| Filmfaust, 44/ 1985, p.25-26 |
Filmfaust-Gespräch EIN GESPRÄCH, GANZ KURZES, MIT DAVID LYNCH "SAND IM GETRIEBE DER REGIE" Von Gernot Gricksch und Kristian Lutze "Wo zwei Elefanten sich lieben, wächst kein Gras mehr" lautet ein altes, chinesisches Sprichwort. Vielleicht erklärt das den zahlreichen, genüsslich gefilmten Sand im "Wüsten Planeten". Daß bei einem geschäftlichen Koitus zwischen dem Kreativ-Mammut David Lynch und dem Kapital-Dinosaurier de Laurentiis nichts gescheites herauskommt, war abzusehen. Welch katastrophale Ausmaße das gemeinsame Kind dann aber schließlich hatte, verblüffte doch. Waren Lynchs letzte Filme "Eraserhead" und "Der Elefantenmensch" noch subtile, atmosphärische Studien des menschlichen Geistes, so ist der "Wüstenplanet" in seinem dumpfen Pathos nicht nur langweilig, sondern durch seine erzreaktionäre Aussage auch noch gefährlich. Einzig das Visuelle überzeugt - doch was sind die schönsten Bilder, wenn sie eine Geschichte mit Niveau eines Konsalik-Bestsellers er-zählen? Die Schauspieler haben zu alledem auch noch ganz offensichtlich eine mehrjährige Ausbildung bei "Madam Tussaud" hinter sich, denn auch der totale Verzicht will gelernt sein. Wir sitzen also mit David Lynch in seiner Nobel-Suite, nehmen es ihm unterschwellig übel, daß sein Schinken den wundervollen "Greystoke" in die Schachtelkinos verbannt hat, und erfreuen uns an seiner sehr amerikanischen Art: Dynamisch, charmant und auf eine sehr beredte Art nichtssagend. Filmfaust: Warum, glaubst Du, hast Du den Auftrag zum Projekt "Wüstenplanet" bekommen? Du hast doch ganz sicher nicht das Image eines kommerziellen Filmemachers? D.L.: Es war merkwürdigerweise mein "Elefantenmensch" der Dino de Laurentiis gefiel. Dino trifft seine Entscheidungen auf sehr subjektive Weise. Er rief mich in sein Büro, sah mir in die Augen und sagte: "Okay, wir lassen fünf gerade sein - wir machen es". Filmfaust: Aber gerade zwischen dem "Elefantenmenschen" und dem "Wüstenplaneten" bestehen doch erhebliche Diskrepanzen. Im "Elefantenmenschen" haben die Figuren Charakter, sie interessieren den Zuschauer, während die Personen im "Wüstenplaneten" meist rein funktional für den Fortgang der Handlung sind. D.L.: Nun, der "Wüstenplanet" ist kein 16 Stunden-Film in dem man alle Charaktere sorgfältig entwickeln kann. Die Figuren im Film sind aber meiner Meinung nach auch längst nicht so flach, wie Du sie beschreibst. Sie sind keine Skulpturen, die ich wirklich mag. Filmfaust: Der "Wüstenplanet" ist hier in Europa noch nicht auf sehr viel Beifall gestoßen, bei der Pressevorführung heute morgen gab es an zahlreichen Stellen Lacher, die dort ganz sicher nicht beabsichtigt waren. Auch die Kritik, die den "Elefantenmenschen" noch enthusiastisch als Kunstfilm des "Auteur Cinema" feierte, reagierte überwiegend enttäuscht. Glaubst Du es ist eine Mentalitätsfrage zwischen Amerikanern und Europäern? D.L.: Das kann sehr gut sein. Bei den Vorführungen in den Staaten hat keiner gelacht. Ich glaube aber nicht, daß man meinem Film vorwerfen kann, er sei zu pathetisch. Es gibt in der Romanvorlage bestimmte Gefühle, die ich auf die Leinwand übertragen muß. Um noch einmal auf die Mentalitätsunterschiede zu sprechen zu kommen - ich glaube, die europäische Kritik ist längst nicht so tolerant wie die der USA. Während in Europa dem "Wüstenplaneten" mangelnde Kreativität vorgeworfen wird und "Eraserhead" und der "Elefantenmensch" in eine Kategorie gesteckt werden, sind die meisten Kritiker in den Staaten der Meinung, der Film würde dem Buch gerecht, sei aber trotzdem ähnlich abstrakt wie "Eraserhead". Es ist einfach so, daß Du mit den Einschränkungen leben mußt, die eine Adaption einer Romanvorlage mit sich bringen. Filmfaust: Wie ist das mit Sting? Er spielt doch nur eine wirklich kleine Rolle im Film, die für den Inhalt auch noch gänzlich unerheblich ist. Trotzdem prangt er auf allen Titelbildern und sein Name wird zu Werbezwecken gehörig ausgeschlachtet. Hat der Film so primitive Promotion nötig? D.L.: Sting wurde schon sehr früh vorgeschlagen. Damals war ich dagegen, daß er im Film mitspielt, genau aus dem Grund, daß seine Beteiligung als Promotion ausgelegt werden könnte. Ich habe ihn dann aber in Ausschnitten anderer Filme gesehen und war der Meinung er sei perfekt für diese Rolle. Filmfaust: Wir waren sehr beeindruckt von den Bildern im Film. Doch manchmal wirkten sie auf uns nicht gerechtfertigt. Der visuellen Effekte zuliebe geriet unserer Meinung nach die Story ins stocken. Die Teile wirkten aneinandergesetzt. D.L.: Diesen Vorwurf finde ich nicht fair. In der Vorlage gibt es eine Menge Dinge, die einer völlig glatten Struktur im Wege stehen. Es gibt zeitliche Schwankungen, Visionen und innere Monologe - das erschwert die Sache natürlich. Dennoch bin ich der Meinung es gibt einen thematischen Zusammenhang. Filmfaust: Von welchen Regisseuren bist du beeinflußt? D.L. Vorwiegend von alten: Billy Wilder, Fritz Lang, Stanley Kubrick, Fellini, Bergmann. Ich mag "Stroszek" von Werner Herzog. "Sunset Boulevard" ist einer meiner Lieblingsfilme. Filmfaust: Wir hatten eher auf die europäischen Surrealisten getippt. Bunuel oder Cocteau. D.L.: Ja, Cocteau mag ich auch und Jacques Tati. Filmfaust: Wie sehen Deine nächsten Pläne aus? D.L: Falls der "Wüstenplanet" ein Erfolg wird, werde ich bei einer Fortsetzung Regie führen. Ansonsten habe ich zwei Drehbücher geschrieben, die ich gern verfilmen würde. Das eine stellt eine eigenwillige Mordgeschichte dar und heißt "Blue Velvet" - das andere ist eine Komödie mit Titel "Ronnie Rocket". Filmfaust: Teilst Du die Ansicht, daß Hollywood mit seinen technischen Effekten in einer kreativen Sackgasse steckt? D.L.: Nein. Es werden immer noch gute Filme gemacht, obwohl ich in letzter Zeit keinen Film mehr gesehen habe, den ich wirklich liebe.
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