filmforum November / Dezember 1999

Flüge übers Korn

Neues von David Lynch: "The Straight Story"

Zu all den Meinungen und Halbwahrheiten, die rund um THE STRAIGHT STORY kursieren, vorab eine Klarstellung: THE STRAIGHT STORY ist weder "ein ganz anderer Lynch" noch ein Film, aus dem nicht ersichtlich werden würde, welchem Universum er entspringt. THE STRAIGHT STORY ist ein Film, der sich der verbreiteten (und bequemen) Methode der Einordnung in die Autorenlade ebenso widersetzt wie der Annahme, der Regisseur habe mit diesem Film "Lynchville" verlassen. Doch dazu später.

Von Michael Pekler

Schon aus den Reiseberichten des Spätmittelalters wird ersichtlich, wie Wahrnehmung und Selektion eminent kulturgeschichtlich bestimmt sind. Man sieht immer das, was und vor allem wie man sehen möchte. Die Motivation des Reisens ist von jeher unterschiedlich, in heutiger Zeit aber wohl mit Suche nach temporärem Glück, Flucht aus den Zwängen des Alltags oder schlicht mit Kompensation in Zusammenhang zu bringen. Was frühere Reisen nun mit heutigen in erster Linie unterscheidet, ist deren Unbestimmtheit um die Ankunft am Ziel und, wichtiger noch, die Unbestimmtheit um die eigene Rückkehr. Egal ob Botschafter, Missionar oder Pilger - die Rückkehr war nicht immer garantiert, oft sogar - schon wegen der Länge der Wegstrecke - a priori ausgeschlossen.

Auch ob Alvin Straight (Richard Farnsworth) von der Reise, die er unternimmt, wieder heimkehren wird, ist nicht gewiß. Sicher ist jedoch, daß sich auf seiner Reise nicht nur seine, sondern auch unsere Sehgewohnheiten ändern. Zuhause ist 73jährige Witwer mit seiner leicht behinderten Tochter Rose (großartig: Sissy Spacek) in Laurens, Iowa - sein Ziel liegt über 500 km weiterund jenseits des Mississippi in Mount Zion, Wisconsin, dem Wohnort seines Bruders Lyle (Harry Dean Stanton). Die Reise unternimmt Alvin, als er vom Schlaganfall Lyles erfährt, obwohl oder gerade weil er mit ihm verfeindet ist uns seit zehn Jahren kein Wort gewechselt hat. Selbst gehbehindert, beinahe blind und beim Arzt der Wahrheit ins Auge geblickt, tritt Alvin - entgegen aller Ratschläge - die Fahrt an: auf einem "John Deere" - Rasenmäher, Baujahr 1966, der auf ganze acht km/h beschleunigt. Die folgenden Wochen ist Alvin auf der Straße, am Ende wird er sein Ziel erreichen.

Damit wäre die Geschichte, die auf der wahren Begebenheit des wirklichen Alvin Straight beruht, aber auch schon zur Genüge getan. Unnötig, auf das Wortspiel im Titel hinzuweisen, entwickelt sich THE STRAIGHT STORY tatsächlich zu einem geraden Film, der jedoch nur vordergründig die endlosen Verkettungen und das Ineinandergreifen bisheriger Lynch-Filme zur Seite stellt. In endlosen Kameraflügen über goldene Kornfelder, zuerst immer auf den Boden gerichtet, um sich dann umso eindrucksvoller zum Horizont hin zu öffnen, inszeniert Lynch die Fahrt des alten Mannes als Reise durch einen sonnendurchfluteten Mittleren Westen. Zur Erntezeit durchquert Alvin Straight das Land, das - auch wenn von Gewittern unterbrochen - meist vor Helligkeit erstrahlt. Die Anfangssequenz scheint da noch am ehesten in das Weltenbild des David Lynch zu passen, wenn die Kamers Freddie Francis` aus dem Sternenhimmel kommend über Felder in den Vorgarten eines weißen Hauses mit blauen Fensterrahmen schwebt, um auf die Rückseite gelangend ein Fenster immer genauer ins Visier zu nehmen. Doch ebenso wie der später während der Fahrt ins Bild rückende gelbe Mittelstreifen scheint dies mehr Reminiszenz und Erinnerung zu sein als die Beschwörung bekannter Lynch-Symptome. BLUE VELVET und LOST HIGHWAY werden in diesem Film nicht durch bestimmte Einstellungen oder Sequenzen zum Vorschein kommen, sondern in der dem Film eigenen Art.

Und diese ist in THE STRAIGHT STORY ambivalent: Natürlich ist der Film auch ein road-movie, und vielleicht tatsächlich das vorab apostrophierte "slowest road-movie ever", aber das, was THE STRAIGHT STORY über ein road-movie hinaus erhebt, ist der Umstand, daß der Film weniger entwicklungspsychologisches Stationendrama für seine Helden ist als vielmehr ein Festhalten dessen, was im road-movie gemeinhin unter die Räder kommt: Nebensächliches, Detailbetrachtungen, scheinbar Unwesentliches, das plötzlich zum Wesentlichen werden kann. Und hier kommt es dann auch zum Vorschein - das Befremdende, die plötzliche Unsicherheit, die Stille, Lynch. Wenn bei drohendem Wolkenbruch die rettende Scheune durch die Langsamkeit des Gefährts als das im Moment Unerreichbarste der Welt erscheint, wenn wenige Meter vor dem Haus des Bruders der Motor versagt und Alvin still auf seinem Vehikel sitzenbleibt, oder wenn der Mäher nicht mehr anspringt und in der Stille der Landstraße plötzlich das Zirpen der Grillen hörbar wird, aus dem plötzlich die bedrohliche Kraft der Natur erwächst. Überhaupt rückt in THE STRAIGHT STORY mit demSound-Design der Film vermutlich noch am ehesten in die Nähe des rauschenden Lynch-Kosmos (auch wenn Angelo Badalamentis Leitmotiv an jenes aus Eastwoods UNFORGIVEN gemahnt - eine auf anderer Ebene interessante Nähe).

Natürlich trifft Alvin Straight auf seiner Reise verschiedene Menschen, die den Film auch strukturieren und Haltepunkten gleichkommen. So die junge Ausreißerin, eine Gruppe Radfahrer und vor allem die Einwohner jenes Nests, in dem Alvin seinen Mäher reparieren lassen muß. Doch diese Begegnungen wirken sich vor allem auf die andern aus, Alvin Straight selbst scheint eher an der Aufarbeitung seines Lebens beschäftigt, wie im Gespräch mit einem anderen Kriegsveteranen, wenn Erinnerungen und alte Schuld wachgerufen werden. Deshalb ist THE STRAIGHT STORY auch rückwärts gerichteter Reise-Film (und durchaus in der Nähe zu den letzten Arbeiten Kitanos), weil sich die Zeit vom zurückgelegten Raum und teleologisch orientierten Weltzusammenhang zu verabschieden beginnt und es um die Frage geht, an was man sich erinnern wird können.

"Sit down, Alvin", heißt es zum Schluß, wenn der Bruder auf die Veranda des verfallenen Hauses tritt und Harry Dean Stanton noch nicht gesehen hat, wie  er Besuch bekommen hat. Wenn sein Blick dann auf das lächerliche Gefährt fällt und sein Kinn zu zucken beginnt, haben die Brüder Tränen in den Augen, während die Kamera dorthin zurückkehrt, woher sie zu Beginn gekommen war. Man soll nicht immer Vorsicht walten lassen: THE STRAIGHT STORY ist defintiv der schönste Film des Jahres.