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WILD AT HEART - DIE GESCHICHTE VON SAILOR UND LULA  

Wild at Heart

Cape Fear. Irgendwo im Süden der USA zwischen Nord- und Süd-Carolina. Sailor wird von einem jungen Schwarzen bei einer Tanzveranstaltung mit einem Messer bedroht. Er tötet den Angreifer und wandert dafür ins Gefängnis. Lula, das Mädchen, mit dem er aus war und das den Totschlag miterlebte, bleibt ihm treu und holt ihn vom Gefängnis ab, gegen den Willen ihrer Mutter, die Sailor mit ihrem Haß verfolgt. Er hatte sich ihrer Zudringlichkeiten entzogen und muß nun damit rechnen, daß er als Mitwisser eines tödlichen Komplotts der Mutter und des Gangsters Marcello Santos vor Jahr und Tag gegen Lulas Vater aus dem Weg geräumt wird. Sie schickt ihren Freund Johnny dem Paar hinterher, das entgegen Sailors Bewährungsauflage den Distrikt verläßt in Richtung New Orleans mit Ziel Kalifornien. Unterwegs kommen sich Lula und Sailor immer näher. Allmählich werden ihre Lebensgeschichten deutlich: Sailor kannte seine Eltern kaum, die früh einem exzessiven Leben zum Opfer fielen. Lula wurde mit 13 Jahren von einem Bekannten des Vaters vergewaltigt, meinte bisher, der Vater haeb sich selbst angezündet und sei so gestorben, erfährt nun aber von der Rolle ihrer Mutter dabei. Inzwischen hat die Mutter ihren Komplizen Santos angeheuert, nicht nur für den Tod Sailors zu sorgen, sondern auch Johnnie, den Freund, umzubringen. Obwohl sie dies bald zu bereuen scheint, ist Johnnies Tod nicht aufzuhalten. Er wird aus dem Hotel in New Orleans entführt und von einer Gruppe skurriler Gangster erschossen. Auf der Weiterreise gerät das Liebespaar in einem texanischen Kaff an einen widerlichen Typen, der sich an beide intensiv heranmacht, an Lula, um sie sexuell zu nötigen, an Sailor, um ihn für einen Banküberfall zu gewinnen, bei dem er Sailor umbringen soll. Doch bleibt er selbst auf der Strecke; die Polizei erschießt ihn, nachdem er die beiden Bankangestellten schwer verletzt hatte. Sailor landet erneut im Gefängnis. Während der mehrjährigen Haftzeit wartet Lula auf ihn. Sie hat inzwischen ein Kind, einen Jungen, geboren. Gegen den Widerstand der Mutter holt sie Sailor vom Bahnhof ab. Sailor will auf Lula verzichten, läuft zurück und wird von einer Gang zusammengeschlagen. Dabei hat er eine "Erscheinung": eine Frau rät ihm, seine Liebe nicht zu verraten. Sailor kehrt zurück und wird von nun an ein aufrechtes, seiner Liebe und der Familie gewidmetes Leben führen. Das "Love me, Tender", das er Lula singt, hatte er für die Frau aufgehoben, die er heiraten würde. Es passiert also schon einiges in dieser Geschichte. Und doch sind nicht eigentlich Plot und Story die entscheidenden Elemente, deretwegen die Jury von Cannes diesem Film die höchste Auszeichnung dieses Jahres zuerkannte. Allein an der Mischung von amour fou, Gangstergeschichte und Road-Movie kann es nicht gelegen haben, daß sich mancher Kritiker diesem Film versagte. Es ist die Art, wie diese Geschichte erzählt wird, an der sich die Geister scheiden und scheiden werden. Lynchs Inszenierungsstil ist gewalttätig. Er schockt den Betrachter der Figuren und ihrer Reise durch fortwährende Direktheit, die zur Aufdringlichkeit wird. Die sprachlichen Vulgaritäten im Sexuellen schockieren ebenso wie die permanente Atmosphäre der Gewalt. Die Mutter mit ihrer Gangster-Schwadron kennt keinerlei Respekt vor dem Leben. Aber auch der Alltag selbst ist gewalttätig. Mehrmals werden schreckliche Verkehrsunfälle gezeigt, bei denen die Menschen in ihrem Blut liegen. Hinzu kommen Kamera- und Montagetechnik: selbst ein in Nahaufnahme entzündetes Streichholz wirkt durch Nähe und explosionsartiges Anreißgeräusch bedrohlich. Oder die Kamera rückt den widerlichen Mund mit den unappetitlichen Stummelzähnen des Gangsters Bobby Peru, wenn er Lula in seiner Gewalt hat, um sie zu erniedrigen, so nahe, daß man sich abwenden möchte. Diskretion, Dezenz, Distanz bleiben auf der Strecke.
Sicherlich ist Lynch ein Erzähler von Filmgeschichten, deren Akzent auf die schreckliche Seite des Daseins gesetzt werden, die deren Nachtseiten nachgehen und die Anomalien nicht ohne Genüßlichkeit ins Licht zerren. "Eraserhead", "Der Elefantenmensch" und Blue Velvet sind Zeugnisse davon. Daß damit das Interesse am humanen Kern des Daseins nicht suspendiert und das schiere Vermögen für diskretere Töne und Inszenierungsmethoden nicht abhanden gekommen ist, läßt sich allerdings auch nachweisen - noch zuletzt an Lynchs großem Erfolg, dem "Elefantenmenschen". Auch Lulas und Sailors Geschichte von den Gefährdungen und der schließlichen Rettung einer intensiven Liebesbeziehung. Spätestens am Ende, als der ohnmächtige Sailor seine Erscheinung in der Lichtkugel hat, wird die märchenhafte Dimension des Ganzen deutlich. Die gute Fee, die Liebende und die Liebe selbst schützt, siegt über die böse Fee - eine Pointe, die nicht ohne gehörige Portion Ironie geliefert wird: als sich Sailor erhebt, um zu Lula zurückzukehren, erlischt das Bild von Lulas Mutter im Bilderrahmen auf dem heimatlichen Wohnzimmertisch. Lulas Mutter als Hexe, die Inkarnation des Bösen, von der Lula schon während der Reise schon mehrmals Visionen hatte: eine nächtliche Verfolgerin, im Wind durch die Nacht rasend. Lulas "Leider gibt´s gute Geister nur im Märchen" signalisiert im Zuge der Geschichte zunächst die Dominanz der boshaften Kräfte für Lula. Letzten Endes bleibt aber die Liebe sieghaft inmitten von Gewalt, Perversion, Sucht, Alter (grandios die alten und invaliden Hotelmanager), Häßlichkeit (die Fellinischen Frauen bei der Trinkerrunde in Texas), Wahnsinn (Lulas Vetter, von dem sie in Rückblenden erzählt), Straßentod und Verbrechen. Die Welt - zunächst einmal die amerikanische Welt - ist in einem Zustand, der zur Verzweiflung führen kann. Als Lula im Autoradio auf jedem eingestellten Sender Nachrichten über Schrecken, Verbrechen und Perversionen findet, kann sie nur anhalten und einen wilden tänzerischen Ausgleich versuchen - Geste der Wut und der Hilflosigkeit. Und die Kamera steigt auf, um den Hintergrund freizugeben: Steppe bis zum Horizont, der sich weltkugelartig krümmt. "Diese Welt hat ein wildes Herz und ist total verrückt geworden." (Lula) Und "Ich wäre gerne in Oz". (Lula) Gegen Ende der Geschichte verlieren die Schrecken der Welt nach erneut in Bild gerückten Schrecken wie Raubüberfall und neuerlichem Unfall allmählich ihre Bedrohlichkeit. Als Sailor Lula sein zuckersüßes "Love me, Tender" auf der Motorhaube ihres Wagens anträgt, hat sie, den kleinen fröhlichen Sohn im Wagen, das ur-amerikanische Zauberland Oz erreicht. Es bleibt letztlich die Frage, ob dies die neue Filmsprache sein soll - bekannte, wenn auch elementar so wichtige Geschichten zu erzählen und dabei so extreme akustische und optische Mittel einzusetzen, daß mancher Zuschauer den Kinoraum gerädert verläßt. Eines bedingt zunehmend das andere: die Schrecken unserer Zeit teilen sich über die Ausdrucksmittel der Medien mit, wobei die Medien selbst zum Schrecken werden können.
Reinhold Jacobi

STELLUNGNAHME DER KOMMISSION
Ein junger Mann flieht mit seiner Freundin, vom tödlichen Haß ihrer Mutter verfolgt, quer durch Amerika. Vor einem wahren Horror-szenario von Gewalt, Schmutz, Armut, Verrat und Tod wächst das Vertrauen der beiden zueinander. Nach dem gescheiterten Banküberfall und der Verbüßung der mehrjährigen Haftstrafe findet der Mann endlich den Mut, sich seiner Liebe zu stellen. Mit gewaltigem Bild-, Ton- und Musikaufwand opernhaft inszenierte Mischung aus "amour fou", Gangstergeschichte und Road-Movie, die aus einer ironischen Märchenhaltung heraus die schrecklichen und widerwärtigen Seiten des Lebens schlaglichtartig erhellt, aber auch nachhaltig humane Werte und die Schönheiten des Daseins beschwört. Eine nicht selten geschmacklose Collage, die als verdichtete Momentaufnahme gegenwartsbezogener Realitäts- und Weltbetrachtung verstanden werden kann.