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film-dienst 1990 |
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WILD AT HEART - DIE GESCHICHTE VON SAILOR UND LULA
Wild at Heart
Cape Fear. Irgendwo im Süden der USA zwischen Nord- und Süd-Carolina. Sailor wird von einem jungen Schwarzen bei einer Tanzveranstaltung mit einem Messer bedroht. Er tötet den Angreifer und wandert dafür ins Gefängnis. Lula, das Mädchen, mit dem er aus war und das den
Totschlag miterlebte, bleibt ihm treu und holt ihn vom Gefängnis ab, gegen den Willen ihrer Mutter, die Sailor mit ihrem Haß verfolgt. Er hatte sich ihrer Zudringlichkeiten entzogen und muß nun damit rechnen, daß er als Mitwisser eines tödlichen Komplotts der Mutter und des Gangsters Marcello Santos vor Jahr und Tag gegen Lulas Vater aus dem Weg geräumt wird. Sie schickt ihren Freund Johnny dem Paar hinterher, das entgegen Sailors Bewährungsauflage den Distrikt verläßt in Richtung New Orleans mit Ziel Kalifornien. Unterwegs kommen sich Lula und Sailor immer näher. Allmählich werden ihre Lebensgeschichten deutlich: Sailor kannte seine Eltern kaum, die früh einem exzessiven Leben zum Opfer fielen. Lula wurde mit 13 Jahren von einem Bekannten des Vaters vergewaltigt, meinte bisher, der Vater haeb sich selbst angezündet und sei so gestorben, erfährt nun aber von der Rolle ihrer Mutter dabei. Inzwischen hat die Mutter ihren
Komplizen Santos angeheuert, nicht nur für den Tod Sailors zu sorgen, sondern auch Johnnie, den Freund, umzubringen.
Obwohl sie dies bald zu bereuen scheint, ist Johnnies Tod nicht aufzuhalten. Er wird aus dem Hotel in New Orleans entführt und von einer Gruppe skurriler Gangster erschossen.
Auf der Weiterreise gerät das Liebespaar in einem texanischen Kaff an einen widerlichen Typen, der sich an beide intensiv heranmacht, an Lula, um sie sexuell zu nötigen, an Sailor, um ihn für einen Banküberfall zu gewinnen, bei dem er Sailor umbringen soll. Doch bleibt er selbst auf der Strecke; die Polizei erschießt ihn, nachdem er die beiden Bankangestellten schwer verletzt hatte. Sailor landet erneut im Gefängnis. Während der mehrjährigen Haftzeit wartet Lula auf ihn. Sie hat inzwischen ein Kind, einen Jungen, geboren. Gegen den Widerstand der Mutter holt sie Sailor vom Bahnhof ab. Sailor will auf Lula verzichten, läuft zurück und wird von einer Gang zusammengeschlagen. Dabei hat er eine "Erscheinung": eine Frau rät ihm, seine Liebe nicht zu verraten. Sailor kehrt zurück und wird von nun an ein aufrechtes, seiner Liebe und der Familie gewidmetes Leben führen. Das "Love me, Tender", das er Lula singt, hatte er für die Frau aufgehoben, die er heiraten würde. Es passiert also schon einiges in dieser Geschichte. Und doch sind nicht eigentlich Plot und Story die entscheidenden Elemente, deretwegen die Jury von Cannes diesem Film die höchste Auszeichnung dieses Jahres zuerkannte. Allein an der Mischung von amour fou, Gangstergeschichte und Road-Movie kann es nicht gelegen haben, daß sich mancher Kritiker diesem Film versagte. Es ist die Art, wie diese
Geschichte erzählt wird, an der sich die Geister scheiden und scheiden werden. Lynchs Inszenierungsstil ist gewalttätig. Er schockt den Betrachter der Figuren und ihrer Reise durch fortwährende Direktheit, die zur Aufdringlichkeit wird. Die sprachlichen Vulgaritäten im Sexuellen schockieren ebenso wie die permanente Atmosphäre der Gewalt. Die Mutter mit ihrer Gangster-Schwadron kennt keinerlei Respekt vor dem Leben. Aber auch der Alltag selbst ist gewalttätig. Mehrmals werden schreckliche Verkehrsunfälle gezeigt, bei denen die Menschen in ihrem Blut liegen. Hinzu kommen Kamera- und Montagetechnik: selbst ein in Nahaufnahme entzündetes Streichholz wirkt durch Nähe und explosionsartiges Anreißgeräusch bedrohlich. Oder die Kamera rückt den widerlichen Mund mit den unappetitlichen Stummelzähnen des Gangsters Bobby Peru, wenn er Lula in seiner Gewalt hat, um sie zu erniedrigen, so nahe, daß man sich abwenden möchte. Diskretion, Dezenz, Distanz bleiben auf der Strecke.
STELLUNGNAHME DER KOMMISSION |