Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. 5. 1999

Der alte Easy Rider
Palme für das Festival: Abschluß in Cannes

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Der andere Höhepunkt wurde "The Straight Story" von David Lynch, ein meisterhafter, menschlich und künstlerisch überwältigend schöner Film, der jedes Publikum mühelos gefangen nehmen wird. Lynch erzählt die Geschichte eines Mannes namens Straight, der tatsächlich vor Jahren eine wochenlange Reise mit einer winzigen Zugmaschine unternommen hat, wie man sie im Garten benutzt, um von Hecke zu Hecke zu fahren oder den Rasenmäher zu schieben. Straight ist Anfang siebzig und mit seiner Gesundgeit steht es nicht zum Besten, aber als er hört, daß sein Bruder, mit dem er seit Jahren im Streit liegt, einen Schlaganfall hatte, steht sein Entschluß fest. Da er keinen Führerschein besitzt und fremde Hilfe inklusive Autobus nicht in Anspruch nehmen will, setzt er sich, den Anhänger vollgepackt mit Lebensmitteln, wie ein Easy Rider im Rentenalter, auf den Rasenmäher und fährt von Iowa über den Mississippi nach Wyoming. "Straight Story" ist ein Wortspiel, das David Lynch willkommen war. Denn er erzählt ja nicht nur von einem Mann dieses Namens, sondern den Mann hat es auch wirklich gegeben, also ist dies zugleich eine "straight story", eine wahre Geschichte. Schließlich empfindet Lynch die Art und Weise wie er erzählt, als direkt, unumwunden, schnörkellos und geradeaus, was eben alles auch "straight" heißen kann. In der Tat hat der Film den Mut zur Einfachheit des Klassischen. Nichts lenkt von der schlichten Handlung ab, kein zusätzlicher Konflikt soll die Geschichte spannend machen. Der Versuchung, ein Stationendrama mit unheimlichen Begegnungen zu inszenieren oder die Fahrt zur symbolischen Lebensreise zu stilisieren, hat Lynch weitgehend widerstanden. Nach wie vor befinden wir uns in diesem kleinstädtischen Amerika, in dem auch seine Horrorfilme spielen, aber die Gefahren, die diesmal drohend beschworen werden, sind der Sturz eines alten Mannes, der einen neuen Krückstock braucht oder das Versagen eines schwachen Motors auf der leeren Landstraße. Der Horror ist noch da, aber er ist mikroskopisch geworden, so daß man ihn immer wieder vergißt, wie im richtigen Leben. Das große Wunder des Films ist sein erzählerischer Rhythmus. Lynch nutzt die Ereignislosigkeit der Geschichte zu genießerischer Langsamkeit und hat damit dem amerikanischen Kino die epische Langsamkeit John Fords zurückgegeben.
Wilfried Wiegand