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Filmbuch der Woche

"A Strange World" - Das Universum des David Lynch


Eckhard Pabst (Hrsg.): "A Strange World" - Das Universum des David Lynch
http://www.verlag-ludwig.de

David Lynch gilt als einer der streitbarsten und kreativsten zeitgenössischen Filmemacher. Zahllose Autoren haben versucht, sich seinem Werk zu nähern, es zu durchdringen und verständlicher zu machen. Nicht allen ist dabei ein so gelungener Ansatz vergönnt wie der Autorengruppe um Eckhard Pabst, die im vorliegenden Buch "A Strange World" die
Regiearbeiten Lynchs aus völlig neuen Perspektiven durchleuchtet. Die Welten, die Lynch beschreibt sind fremd und seltsam. Das verschlafene Provinznest oder die donnernde Metropole prallen als gegensätzliche Extreme aufeinander und mittendrin kämpfen Individualisten um ihren Platz in einer meist grausamen und kalten Realität. Es scheint, als sei etwa die "seltsame Welt", die Jeffrey Beaumont (Kyle MacLachlan) in "Blue Velvet" betritt, das übergeordnete System, zu dem David Lynch mit jedem seiner Filme nur eine andere Pforte durchschreitet. Mit jedem Betreten der Lynchen Assoziationsräume wird die Umgebung zwar vertrauter, sie vergegenwärtigt aber auch die Andersartigkeit des Ganzen. Im Buch "A Strange World" beschäftigt sich jeder Aufsatz mit einer neuen Perspektive auf sowohl das Gesamtwerk als auch Schwerpunkte aus einzelnen Filmen. Letztlich erschaffen die Autoren so ein Kompendium der Lynchen Wahrnehmung, welches in dieser Form im deutschen Sprachraum unerreicht ist.
Eckhard Pabst (Hrsg.): "A Strange World" - Das Universum des David Lynch. Verlag Ludwig Kiel, 1999. 334 S. DM 48,-, ISBN 3-9805480-6-6.

film-dienst, Februar 1999

»A Strange World«. Das Universum des David Lynch

Hrsg. von Eckhard Pabst. Verlag Ludwig, Kiel 1998, 334 Seiten, 48,00 DM.

(Dies ist eine umfangreichere Fassung der gedruckten Film-Dienst Besprechung.)

 

Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen. In ganzen siebzehn Beiträgen wird hier ein zum Programm erhobener motivisch-thematischer Zugang zum Werk David Lynchs unternommen. Eine erste Einführung will dieser Band nicht sein (die Kenntnis der Filme wird vorausgesetzt), er macht daher chronologisch angelegte Gesamtdarstellungen wie die von Georg Seeßlen und, mit stärker biographischer Akzentsetzung, von Robert Fischer (beide in dritter, erweiterter Auflage 1997) nicht überflüssig.

Mit Bezeichnungen wie »Lynchville« (Seeßlen) und »Lynchtown« (Fischer) hat man schon früh auf den Begriff gebracht, daß David Lynch Filmwelten mit sehr eigenen Strukturen schafft. Das »Universum« des David Lynch ist jedoch mehr, es besteht nicht nur aus der Stadt und dem Inneren von architektonisch abgegrenzten Räumen. Dies zeigen die in der ersten von drei Gruppen zusammengefaßten Beiträge über »Grenzen, Ordnungen, Realitäten«. Zu vergleichbaren Ergebnissen über die Struktur dieses Universums kommen Eckhard Pabst und Olaf Schwarz: Sowohl die Architektur, deren Außenseite vielfach ›Leerstellen‹ aufweist, als auch die fantastischen Elemente der (als Ganzes keineswegs fantastischen) Filme verweisen auf eine unbestimmt bleibende ›metaphysische‹ Instanz, die den Erscheinungen der oberflächlichen Welt übergeordnet ist. Ein solches ›Anderes‹ findet sich auch in der Gestaltung des Wahnsinns, den Daniela Langer mit Foucault als das »verdrängte Wahre« herausarbeitet. Der Lesart von Lynchs Filmen als »Traumerfahrungen« geht Maurice Lahde nach, und Drehli Robnik beschäftigt sich mit dem über die Tonspur konstituierten Bedeutungsraum.

Bieten schon die Ergebnisse dieses Teils reichlich Material für eine ideologiekritische Einschätzung (besonders bei den Autoren, die sich mit einer solchen zurückhalten), so erst recht die des Abschnitts »Körper, Konfrontationen, Geschlechter«. Es geht um Erzählstrategien der Gewalt (Petra Grimm), die Kreativität der Außenseiter (Kai Jürgens), »Deformationen als ambigue Zeichen künstlerischer Freiheit und zerstörerischer Macht« (Ulrich Bähr) sowie »Kontrolle und Kontrollverlust des Körpers« (Helga Bechmann). Daß man bei Lynch immer unterscheiden muß zwischen dem Gegenstand (›matter‹) einerseits und der Art und Weise der Darstellung (›manner‹) andererseits, belegt der Vergleich der Beiträge von Gerald Koll (»FRauen, ERotik und deR veRgewaltigende Buchstabe«) und Anne Jerslev (»Visualität und ›gendered meaning‹ bei David Lynch«): Während Koll auf der Ebene des Gehalts die ›Entmenschlichung der Frau zum geheimnisvollen Wesen‹ konstatiert, zeigt Jerslev, daß Lynch durch sein vorrangiges Interesse an der Darstellung von Oberflächenphänomenen den eindeutigen, mächtigen und als solchen ›männlichen‹ Über-Blick demontiere, der entsprechend der Haltung des auktorialen, allwissenden Erzählers das klassische Hollywood-Kino dominiere. Eine sinnvolle ideologiekritische Beurteilung der Filme Lynchs kann auf dieser Grundlage jeweils nur für Teilaspekte gelten, eine Gesamtwertung bliebe mindestens anfechtbar. Schon die Worte Alice Wakefields, »You’ll never have me«, gegenüber Pete Dayton in Lost Highway versteht Jerslev so, daß Alice ein Rätsel bleiben will, in offenbar neutraler bis positiver Wertung. Koll hingegen begreift die Mystifikation der Frauen als Stilisierung des ›männlichen‹ Blicks, in negativer Wertung.

Lynchs Filme haben einen eminent zeichenhaften Charakter: Zugunsten einer Ästhetik des sich selbst genügenden Kunstwerks entziehen sie sich insbesondere einer Verpflichtung der Kunst auf Abbildung der Wirklichkeit (etwa im Sinne eines psychologischen Realismus). Dies bildet die Signatur des letzten Abschnitts, »Zeichen, Kommunikationen, Referenzen«. Behandelt werden Selbstreflexion und Selbstreferenz in »Twin Peaks« und »Lost Highway« (Petra Kallweit), der »Status von Sprache in den augenscheinlich blickzentrierten Welten David Lynchs« (Hans Krah), die auffällig religiös gefärbte Verwendung der vier Elemente (Hans Heidebreck) und die Funktion der Popsongs in »Blue Velvet«, »Wild at Heart« und »Lost Highway« (Didi Neidhart). Ferner weist Werner Barg, ausgehend von einem Vergleich mit Bildern Magrittes, die surrealen Welten hinter dem Vorhang bei Lynch als effekthaschende, banalisierte Form eines Kinos der Grausamkeit nach. Einen Beleg für die Dichte der symbolischen Verweisungszusammenhänge (auch über den einzelnen Film hinaus) in Lynchs Werk bietet schließlich die Analyse des nur scheinbar abseitigen Hunde-Motivs (Pekka Leiß).

Kennzeichnend für den gesamten Band ist das Bemühen der Autoren, die wiederkehrenden Motive und Strukturen in Lynchs Filmen herauszuarbeiten, ohne jedoch Entwicklungen und Widersprüche ›wegzuerklären‹. Ein Anspruch, Endgültiges zu sagen, wird nicht erhoben; der Band habe seinen Sinn erfüllt, wenn er in der Strittigkeit seiner Thesen einen Anteil an der weiteren Diskussion um Lynch habe. Trotz und gerade ob dieser Bescheidenheit darf man wohl sagen, daß die Literatur über Lynchs Filme um einen anspruchsvollen, beachtenswerten Beitrag reicher geworden ist. (Nicht verschwiegen werden sollte indes, daß der sprachliche Duktus die Herkunft des Bandes aus dem universitären Milieu nicht leugnet; erste Hilfe bietet immerhin das beigefügte Glossar.)


Bernhard D. Tempel

 

frame 25 Die Filmzeitschrift 2/99, S. 20 

»Eine fremde, seltsame Welt«

Mit A strange world. Das Universum des David Lynch liegt die zweite deutschsprachige Publikation über David Lynch von 1998 vor. Der Band enthält auf mehr als 300 Seiten Aufsätze verschiedener Autoren zum Werk des amerikanischen Regisseurs.
In einem jedoch unterscheidet er sich von allen deutschsprachigen
Veröffentlichungen: Die Beiträge sind sowohl von ihrer Sprache als auch von ihren
Themen durchgängig (film-) wissenschaftlich gehalten. Somit bietet der
Ludwig-Verlag nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Forschung sondern stellt auch
gleichzeitig einen Ausschnitt derselben dar. Dass das Buch als Einführung in die
Thematik daher ungeeignet ist, versteht sich von selbst. Die Aufsätze sind in drei
Bereiche segmentiert. Zunächst versucht „Grenzen, Ordnungen, Realitäten“ eine
Topografisierung des viel zitierten aber dennoch reichlich unerforschten „Lychville“.
Hier wird versucht die Lynch-typischen Variablen, die so gar nicht in den Kontext
üblicher Genres, wie Thriller, Horror- oder Gruselfilme passen wollen, in Worte zu
fassen. Vor allem der Beitrag Maurice Lahdes über die Traumerfahrung in den
Filmen David Lynchs schafft einen erhellenden Zugang zu Eraserhead, der in einem
Großteil der bisherigen Literatur über diesen offensichtlichen Traumfilm viel zu kurz
gekommen ist.
Das zweite Segment des Buches, überschrieben mit „Körper, Konfrontation,
Geschlechter“, setzt sich mit dem populärsten und bislang am häufigsten
diskutierten Thema der Lynch-Filme auseinander. In sechs Aufsätzen (unter ihnen
Anne Jerslev, die bereits 1996 eine Monografie zu David Lynch veröffentlicht hat)
sollen die Bezüge der lynchschen Körperphantasien aufgedeckt werden. Das reicht
vom eigenen Körperbild der Außenseiter-Protagonisten bis hin zu den Beziehungen
zwischen Männern und Frauen (am Beispiel Blue Velvet oder Lost Highway).
Im dritten Teil des Buches untersuchen die Autoren unter der Überschrift „Zeichen,
Kommunikation, Referenz“ die intertextuellen Bezüge des filmischen Werks Lynchs
einerseits untereinander (und betonen damit vor allem den Werkscharakter) sowie
zu anderen Genres und Gattungen. Herausstechend sind hier vor allem die Beiträge
von Petra Kallweit über die Selbstreferenz in Lost Highway und Twin Peaks sowie
der Aufsatz über die Funktion populärer Musik (mit der Überschrift: „from Blue
Velvet Underground to Wild Mainstream“) in den Filmen Lynchs. Der
Aufsatzsammlung liegt ein Seminar des Kieler Instituts für neuere deutsche Literatur
und Medien, dass von den Autoren 1997 abgehalten wurde, zugrunde. Die
Beiträge, die für eine sehr spezielle Leserschaft geschrieben sind, stellen die
Bedeutung Lynchs für die Filmkunst in der Postmoderne und ein tieferes Eindringen
in das Oeuvre seines Werks dar.

ekz-Informationsdienst 7/99 

Verschiedene Autoren befassen sich mit den Filmen David Lynchs, gehen jedoch
nicht chronologisch vor, sondern durchleuchten einzelne Motive, um die Entwicklung
des filmischen Gesamtwerkes zu erläutern und begreifbar zu machen. Die Kapitel
beschäftigen sich mit unterschiedlichen Schwerpunkten, wie Sprache, Gewalt oder
Erotik, und lassen in ihrer Gesamtheit einen „Leitfaden“ entstehen, der auf
verständliche Weise das komplizierte Werk David Lynchs näherzubringen versucht.
Für Studenten und alle Filmfans ein interessanter Einblick in die Filmarbeit des
Regisseurs.
LK/NE: Rahier