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Frankfurter Rundschau, 18.05.2001 |
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Die Freuden der Amnesie Showdown in Cannes: Godard und Rivette vs. Lynch und Sean Penn Von Peter Körte Wenn man zu zweifeln beginnt, dass es ein Leben jenseits der Croisette gibt, dann hat das Festival seinen kritischen Punkt erreicht. Die üblichen Verdächtigen sind alle versammelt, die Cannes wie eine etwas überdrehte Familien-Soap erscheinen lassen. Jack Valenti, der Außenminister des US-Kinos, sprühte vor Optimismus in seinen schrecklichen zweifarbigen Oberhemden, Harvey Weinstein strich hungrig wie ein Keiler auf der Filmjagd über die Croisette, während Quentin Tarantino heiser und noch immer projektlos in der Carlton-Bar saß. Man ist versucht, den immergleichen Türhütern die Hand zu schütteln, dem Bettler mit der Bild-Zeitung auf dem Schoß mal wieder ein paar Francs zu geben oder sich zu erkundigen, wann die Hostessen im Palais endlich mal wieder ein neues Uniformdesign bekommen im Land der Haute-Couture. Und man könnte nachts durch Cannes schlafwandeln wie ein Schauspieler, der beim 20. Take nicht mehr weiß, in welchem Film er eigentlich spielt. Transatlantischer Showdown Wenn es einem dann auch im Kino so geht, ist das Unheil nicht weit. Unbegreiflich, was Cédric Kahns Roberto Succo in den Wettbewerb geführt hat, so kraftlos, so einfallslos wird zwei Stunden lang die "wahre Geschichte" des italienischen Elternmörders erzählt, der Mitte der 80-er Jahre auch in Südfrankreich sein Spur aus Mord, Raub und Vergewaltigung hinterließ. Ihn habe die Story, aus der Bernard-Marie Koltès vor Jahren ein Bühnenstück gemacht hat, an einen Roman von James Ellroy erinnert, sagt Kahn. Gedreht hat er einen Film von der Sprengkraft einer Tatort-Folge, den auch das Cinemascope-Format nicht kinotauglicher macht und dessen pseudo-dokumentarischer Erzählgestus des "Und dann" nie, wie versprochen, ins Innere des Serienkillers vordringt. Doch Kahn war vielleicht nur ein Täuschungsmanöver, denn von einem Tag auf den anderen hat das Festival in einen anderen Gang geschaltet. Die Programmdramaturgie hatte für einen transatlantischen Showdown gesorgt, indem sie innerhalb von 24 Stunden Sean Penn und David Lynch gegen Godard und Rivette ins Palmenrennen schickte. Vor dem absichtsvoll viel zu klein gewählten Saal, in dem Godards Éloge d`amour gezeigt wurde, kam es fast zu Handgreiflichkeiten, und hinterher bestätigte sich nur, dass die Legende Godard bei den meisten mehr Aufregung erzeugt hatte als sein neuer Film. Zugänglich wie schon lange nicht mehr legt der 70-jährige seine zweiteilige Etüde über die Stadien der Liebe an, in der das Vergangene farbig und die Pariser Gegenwart schwarzweiß ist. Zieht man die so billigen wie galligen Sottisen gegen Hollywood und den Lieblingsfeind Spielberg ab, so bleibt eine mal melancholische, mal amüsante Reflexion über die Erinnerung und die Geschichte, über die Unmöglichkeit, von der Liebe zwischen Erwachsenen zu sprechen, ohne eine Geschichte zu erzählen. Der Film ist selbst das Projekt von dem er handelt - "etwas" und "über die Liebe" liest man immer wieder in den Zwischentiteln -, und der unsichtbare Sprecher, dessen Assistent über die Leinwand zieht und mit verschiedenen Menschen redet, lässt offen, ob es ein Roman, ein Film, ein Theaterstück oder eine Oper werden soll. So verwandelt sich das Kino in eine unendliche Reflexionsschleife, denn, so wird der Sprecher nicht müde zu wiederholen: "Wenn man an etwas denken will, muss man an etwas anderes denken." An diesem unmöglichen Punkt hat Godard sich eingerichtet, als Stachel im Fleisch, und wenn man seine Eloge sieht, denkt man an etwas anderes, wie man danach in anderen Filmen an Godard denkt. Und das ist nicht gerade wenig. Auch Jacques Rivette spricht vom Kino lieber, indem er von etwas anderem spricht. Er schickt es ins Theater. In Va savoir, dem mit zweieinhalb Stunden längsten Film des Wettbewerbs, kommen eine französische Schauspielerin (Jeanne Balibar) und ihr Freund, ein italienischer Regisseur, nach Paris, um Pirandello zu spielen. Sie besucht ihren alten Liebhaber, er sucht ein verschollenes Goldoni-Stück, und beide finden sie sich in amourösen Verwicklungen wieder. Aus den Querverbindungen der Figuren entsteht ein feines Netz, in dem sich auch Heidegger, ein gestohlener Ring, viel Kuchen und zwei Flaschen Wodka verfangen. Va savoir ist leichtfüßig und großzügig gegenüber den Schauspielern, voller kleiner Rätsel und mit einem finalen Coup, der alle auf der Theaterbühne zusammenführt wie in einem Boulevard-Stück - sieben Personen haben ihren Autor gefunden, und Rivette beweist im Gegensatz zu anderen Versuchen, dass man das Theater im Kino auch wie ein guter Hegelianer aufheben kann. So zog die alte Nouvelle Vague ihre Bahnen durch ihr Universum und ließ den französischen "Nachwuchs" dieses Jahrgangs eher alt aussehen. Sean Penn, mit 40 einer der Junioren, sollte schon in Berlin dabei sein, doch Streit unter der Produzenten verhinderte das. Hier ist er besser aufgehoben, allein schon weil sich am Anfang und am Ende zwei Überblendungen finden, die wie ein Déjà-vu zu Godard wirken. The Pledge beruht auf Dürrematts Roman Das Versprechen, der wiederum aus dem deutschen Film Es geschah am hellichten Tage entstand. Ein Cop im Ruhestand, den der Mord an einem kleinen Mädchen nicht los lässt, gelobt, das Verbrechen aufzuklären, er nimmt die Spur auf und macht nolens volens ein kleines Mädchen zum Köder. Im Spiel des enorm disziplinierten Jack Nicholson liegt dabei ein fernes Echo von "Chinatown", wo das gut gemeinte Handeln auch wie bei diesem Dürrenmatt in Nevada alles nur schlimmer machte. Dass Penns Film in den USA durchgefallen ist, wundert nicht weiter. Es gibt eine in Hollywood rare Symbiose von Handlung, Landschaft und Atmosphäre, und so kann auch die Erzählung ihren eigenen Rhythmus entwickeln und eher den Ton einer "American novel" ales eines Genrefilms halten. Nicholsons Figur scheitert am radikalen Einbruch der Kontingenz. Dass er mit seinem Verdacht Rechte hatte, kann er nicht mehr beweisen; gegen die Konvention verweigert Penn auch dem Zuschauer diese letzte Gewissheit. Er lässt die Geschichte in der Möglichkeitsform enden, weil der Tod, mit dem alles begann, auch am Schluß der Kriminalerzählung deren übliche Logik überschreibt. Frauen zum Herunterladen David Lynch, dessen Mulholland Drive gleich den Irrealis vorzieht, hat in jedem Fall die schönste Inhaltsangabe geliefert: "A love story in the city of dreams." Auch wenn es dann ganz so einfach nicht kam, gehörten die knapp zwei Stunden im Archipel Lynch zu den aufregenderen dieses Jahrgangs. Aus der Luft betrachtet, so hat mal jemand gesagt, gleiche der Mulholland Drive, der sich über 30 Meilen durch die Santa Monica Mountains zieht, einer schlafenden Frau. Eine Frau entgeht nachts dort einem Mordanschlag und Autounfall, verliert aber das Gedächtnis. Wo der film noir die Amnesie immer nur im Lichte ihrer Überwindung benutzt hat, wird sie bei Lynch zum Labyrinth, aus dem es keinen Notausgang mehr gibt. Nach dem Interim von Straight Story ist der Plot hier mindestens so gewunden und tückisch wie der Mulholland Drive, ein "Lost Highway" mit sinistren Gestalten und einem magischen blauen Kästchen, nach dessen Öffnung die Narration zusehends zerfällt, so dass Godard daran seine Freude gehabt hätte. Der Rollentausch zwischen der Amnesierin und ihrer unschuldigen blonden Geliebten ist keine simple Spiegelverkehrung; Lynch lässt beide untereinander und mit Dritten Eigenschaften austauschen und in ein Film-im-Film-Szenario stolpern, bis der Ariadnefaden der Erzählung sich unauflöslich verknotet hat. Ursprünglich als Pilotfilm für eine TV-Serie à la Twin Peaks geplant, gefiel das Produkt beim Network ABC erwartungsgemäß nicht. Der Kinofilm, den Lynch mit Hilfe von Canal Plus daraus gemacht hat, hat allerdings mehr lose Enden, als es selbst die vertrackte Grundidee erlaubt. So unübersehbar sich das Wettbewerbsniveau hob, weder Lynch und Penn noch die beiden älteren Herren sorgten für jenen Kick, der einen von ihnen sofort in die Pole Position gebracht hätte. Favoriten gibt es kurz vor Schluss daher wieder fast so viele wie Filme konkurrieren, weil jeder sich seinen Tipp aus eigenen Vorlieben und vermeintlichen Einsichten in die Psyche der zehn Juroren komponiert. Dabei wäre doch alles so einfach, wenn der Film schon existieren würde, der erst noch gedreht werden muss. The World´s Most Downloaded Woman heißt er und handelt von Danni Ashe, die als Stripperin begann, zur Online-Unternehmerin wurde und nun die US-Regierung in Sachen Jugendschutz im Netz berät. Nach Cannes war sie gekommen, um ihre Autobiografie nebst einer Kollektion von Videos und DVDs voller "nacktem Humor" anzukündigen, und wer noch nicht zu der einen Milliarde Downloader gehört, der sollte diesen Artikel unter www.BillionDownloaderWoman.com um die Filmrechte mitbieten. Dafür muss man Cannes` virtuelle Welt gar nicht verlassen. Man kann bleiben und einfach warten, bis man sich auf der Rue d`Antibes fühlt wie in einem Film von David Lynch. |