößert, danach werden sie als Alltagsmenschen dechiffriert. Damit sollten die Rätsel der Handlung endlich aufgelöst sein, denn nun wissen wir ja, daß die erste Hälfte des Films nur ein Traum war. Aber die Folgerung, daß dann der zweite Teil die Realität zeigen muß, will nicht gelingen. Denn die Liebesgeschichte des ersten Teils hatte eine derart tragische Größe, sie wurde derart narkotisch nah erzählt, daß sich unser Gefühl schlichtweg weigert, sie als Traum abzutun und gegen die schäbige Wirklichkeit einzutauschen, die der zweite Teil uns bietet. Aber auch unser Verstand bekommt ein Argument, der glanzlosen Realität des zweiten Teils den Realitätsstatus zu verweigern. Denn offensichtlich träumt das zum Taugenichts rückverwandelte Mädchen noch immer. Sie träumt jetzt freilich, als wäre sie kurz vor dem Erwachen, einen weniger kühnen Traum, in dem sie nicht mehr die Totalverwandlung wagt, sondern wenigstens die halbe Wahrheit eingesteht, um sich so vielleicht um das drohende Erwachen herumzumogeln. In diesem realitätsnäheren Traum sieht sie sich nicht mehr als blonde Unschuld und Retterin der Dunkelhaarigen. Sie ist vielmehr eine brave graue Maus geworden, die von einer Kinokarriere zu träumen wagt, während ihre schöne Nachbarin in Hollywood ein und aus geht. Dieser halbwahre Traum vermengt sich auf irritierende Weise mit einer dritten Ebene, die vielleicht endlich die nackte Wirklichkeit ist. Diese nackte Wirklichkeit zeigt sich freilich nur in Fragmenten. Wie Splitter ragen sie in die großzügig ineinander verschachtelten Traumdramen und tun uns bloß weh. Denn David Lynchs Film hat uns zu trunkenen Kinoträumern gemacht, die die Begegnung mit der Wirklichkeit mehr befürchten als erwarten. Es gibt denn auch kein eindeutiges Erwachen. Wir ahnen bloß, daß die häßliche Wirklichkeit hinter all diesen Träumen so beschaffen sein könnte: Ein schlampiges Mädchen aus der Provinz, das Geld veruntreut hat und deshalb gesucht wird, himmelt auf so krankhafte Weise eine bekannte Hollywoodschauspielerin an, daß sie vor lauter Eifersucht auf deren Glück ihre Ermordung in Auftrag geben will. Ganz am Schluß fällt zwar ein Schuß, aber er bedeutet wohl eher, daß das unglückselige Mädchen seinem versäumten und verträumten Leben ein Ende machte. Die genaue Auflösung ist freilich nicht so wichtig, denn um die Trennung von Realität hier und Traum dort ist es Lynch gerade nicht zu tun. Das Großartige ist ja, daß Traum und Wirklichkeit mit der gleichen Intensität und im gleichen Stil dargestellt werden. Das Geträumte ist, solange der Film dauert, wirklich, und alles Wirkliche scheint, wenn der Film geendet hat, nur ein weiterer Traum zu sein. Als Bunuel "Belle de jour" vorstellte, war das Publikum durch das umgekehrte Verfahren irritiert. Alles, auch die Rückblende und die Phantasmagorie, wurden in "Belle de jour" als Realität dargestellt, Träume wurden wirklich, während bei Lynch alles Wirkliche sich zum Traum verwandelt. Die Realität ist bei ihm nur noch ein häßlicher Rest, der in den Abfalleimer der Künste gehört. Daß andererseits in diesem einzigartigen Traumspiel "Mulholland Drive" keine Szene vorkommt, die nicht auch im wirklichen Leben möglich wäre, zeigt die ganze Redlichkeit dieses phantasiereichsten amerikanischen Filmkünstlers. In "Mulholland Drive" zeigt er uns den Menschen des nachfreudianischen Jahrhunderts, der nicht mehr die von Albträumen heimgesuchte Seele für therapiebedürftig hält, sondern nur noch den Albtraum Realität. Wilfried Wiegand |